Syngenta unter Heiratsdruck

Aus der Fusion von DuPont und Dow entsteht ein neuer Agrochemie-Riese. Er bringt Syngenta in Bedrängnis.

Der Konzentrationsprozess im Agrochemie-Geschäft beschleunigt sich: DuPont-Fabrik im nordrhein-westfälischen Hamm. Foto: Alamy

Der Konzentrationsprozess im Agrochemie-Geschäft beschleunigt sich: DuPont-Fabrik im nordrhein-westfälischen Hamm. Foto: Alamy

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Die beiden Traditionsfirmen DuPont und Dow Chemical sind sich handelseinig und wollen ihre Fusion heute offiziell bekannt geben. Damit tritt die Konsolidierung der weltweiten Agrochemie in die heisse Phase. Syngenta sieht sich mit diesem Schlag verstärkt unter Druck, wollte sich doch auch der Schweizer Konzern bei einem der beiden US-Unternehmen einkaufen. Diese Chance scheint vertan. Damit kommt «Angstgegner» Monsanto wieder ins Spiel. Doch auch der chinesische Staatskonzern ChemChina soll stark interessiert sein und in Kürze ein neues Kaufangebot vorlegen. Syngenta hat frühere Avancen dieser beiden Firmen zurückgewiesen, dürfte nun aber mehr Mühe haben, Nein zu sagen.

Allerdings steht nun nicht nur Syngenta mit dem Rücken zur Wand. Marktführerin Monsanto muss noch viel mehr befürchten, durch den neuen Megakonzern bedrängt und als Nummer eins verdrängt zu werden. Dies könnte die Monsanto-Führung zu einem Befreiungsschlag zwingen. Entweder bietet sie nun einen höheren Preis für DuPont oder Dow und stellt damit die Fusion infrage. Oder sie versucht erneut und zum vierten Mal, Syngenta eine Kaufofferte zu unterbreiten oder mindestens eine Kooperation zu erzielen. Einfacher als bis anhin ist dies allerdings nicht, tauchte doch gestern plötzlich wieder ChemChina auf. Gemäss dem Nachrichtenportal Benzinga will der Staatskonzern Syngenta für 44 Milliarden Franken kaufen. Eine erste Offerte vom November nannte angeblich einen Preis von 42 Milliarden. Das Übernahmeangebot soll morgen Freitag unterbreitet werden. Syngenta wollte sich weder zur Fusion in den USA noch zu einer möglichen Offerte aus China äussern.

China-Gerücht lässt Kurs steigen

An der Börse sorgten die Meldungen für einige Hektik. Dow und DuPont wurden auf einen Schlag um 10 Prozent höher bewertet. Monsanto dagegen war schwach, was darauf hindeutet, dass der Konzern unter erheblichen Zugzwang geraten ist und für eine Übernahme oder Kooperation einen Preis zahlen muss, dessen Höhe den Monsanto-Aktionären missfällt. Die stärksten Ausschläge erlebten die Syngenta-Papiere. Sie zogen zunächst um 2 Prozent an, bevor sie in New York wegen der ChemChina-Gerüchte um 8 Prozent abhoben. Der Konzern ist nun mit 36 Milliarden Dollar bewertet und noch immer 25 Prozent tiefer als die chinesische Offerte und das Angebot von Monsanto im Sommer, das am Widerstand in Basel gescheitert war.

Die Zeit drängt aber mehr denn je. Syngenta-Verwaltungsratspräsident Michel Demaré will innerhalb von sechs Monaten eine Lösung finden, wie er schon Ende November dem «Tages-Anzeiger» sagte. Und weiter: «Unser Ziel ist klar: Wir wollen Nummer eins oder Nummer zwei der Branche sein. Wir wollen nicht in einigen Jahren bedauernd zurückblicken und realisieren, dass wir Chancen verpasst haben und abgerutscht sind.» Er liess auch klar durchblicken, an DuPont und allenfalls an Dow Chemical interessiert zu sein. Wenn aber Monsanto erneut eine Offerte vorlegen würde, dann wäre ein striktes Nein nicht möglich. «Der Verwaltungsrat muss jede ernsthafte Offerte unter dem Aspekt prüfen, ob sie zusätzlichen Wert schafft. Dies gilt auch für eine weitere Monsanto-Offerte», sagte Demaré.

Völlig überraschend kommt der Deal in den USA aber nicht. Nach dem Abgang von DuPont-Chefin Ellen Kullman Mitte Oktober öffnete sich die Tür für eine Fusion. Denn sie hatte sich hartnäckig gegen jedes Zusammengehen gewandt; ihr Nachfolger Edward Breen hat in dieser Beziehung keine Hemmungen. Seine Absicht ist gemäss dem «Wall Street Journal», Dow Chemical und DuPont als gleichwertige Partner zusammenzulegen und drei separate Unternehmen für Agrochemie, Spezialitätenchemie sowie Rohstoffe abzuspalten. Es ist dies exakt das Modell, das seinerzeit bei der Fusion von Ciba, Geigy und Sandoz angewandt wurde. Aus dem Mischkonzern entstanden später Novartis, Syngenta und Clariant. Nun stehen Syngenta und auch Clariant erneut als mögliche Übernahmeopfer da. Das Spiel ­beginnt von neuem; und wie immer fallen auch Tausende von Arbeitsplätzen dahin.

