Toblerone-Nachfahren streiten über Rezept-Idee

Wer hat die weltberühmte Milchschokolade erfunden? Zwischen den Familien der beiden Firmengründer tobt ein Konflikt.

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Theodor Tobler gilt als Erfinder der Toblerone. Doch stimmt das überhaupt? Oder hat sein Cousin Emil Baumann eine wichtigere Rolle gespielt, als man bisher annahm? Um diese Frage ist eine Kontroverse zwischen den zwei Familien entstanden.

Nach einem BZ-Artikel im vergangenen Herbst, der sich auf ein Interview mit dem Tobler-Nachfahren Andreas Tobler und zwei von ihm publizierte Bücher stützte, meldete sich ein Nachfahre von Baumann: Daniel Baumann lebt heute in Amerika und will seine Sicht darlegen.

Vier Dinge würden seiner Ansicht nach immer wieder falsch dargestellt. Einige Wochen später beim Redaktionsbesuch sitzen auch seine Schwester Irene Richter und seine Cousine Charlotte Falb am Tisch. Baumann nimmt die Gesprächsführung in die Hand, in noch immer perfektem Berndeutsch.

Er war in der Verpackungsindustrie tätig, doch das ist heute Nebensache. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Unterlagen, analoge und elektronische Briefe, Todesanzeigen und Fotos, fein säuberlich in einer Ledermappe transportiert.

Die Nachfahren sind der Ansicht, dass die Verdienste von Emil Baumann in der offiziellen Geschichtsschreibung zur Toblerone zu wenig gewürdigt werden. «Es sieht so aus, als hätten wir gelogen, als wäre mein Grossvater gar nicht an der Erfindung beteiligt gewesen, als wäre es nur Theodor Tobler gewesen, der die Toblerone erfunden hat», enerviert sich Baumann.

Ihr Ärger richtet sich gegen das Buch «Schoggibaron», das zwei Historiker geschrieben haben. Einer von ihnen ist Andreas Tobler, das Grosskind von Theodor Tobler. Genau deshalb könne er gar kein objektives Buch schreiben, sagt Daniel Baumann, weil er als Nachfahre beeinflusst sei.

«Er versucht die Geschichte zugunsten seiner Familie zu beschönigen und verfälscht die Geschichtsschreibung.» Nach zweieinhalb Stunden Gespräch ist der Standpunkt der Seite Baumann klar.

Bis zum Gesprächstermin mit Andreas Tobler. Mitgebracht hat er sein Buch «Schoggibaron», das er mit Patrick Feuz, dem heutigen «Bund»-Chefredaktor, geschrieben hat. Gerade ist Kaffeepause bei den Parlamentsdiensten, wo Tobler arbeitet. Diese wird er heute allerdings überziehen.

Den Vorwurf, dass er die Geschichte zugunsten seines Grossvaters einseitig dargestellt habe, weist Andreas Tobler von sich: Als Historiker habe er sich bei der Arbeit auf Familienschriften, mündliche Überlieferungen und Leserbriefe gestützt. «Daniel Baumann hingegen spricht aus Familienperspektive. Ich muss sagen, ich finde das alles seltsam.»

Streitpunkt 1: Rezept

Was in jener Nacht 1908 an der Fellenbergstrasse 8 im Berner Länggassquartier genau geschehen ist, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Laut dem Buch «Schoggibaron» von Tobler und Feuz ist klar: In der Küche waren Theodor Tobler und sein Cousin Emil Baumann, die Milchschokolade mit Honig-Mandel-Nougat mischten und damit die heute weltbekannte Toblerone erfanden.

Toblers Sohn Lucas liess sich in «Der Schoggibaron» zitieren: «Emil Baumann hat zwar in der Küche mitgemischt, aber nur Anweisungen von Theodor Tobler befolgt.» Genau daran stört sich Daniel Baumann: «Tobler hatte keine Ausbildung zum Confiseur, die hatte mein Grossvater.»

Tobler habe ja sogar die Schule früher abgebrochen, in Genf in einer Weinhandlung als Kaufmann gearbeitet und danach in Venedig in einer Kerzenfabrik. «Er hatte keine Ahnung von Schokolade», sagt Baumann. Er bezweifelt sogar, ob Tobler in dieser ominösen Nacht überhaupt dabei gewesen war.

«Wir bezweifeln, ob Theodor Tobler überhaupt in dieser Küche dabei gewesen ist.»Daniel Baumann, Nachfahre von Emil Baumann

Daniel Baumann und seine Schwester Irene Richter erinnern sich an sonntägliche Ausflüge mit ihrem Grossvater in die Fabrik in der Länggasse. «Er überprüfte die Maschinen auf Überhitzung, wir Kinder durften derweil Restschokolade essen.» Andreas Tobler für seinen Teil habe ja seinen Grossvater nie kennen gelernt.

Das ist eine Tatsache, denn Andreas Tobler wurde 19 Jahre nach dem Tod seines Grossvaters geboren. Dass sein Grossvater keine Ahnung vom Confiseriegeschäft gehabt haben soll, bestreitet Andreas Tobler trotzdem: «Er ist mit der Confiserie Tobler aufgewachsen und bekam schon früh viel von der Branche mit.»

Nirgends stehe in seinen Büchern, dass sein Grossvater eine Ausbildung dafür gehabt habe. Zudem belege ein interner Unternehmensbericht von 1922, dass mehrere Jahre lang das Rezept perfektioniert wurde.

Die Familie Baumann gesteht Theodor Tobler zu, dass er die Form und die Verpackung der Toblerone entwickelt habe. Diese waren damals bahnbrechend. Sie hält aber an ihrer Darstellung fest, dass Emil Baumann das Rezept entwickelt habe.

Historiker Tobler sagt dazu: «So oder so wäre Emil Baumann ja auch einfach nur ein Miterfinder, denn für den Erfolg brauchte es alle drei Faktoren – das Rezept, die Form und die Verpackung.» Grundsätzlich findet er die Diskussion absurd. «Ich habe meinen Grossvater bewundert, weil er immer gute Ideen hatte. Toblerone war nur ein kleiner Teil unter vielen.»

«So oder so wäre Emil Baumann ja auch nur ein Miterfinder, denn für den Erfolg brauchte es alle drei Faktoren.»Andreas Tobler, Co-Autor des Buchs «Schoggibaron»

Im Buch ist nachzulesen, dass auf beiden Seiten Ressentiments vorhanden sind. Erstmals kochten die Emotionen beim 75-Jahr-Jubiläum 1983 hoch, als sämtliche Werbemassnahmen auf Theodor Tobler ausgerichtet wurden. In einem Brief intervenierte daraufhin Max Baumann, Sohn von Emil Baumann und Vater von Daniel Baumann, bei der Geschäftsleitung von Suchard-Tobler.

Diese schrieb am 11. März 1983 zurück: «Wir versichern Sie, dass über die Verdienste Ihres Vaters bei der Kreation des Toblerone-Rezepts keinerlei Zweifel bestehen. Er wird gebührend erwähnt.» Max Baumann stieg zum Verkaufsleiter auf, aber scheine nie überwunden zu haben, dass sein Vater stets im Schatten des dominanten Theodor Tobler gestanden habe, schreiben die Buchautoren weiter.

Streitpunkt 2: Spionage

Im Buch «100 Jahre Toblerone» schreibt das Duo Tobler/Feuz, dass man die Entdeckung von Nougat und das Zusammenmischen in Bern «heute wohl als Wirtschaftsspionage bezeichnen könnte». Beim Wort Wirtschaftsspionage platzt Daniel Baumann der Kragen. «Das ist doch nicht wahr. Nougat gab es zu dem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahrhunderten in Europa», sagt er. Briefe, die er zum Gespräch mitgenommen hat, würden zudem beweisen, dass sein Grossvater Nougat nicht in Montélimar, sondern im Elsass auf einer Geschäftsreise entdeckt habe.

Der Historiker Andreas Tobler relativiert dies damit, dass mit «Nougat de Montélimar» das Produkt und nicht der Ort gemeint sei. Tatsächlich sei in der damaligen Zeit aber viel abgekupfert worden: «Deshalb liessen sie ihr Verfahren patentieren», sagt Tobler.

Streitpunkt 3: Welterfolg

Beim dritten Streitpunkt geht es um die Frage, wer entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Toblerone in den USA zum Verkaufsschlager wurde. