Tessin wagt den Aufstand gegen die Swiss

Wegen des angedrohten Rückzugs soll eine andere Fluggesellschaft die Linienflüge von Lugano nach Zürich durchführen.

Die Zukunftsstrategie für einen «Ticino Airport» sieht auch eine Verlängerung der Piste vor: Anflug auf den Flugplatz Lugano-Agno. Foto: Keystone

Die Zukunftsstrategie für einen «Ticino Airport» sieht auch eine Verlängerung der Piste vor: Anflug auf den Flugplatz Lugano-Agno. Foto: Keystone

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Jenseits des Gotthards gehen die Emotionen hoch, nachdem Swiss-Chef Thomas Klühr in der SonntagsZeitung vor einer Woche die Strecke Lugano–Zürich infrage gestellt hat. Doch just diese Flugroute ist eines der Schlüsselelemente eines Strategiepapiers, das das Überleben des Flughafens Lugano-Agno sichern soll.

Dieser Masterplan entwirft die Zukunft des Flughafens bis 2045. Er stammt aus der Feder des Centers for Aviation Competence der Universität St. Gallen und wird vom Tessiner Regierungsrat unterstützt. Er hat eine Botschaft ans Parlament entworfen. Beide Dokumente liegen der SonntagsZeitung vor. Wann die Botschaft überwiesen werde, sei noch offen, sagt der freisinnige Volkswirtschaftsdirektor Christian Vitta.

Trotz der Unsicherheit, die Thomas Klühr mit seiner Aussage provoziert hat, geben sich die Flughafenbetreiber kämpferisch. «Wenn die Swiss nicht bereit ist, diese Verbindung sicherzustellen, suchen wir eine andere Lösung», sagt CVP-Ständerat Filippo Lombardi, der als Vizepräsident des Verwaltungsrats der Lugano Airport AG amtet. Zumal die Zuverlässigkeit der Verbindung zwischen Zürich und Lugano zu wünschen übrig lasse. «Einer von drei Flügen ist deutlich verspätet oder fällt aus», sagt Lombardi. «Die Swiss schaufelt dem Flughafen mit dieser Unzuverlässigkeit das Grab.» Wie eine Statistik der Lugano Airport AG zeigt, sind allein im Juli 24 Swiss-Flüge ausgefallen – das sind knapp zehn Prozent der Verbindungen. 737 Passagiere sind dadurch gestrandet.

Treffen mit Swiss-Chef geplant

Die Flughafenbetreiber erwägen nun, sich selbst um die Verbindung nach Zürich zu kümmern. Durchführen soll sie die Fluggesellschaft Zimex mit Sitz in Glattbrugg ZH, die unter anderem in Bern Charterflüge anbietet. «Wir sind darauf angewiesen, dass die Swiss mitspielt», sagt Maurizio Merlo, Direktor des Lugano Airports. Denn: 95 Prozent der Passagiere, die in Lugano einsteigen, fliegen von Zürich aus weiter. «Der Ticketverkauf muss deshalb über die Swiss laufen», sagt Merlo. Ein Treffen mit Swiss-Chef Klühr ist laut Ständerat Lombardi noch vor Ende August geplant.

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Der Masterplan sieht zudem vor, dass im März 2020 die Strecke von Lugano nach Genf wieder auflebt. Sie liegt seit dem Grounding des Fluganbieters Darwin im Herbst 2017 brach. Laut dem Strategiepapier aus St. Gallen wird diese Verbindung durch die «LUG Air» bedient – ein Fantasiename. Vorgesehen sind elf Verbindungen pro Woche – erst mit einem 50-, später mit einem 80-Plätzer. Der Flughafen Lugano soll den Ticketverkauf übernehmen. Er rechnet für ein Retourbillett mit einem Preis von 300 Franken. «Die Airline stellt uns Maschinen und Personal zur Verfügung», sagt Flughafendirektor Merlo. Hinter dem Fantasienamen LUG Air steckt ebenfalls die Fluggesellschaft Zimex. «Wir haben entsprechende Verhandlungen aufgenommen», bestätigt Merlo.

Der Kanton Tessin soll sich stärker am Flughafen beteiligen

Auf seinem Tisch liegt ein weiterer Vorschlag für die Verbindung nach Genf. Unterbreitet hat ihn das Start-up E-Bird aus Kloten ZH, hinter dem zwei Aviatiker stehen. Statt eines herkömmlichen Linienbetriebs sehen sie ein sogenanntes Flugtaxi vor, das bis zu zwölfmal täglich zwischen Lugano und Genf pendelt und jährlich 31'000 Passagiere transportiert. In einem ersten Schritt würden dies acht- bis neunplätzige Flugzeuge übernehmen – etwa die PC-12 aus dem Haus Pilatus. «Unser Ziel ist es aber, dafür elektrisch betriebene Maschinen einzusetzen, sobald solche auf dem Markt sind», sagt E-Bird-Mitgründer Florian Dehne.

Project aEro: Die Vision eines elektrischen Flugtaxis von Dufour Aerospace wäre eine der Möglichkeiten, um von Lugano aus zu fliegen. (Video: Youtube/Dufour Aerospace)

Der Masterplan sieht zudem eine Namensänderung des Flughafens Lugano vor. Er soll künftig Ticino Airport heissen. «Schliesslich ist er für die gesamte Region von Bedeutung», sagt Direktor Merlo. Auch eine umfassende Neuerung der Infrastruktur ist vorgesehen, bis hin zu einer Verlängerung der Piste. Die nötigen Mittel wollen die Betreiber mit einem Bankkredit bereitstellen. Der Direktor rechnet damit, dass ?sein Flughafen ab 2033 Gewinn erwirtschaftet.

Bevor die Flughafenbetreiber ihren 51,4 Millionen Franken teuren Masterplan angehen können, müssen die Stadt Lugano und der Kanton Tessin – die beiden Aktionäre des Flughafens – einer Rekapitalisierung zustimmen. Der Kanton, der heute 12,5 Prozent der Aktien hält, soll künftig mit 40 Prozent am Flughafen beteiligt sein wird. Der Anteil von Lugano würde von 87,5 auf 60 Prozent schrumpfen.

Das wiederum braucht den Segen der Tessiner Bevölkerung: Die entsprechende Vorlage wird das Tessiner Parlament in den kommenden Monaten behandeln.



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Erstellt: 11.08.2019, 17:13 Uhr

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