Thiam spricht Deutsch und verspricht Erfolg

Der neue Chef der Credit Suisse kommt aus der Elfenbeinküste, ging an Pariser Elite-Unis und machte eine englische Grossversicherung zur Erfolgsstory. Jetzt will er die CS flottmachen.

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Die Credit Suisse versucht, den heutigen Führungswechsel als normale Wachablösung darzustellen. Der scheidende Amerikaner Brady Dougan, der per Ende Juni als CEO von Bord geht, habe die CS «trotz sehr anspruchsvoller Rahmenbedingungen und erheblichen Gegenwinds (...) auf Kurs gehalten», wird Dougan zum Schluss nochmals gelobt.

Tatsächlich war sein Abgang nach einer langen Stagnationsphase und unerfreulicher Aktienentwicklung überfällig. Dougan blieb ein Fremdkörper und überliess alles, was mit der Schweiz zu tun hatte, seinen Kollegen.

Erfolgreich im asiatischen Markt

Sein Nachfolger Tidjane Thiam ist da anders. Laut CS spricht er neben Englisch auch Deutsch und selbstverständlich Französisch. Gleichzeitig zählt er wie sein Vorgänger an der CS-Spitze in der angelsächsischen Finanzwelt zu den Grossen. Unter seiner CEO-Führung verdreifachte sich der Wert der Prudential-Aktie. Zu verdanken hatte Thiam dies vor allem dem Erfolg seiner englischen Versicherungsgesellschaft im aufstrebenden asiatischen Markt.

Das Gleiche soll Thiam nun für die CS vollbringen. «Seine umfassende Erfahrung, einschliesslich Wealth- und Asset-Management sowie die erfolgreiche Erschliessung neuer Märkte, bietet eine solide Grundlage für die Führung der Credit Suisse», lässt sich heute Morgen Präsident Urs Rohner zitieren, der Thiam in seinem Verwaltungsrat als neuen CEO durchgebracht hat.

Ein globaler CEO, der weiss, was sich gehört

Es ist kein Zufall, dass Rohner explizit von der Erfahrung des Neuen in der Vermögensverwaltung spricht. Dort will der CS-Präsident seine Bank stark machen. Umgekehrt soll sie in ihrer klassischen Domäne, dem Investmentbanking, kleiner werden und sich auf ausgewählte Gebiete und Märkte beschränken. Dougan, der aus dem Investmentbanking stammt, war da der falsche Mann.

Thiam gibt sich zum Start ganz als globaler CEO, der weiss, was sich gehört. Er lobt seine neue Arbeitgeberin über den grünen Klee. «Es ehrt mich, dass ich die Gelegenheit erhalte, dieses grossartige Unternehmen zu leiten», wird er im Communiqué der Bank wiedergegeben. Dougan ist für Thiam «ein hervorragender CEO», dessen CS verfüge «über ein aussergewöhnliches Geschäft, grossartige Mitarbeitende, eine gute Strategie und eine starke Marktstellung».

Thiams Ankündigung trieb die CS-Aktie hoch

Nichts da von Krise, Abbau, Entlassungen, Jobauslagerung ins Billigausland und einer Kursentwicklung, die englische Grossinvestoren letzten Herbst auf den Plan rief und die Dougans Ende bei der CS einläutete. Die CS wird von grossen Staatsfonds aus dem arabischen Raum und angelsächsischen Hedgefonds kontrolliert, also mächtigen Investoren, die endlich einen höheren Preis für ihre vielen CS-Aktien sehen wollten.

Den soll ihnen Thiam liefern. Allein seine Ankündigung als neuer Chef trieb die CS-Aktie hoch. Innert weniger Minuten schoss der Titel um 8 Prozent hoch und stellte alle übrigen Werte an der Schweizer Börse in den Schatten. Vom Mann, der die renommierte Prudential in den letzten sechs Jahren zu einem Highflyer gemacht hat, versprechen sich die Anleger eine neue, starke CS.

Kontakte zur Weltbank und zum Währungsfonds

Wo Thiam den Hebel ansetzen könnte, geht aus seinem Werdegang hervor. Als Abkömmling einer Mutter, deren Familie auf die Staatsgründer der modernen Elfenbeinküste zurückgeht, und eines Journalisten, erhielt Thiam eine Topausbildung in Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht seines Heimatlandes. Er studierte an renommierten technischen Hochschulen und erhielt ein Stipendium für ein Management-Masters an der Insead, die zu den weltbesten Kaderschmieden zählt.

Dann heuerte Thiam bei der US-Beratungsfirma McKinsey an, die das Prinzip «Up or Out» pflegt. Thiam wechselte kurz zur Weltbank, ging zurück zu McKinsey und stieg schliesslich in die Politik seiner Heimat ein. Das war vor 21 Jahren, als in der Elfenbeinküste der erste Präsident der Republik verstarb und eine neue Mannschaft an die Macht kam. Im Frühling 1994 wurde Thiam Chef eines staatlichen Ingenieur- und Planungsbüros, führte 4000 Mitarbeiter, mit denen er die Infrastruktur seines Landes an der Westecke des Schwarzen Kontinents auf Vordermann bringen sollte.

