Thiam und die Spitzelaffäre – endlich sagt er was

Nach langem Schweigen stellt sich der CS-Chef. Er fühlt sich in der Schweiz offenbar missverstanden, gar als Opfer einer Kampagne. Wie das?

«Es fühlte sich an, als wäre das organisiert gewesen. Es fühlte sich an, als hätte das Ganze ein Ziel, eine Strategie»: CS-Chef Thiam. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

«Es fühlte sich an, als wäre das organisiert gewesen. Es fühlte sich an, als hätte das Ganze ein Ziel, eine Strategie»: CS-Chef Thiam. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

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CS-Chef Tidjane Thiam will die Sache hinter sich bringen. Schnell. Nachdem er zuvor die guten Geschäftszahlen der Bank frei und zügig präsentiert hatte, änderte sich plötzlich sein Auftritt. Er zog ein Blatt hervor und las mit tonloser Stimme eine vorbereitete Stellungnahme zur Affäre Khan ab. «Ich habe weder direkt noch indirekt den Auftrag für die Überwachung ausgesprochen», trug er hastig vor. Die Überwachung sei kein angemessenes Mittel gewesen. Er wünsche Iqbal Khan, dem ehemaligen Chef der CS-Vermögensverwaltung, bei seinem neuen Job bei der UBS viel Glück.

Auf diese Erklärung hatte der ganze Finanzplatz seit einem Monat gewartet. Im Juli hatte Topmanager Iqbal Khan die Credit Suisse verlassen, um bei der UBS anzuheuern. Im September flog auf, dass sein Ex-Arbeitergeber ihn beschatten liess. Seit die Affäre publik wurde, hatte Thiam dazu geschwiegen. Bislang hatte sich nur Verwaltungsratspräsident Urs Rohner zur Sache geäussert und sich dabei hinter seinen Bankchef gestellt.

Nun kam Thiams Chance, seine Sicht der Dinge zu erklären. Und den Fall damit hinter sich zu lassen. Die gute Nachricht: Thiam stellte sich allen Fragen. Die schlechte Nachricht: Statt die Chance zu ergreifen, mit den Antworten eine Art Schlussstrich zu ziehen, goss er neues Öl ins Feuer.

Die Fragen prasselten nur so auf ihn ein, die wenigsten hatten mit dem eigentlichen Geschäft zu tun: Wie kann es sein, dass er als Chef nichts von der Beschattung gewusst hat? Hat er an Rücktritt gedacht? Sind Kunden wegen der Geschichte abgesprungen?

Auf alles gab Thiam Antwort. «Nein, ich habe nie an einen Rücktritt gedacht», sagte er mit fester Stimme. Nein, er habe weder «direkt noch indirekt» irgendwelche Anordnungen für Überwachungen gegeben und auch nichts von der Beschattung gewusst.

Diejenigen, die den Auftrag dazu erteilten, seien wohl davon ausgegangen, richtig zu handeln, daher sei die Beschattung nicht bis zu ihm gekommen. Und: Nein, er habe sich mit vielen wichtigen Kunden unterhalten. Alle würden der Bank treu bleiben. Die «Medienkampagne» habe keinen Einfluss auf das Geschäft gehabt.

Medienkampagne? An dieser Stelle schaltete Thiam auf Attacke um. «Ich sage nicht, dass die Medien unfair waren, aber ich glaube, die Medien wurden in einer organisierten Art und Weise gefüttert», so Thiam. Und ergänzte: «Es fühlte sich an, als wäre das organisiert gewesen. Es fühlte sich an, als hätte das Ganze ein Ziel, eine Strategie.» Doch auf die Frage, wer dahintersteckte, antwortete er nicht und beliess es bei Andeutungen. «Sie wissen doch, mit wem Sie reden», gab er an die fragenden Journalisten zurück.

Mit dieser Aussage wiederholte Thiam die Vorwürfe, die zuvor Harris Associates, Grossaktionär der Bank, verbreitet hatte. Dessen Vizepräsident, David Herro, hatte gegenüber Bloomberg TV erklärt, dass der Skandal das «Resultat einer gesteckten Story einer PR-Firma» sei.

Thiam fühlt sich in der Schweiz offenbar missverstanden. Immer wieder würden unwahre persönliche Geschichten über ihn durch die hiesigen Medien geistern, auch wenn sie schon längst dementiert seien. So würde immer noch kolportiert, Thiam sei mit dem Helikopter für Meetings unterwegs – was einfach nicht wahr sei.

Doch seine vagen Andeutungen einer gesteuerten Medienkampagne, die offenbar auf Khan und seinen Medienberater Aloys Hirzel zielen, sind wiederum nicht geeignet, die Affäre zu beenden. Zudem ist der Skandal keine Erfindung der Medien, sondern real und hat Konsequenzen bis in die Spitze der Bank gehabt: Pierre-Olivier Bouée, der operative Chef der Bank, und Sicherheitschef Remo Boccali, welche die Beschattung angeordnet hatten, mussten die Bank per sofort verlassen.

Ausgerechnet Bouée: Der Franzose folgte Thiam treu seit rund zwanzig Jahren in verschiedenen Unternehmen und war auch 2015 von Prudential zur Credit Suisse mitgekommen, als Thiam dort das Ruder übernahm. Bouée galt daher als einer der engsten Mitarbeiter Thiams und als Vollstrecker von Thiams milliardenschwerem Kostensenkungsplan.

Ein Journalist wollte vor diesem Hintergrund wissen, ob ihn der Verlust seines engen Freundes nicht schmerzte. Darauf Thiam kühl: «Ich bin nicht sicher, ob er als Freund beschrieben werden kann.» Die Schwelle für eine Freundschaft sei innerhalb der Geschäftsleitung besonders gross.

Augen zu und durch. Und die Aufmerksamkeit der Medien wieder auf das Geschäft lenken. Das scheint die Kommunikationsstrategie der Credit Suisse zu sein. So strahlte der Bank-Chef über das ganze Gesicht, als dann am Ende der Medienkonferenz eine Journalistin von Reuters doch noch eine Frage zum Geschäftsverlauf stellte.

Erstellt: 30.10.2019, 17:44 Uhr

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