«Mehrwert» für die Aktionäre

Die Fusion von Dow Chemical und DuPont dürfte die leichteste aller Optionen im Agrochemie-Markt sein. Beide Konzerne sind in etwa gleich gross, beide weisen relativ geringe Überschneidungen im Agrogeschäft auf, und beide stehen unter dem Druck von aktivistischen Investoren, die «Mehrwert» für ihre Aktionäre schaffen wollen. Dass man sich so schnell einig wurde, deutet darauf hin, dass eine Kooperation von langer Hand angeleiert worden war. Wie weit Syngenta in diesem Umfeld überhaupt eine Chance hatte, ist nicht klar. Die Syngenta-Führung habe aber mit beiden US-amerikanischen Konzernen in den letzten Wochen aktiv um eine Übernahme des Agrochemie-Bereichs verhandelt, hiess es gestern in Basel. Noch sei das Spiel nicht entschieden, nur lägen nun zum ersten Mal die Karten auf dem Tisch.


DuPont
Pioneer gekauft
Den entscheidenden Schritt zu seiner heutigen Marktstellung machte DuPont 1999 mit dem Kauf der damals weltgrössten Saatgutfirma Pioneer. Diese wurde mit den eigenen Agrarchemieaktivitäten zusammengelegt und wird teilweise bis heute unter dem bisherigen Namen geführt. Mit 7,6 Milliarden Dollar Umsatz ist DuPont heute auf dem Saatgutmarkt die Nummer 2, mit Pflan­zen­schutz­mitteln setzt das Unternehmen weitere 3,7  Milliarden Dollar um. Damit stammt etwas mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes aus dem Agrarbereich, verbuchte der Konzern mit Sitz im US-Bundesstaat Delaware 2014 doch Einnahmen von total 28,4 Milliarden Dollar. Dieser Umsatz stammt etwa von der Herstellung von diversen Kunststoffen, speziellen Fasern oder Lebensmittelzusätzen. Eines der bekanntesten Produkte von DuPont dürfte Teflon sein. Das Geschäft mit den Antihaft­beschichtungen wurde mittlerweile aber ausgegliedert. Gegründet worden war DuPont 1802 von einem französischen Auswanderer, der eine Sprengstofffabrik baute. (rj)


Dow Chemical
Globaler Chemieriese
Mit einem Umsatz von 58 Milliarden Dollar und rund 53'000 Mitarbeitern ist Dow Chemical einer der weltweit grössten Chemiekonzerne überhaupt. Die Produktepalette des US-amerikanischen Unternehmens reicht von Kunststoffen für den Autobau und die Bauindustrie über Membrane für die Wasseraufbereitung bis zu Treibstoffen. Mit knapp 5,7 Milliarden respektive 1,6 Milliarden Dollar machen das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln und die Entwicklung und Produktion von Saatgut zusammen gerade einmal ein Achtel des Konzernumsatzes aus. Gegründet wurde Dow Ende des 19. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Michigan. Anfangs wurden hauptsächlich Bleichmittel hergestellt, schon bald entwickelte sich aber die Agrarchemie zu einem wichtigen Geschäftszweig. Seinen Europasitz hat der Konzern seit 1957 im zürcherischen Horgen. Traurige Bekanntheit erlangte die Pflanzenschutzmittelsparte von Dow, weil sie im Auftrag des US-Militärs das im Vietnamkrieg eingesetzte Entlaubungsmittel Agent Orange herstellte. (rj)


Syngenta
Schweizer Pflanzenschutz-Gigant
Syngenta ist im Jahr 2000 aus dem Zusammenschluss der damals serbelnden Agrarchemiesparte von Novartis und des Saatgut- und Pflanzenschutzgeschäfts des britisch-­schwedischen Konzerns AstraZeneca hervorgegangen. Syngenta kam als eigenständiges Unternehmen an die Börse, was Novartis die Fokussierung auf seine Gesundheitssparte ermöglichte. 2014 hat es Syngenta auf einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar gebracht. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Basel nach aktuellsten Angaben über 28'000 Angestellte. In der Schweiz befindet sich nicht nur der Hauptsitz, der Konzern betreibt im aargauischen Stein auch ein Forschungslabor sowie in Kaisten AG und Monthey VS je eine Fabrik. Bereits vor 15  Jahren gab es erstmals Spekulationen über eine Zusammenlegung von Syngenta mit Monsanto oder der Agrarsparte des BASF-Konzerns. Mit 11,8 Milliarden Dollar Umsatz gilt Syngenta im Pflanzenschutzgeschäft als die weltweite Nummer 1, beim Saatgut ist sie die Nummer 3. (rj)


Monsanto
Branchenprimus
Im Geschäft mit Saatgut ist der US-amerikanische Konzern Monsanto unangefochten die Nummer 1. 10,7 Milliarden Dollar betrug im Jahr 2014 der Saatgutumsatz des Unter­nehmens mit Sitz in St. Louis im Bundesstaat Missouri. Mit 4,9 Milliarden Dollar Umsatz mischt Monsanto aber auch im Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln weit vorne mit und muss sich nur von Syngenta sowie dem deutschen Bayer-Konzern geschlagen geben. Mit seinen über 22'000 Mitarbeitern erwirtschaftete Monsanto einen Gesamtumsatz von 15,9 Milliarden Dollar. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Monsanto durch die Diskussionen über genmanipulierte Pflanzen. Der Konzern hatte bereits in den 80er-Jahren damit begonnen, biotechnologische Methoden zur Saatgutentwicklung beizuziehen und die weltweit ersten Feldversuche mit genmanipulierten Nutzpflanzen durchzuführen. Die von solchen Pflanzen ausgehenden möglichen Umweltrisiken haben insbesondere in Europa zu einer bis heute andauernden Kontroverse geführt. (rj)

Erstellt: 10.12.2015, 14:29 Uhr

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