In seiner neuen Rolle hatte Thiam engen Kontakt zur Weltbank und zum Währungsfonds, und er unterstand direkt dem Präsidenten und Regierungschef der Elfenbeinküste. 1998, also vier Jahre nach seinem Wechsel in die Politik, wurde Thiam offiziell Mitglied der Regierung und übernahm das Ministerium für Planung und Entwicklung. Als Ende 1999 das Militär sich an die Macht putschte, wurde Thiam, der beim Coup ausser Landes war, bei der Wiedereinreise verhaftet und wochenlang inhaftiert. Dann wurde ihm der Job als Stabschef offeriert.

Auf dem Chefstuhl gab Thiam Vollgas

Doch Thiam hatte genug und ging zurück in die Geschäftswelt. In Paris heuerte er erneut bei McKinsey an, wo er einflussreicher und gut bezahlter Partner wurde. Schon zwei Jahre später trieb es ihn weiter, weg vom Beraten hin ins Big Business. Er wurde Stratege bei Aviva, einer englischen Versicherung, bei der er in den nächsten fünf Jahren eine steile Karriere hinlegte. Diese brachte ihn 2007 schliesslich als Finanzchef zur Prudential, wo er im März 2009 zum CEO gekürt wurde.

Kaum auf dem Chefstuhl, gab Thiam Vollgas. Für 35 Milliarden Dollar wollte er den Asienteil der schlingernden US-Versicherung AIG übernehmen. Das schien den Prudential-Aktionären zu viel. Sie pfiffen ihren neuen CEO zurück, beliessen ihn aber im Amt. Als Nachspiel resultierte eine 30-Millionen-Pfund-Busse des Regulators, weil Thiam diesen nicht rechtzeitig ins Bild gesetzt und nicht mit den Behörden «offen und kooperativ» kooperiert hatte.

Für Thiam erwies sich die Niederlage als segensreich. In den folgenden Jahren machte er Prudential vor allem in Asien zur starken Versicherungsmarke. Nun soll er im Auftrag des Verwaltungsrats die Credit Suisse zurück zu alter Grösse und wieder erlangtem Stolz führen – und zwar in der Vermögensverwaltung, von wo er herkommt. Die Anforderungen für Versicherer und Banken nähern sich gegenseitig an. In Zeiten von Minuszinsen ist es für alle Finanzfirmen schwierig, ihren Kunden zu einer annehmbaren Rendite auf deren Vermögen zu verhelfen.

Die globalere Schweizer Grossbank

Gefragt sind Produkte und Lösungen, die auf eine reiche Klientel rund um den Globus zugeschnitten sind. Thiam kennt zwar nur Versicherungen und ist ein Ex-McKinsey-Berater – ein Profil, mit dem die CS vor 20 Jahren unter Lukas Mühlemann keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Doch die Zeit ist eine andere, und Thiam hat sich im Unterschied zu Mühlemann als CEO einer grossen Versicherung in anspruchsvollen Märkten bewiesen.

Für die CS, die sich mit der Wahl des international bekannten und breit gebildeten Thiam als globalere der beiden Schweizer Grossbanken positioniert, könnte gerade dieser bestandene Härtetest den Ausschlag gegeben haben. Thiam übernimmt eine angeschlagene CS, die immer noch über ein grosses Potenzial verfügt. Jetzt muss er beweisen, dass sein Erfolg keine Eintagsfliege war.

Erstellt: 10.03.2015, 10:50 Uhr

Bankenkenner Markus Diem Meier über Brady Dougan. (Video: Lea Koch)

Fakten und Zitate zum neuen CS-Chef

«Ich hasse es, mein Gesicht in der Zeitung zu sehen, wirklich.»

«Ich mag es ganz und gar nicht, wenn Leute über mich sagen, ich sei vom Ego getrieben. Das ist kein einsames Abenteuer von mir.»

«Ich falle schon deshalb auf, weil ich mich optisch von anderen unterscheide. Aber ich suche diese Aufmerksamkeit nicht aktiv und habe sie auch nie gewollt. »

Er ist Muslim, spricht aber öffentlich nicht über Religion.

Seine Mutter war bis dreissig Analphabetin. Thiam hatte sechs Geschwister. Seine Mutter ging offiziell nie zur Schule, weil Thiams Grossvater gegen das Kolonialsystem opponierte.

Seine Frau ist Amerikanerin. Sie arbeitete als Anwältin, bis ihr zweites Kind geboren wurde. Er sagt, es mache ihr nichts aus überall da hinzureisen, wo es sein Job verlange.

Thiam ist Fussballfan und fiebert für den Londoner Club Arsenal.

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