Mit dem «Internet der Dinge» die Alpen erschliessen

Die Swisscom testet, ob sich das neue Parallelnetz zum Internet im Berggebiet einsetzen lässt. Landwirtschaft und Tourismus könnten so den Anschluss an die Digitalisierung wahren.

Windböen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde müssen Antennen für die Patrouille des Glaciers widerstehen. Foto: Lucas Wassmann (Swisscom)

Windböen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde müssen Antennen für die Patrouille des Glaciers widerstehen. Foto: Lucas Wassmann (Swisscom)

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Die Patrouille des Glaciers ist das weltweit grösste Rennen im Skibergsteigen. 1600 Profi-Mannschaften mit je drei Läufern werden vom 17. bis 21. April erneut die 56 Kilometer lange Strecke von Zermatt via Arolla nach Verbier unter die Füsse nehmen. Der Gebirgswettlauf, an dem auch Soldaten ausländischer Armeen teilnehmen, ist nicht frei von Gefahren. Er findet im hochalpinen Gebiet mit Höhenunterschieden von 4000 Metern statt. Da die Athleten vorgegebene Zeiten für die Etappen erfüllen müssen, sind sie auch in der Nacht unterwegs.

Um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten, führt jede Patrouille ein Mobiltelefon mit, über das sie Hilfe anfordern kann. Zusätzlich sind die Mannschaften mit einem System zur satellitengestützten Positionsbestimmung ausgestattet. Als weltweite Premiere testet die Swisscom in diesem Jahr, ob sich die Standorte der Mannschaften über das sogenannte Internet der Dinge anstatt über das herkömmliche Mobilfunknetz übermitteln lassen. Die Informationen fliessen alle zwei Minuten in der Einsatzzentrale der Schweizer Armee in der ­Kaserne Sion zusammen. Das Militär organisiert den Wettbewerb und führt ihn durch. Swisscom ist Technologiepartner der Patrouille des Glaciers.

Antenne auf 3800 Meter Höhe

Das Internet der Dinge ist für die Berggebiete eine Möglichkeit, den Anschluss an die Digitalisierung zu behalten. Könne die Swisscom die Machbarkeit für das Internet der Dinge im alpinen Gebiet belegen, «wollen wir das neue Netz dort ausbauen, wo eine Nachfrage besteht», sagt Christian Neuhaus, Swisscom-Projektleiter für die Patrouille des Glaciers. Ziel sei es, dass «neue Dienste für Berggänger Realität werden». Doch vom Test zu einem funktionierenden Geschäft ist es noch ein weiter Weg.

Um zu beweisen, dass die Technik auch in unwirtlichem Berggelände funktioniert, fährt die Swisscom beim Feldtest anlässlich der Patrouille des Glaciers viel Material auf. 25 Empfangsanlagen wurden aufgestellt, um das Gebiet entlang der Wettkampfroute mit dem Internet der Dinge abzudecken. Die am höchsten gelegene Antenne steht auf dem Berg Tête Blanche auf 3800 Meter über Meer. Das Material liess der Telecomkonzern mit Seilbahnen und Heli­koptern in die Walliser Alpen schaffen. «Wir führen ein riesiges Feldexperiment durch», sagt Joachim Ernst von Swisscom Broadcast, die für die schweizweite Verbreitung von Ton- und Bildsignalen verantwortlich ist.

Ernst hat das spezielle Netz für die Patrouille des Glaciers geplant und getestet. Dazu entwarf er die Netzabdeckung quasi auf dem Reissbrett. Simulationen bestätigten, dass die theoretischen Modelle funktionieren. Im Gelände überprüfte er, ob die Netzversorgung gewährleistet ist. Die Instrumente unterzog er ebenfalls harten Tests: «Wir haben im Labor in der Klimakammer geprüft, ob die Ortungsgeräte auch bei minus 20 Grad zuverlässig laufen, und ob die Lebensdauer der Batterie beeinträchtigt ist», sagt er. Jetzt wird sich zeigen, ob die Annahmen korrekt waren und das Internet der Dinge im frostigen und unwegbaren Berggebiet wie erwartet verfügbar ist.

«Wir haben im Labor geprüft, ob die Ortungsgeräte auch bei minus 20 Grad zuverlässig laufen.»

Joachim Ernst, Swisscom

Die Swisscom hofft, dass sie die Technik auch anderen Branchen in den Bergregionen schmackhaft machen kann. Beispiel Tourismus: Ferienorte geben Ortungsgeräte an Wanderer und Skifahrer ab. Wenn sie verunfallen oder sich verirren, können die Rettungskräfte sie schneller aufspüren. Der Dachverband Schweiz Tourismus weist auf andere Möglichkeiten hin, mit denen Hotels und Bergbahnen ihre Prozesse und ­Angebote verbessern können: Zimmertüren und Minibars, die sich mit dem Smartphone öffnen lassen. Oder das Steuern von Besucherströmen an Skiliften, um Wartezeiten zu verringern. «Der Zugriff auf neue, leistungsfähige Netztechnologien ist für alle Tourismus­destinationen von grosser Bedeutung», sagt Verbandssprecher Markus Berger. «Auch Feriengäste profitieren, indem sie ihren Aufenthalt vor Ort besser planen und gestalten können.»

Sensoren im Bienenstock

Auch in der Landwirtschaft bieten sich Einsatzmöglichkeiten für das Internet der Dinge. Bereits auf dem Markt sind Anwendungen für Imker: Sensoren im Bienenstock sammeln Daten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck. Dies erlaubt Rückschlüsse auf die Aktivität der Bienen, zum Gewicht des Bienenstocks und damit zum Füllstand der Waben. Die Daten werden über das Internet der Dinge auf das Smartphone oder Tablet des Imkers übermittelt. So kann er sich ein Bild darüber machen, ob seine Insekten gesund sind, und wenn nötig reagieren, bevor das Bienenvolk Schaden nimmt.

Daten zu Dingen wie Feuchtigkeit und Luftdruck im Stock erhalten Imker heute direkt auf ihr Smartphone. Keystone/Laurent Gilliéron

Das gleiche Messprinzip wie im Bienenstock liesse sich für das Vieh im Stall anwenden. «Wir sind offen gegenüber neuen Technologien, die zur Weiterentwicklung der Berggebiete und Alpwirtschaft beitragen», sagt Erich von Siebenthal, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands und Berner SVP-Nationalrat. Es sei den Bergbauern überlassen, ob und inwieweit sie das In­ternet der Dinge nutzen wollen. «Wie in andern Berufen auch gibt es Landwirte, die neugierig sind und herausfinden wollen, ob ihnen neue Technologien die Arbeit erleichtern», sagt von Siebenthal.

Anwender können sich selbst ein Bild vom Feldversuch der Swisscom in den Alpen machen. Die kostenlose App der Patrouille des Glaciers zeigt während des Wettkampfs die Standorte der Mannschaften auf einer Karte in Echtzeit an.

Erstellt: 08.04.2018, 20:58 Uhr

Internet der Dinge

Parallelnetz zum Internet

Anstatt Computer wie beim herkömmlichen Internet verbindet das neue Netz «Dinge» wie Geräte und Sensoren miteinander. Das Internet der Dinge zeichnet sich durch einen geringen Stromverbrauch bei Antennen und Gerätebatterien aus, weil es nur kleine Datenmengen verarbeitet. Der Aufwand für den Unterhalt bleibt dadurch gering. Dies ermöglicht völlig neue Dienstleistungen mit einer langen Lebensdauer der eingesetzten Apparate. Das Orten von Alltagsgegenständen wie Taschen und Velos ist ein Beispiel eines solchen Angebots.

Die Swisscom hat vor zwei Jahren damit begonnen, das Internet der Dinge in der Schweiz hochzufahren. Die Abdeckung beträgt heute 95 Prozent der Bevölkerung.

Schätzungen zufolge sind derzeit weltweit über 6,4 Milliarden Geräte über das neue Netz miteinander verbunden. Die US-Firmenberatung McKinsey beziffert das globale Marktpotenzial dieser Infrastruktur auf umgerechnet 10'500 Milliarden Franken bis zum Jahr 2025. (met)

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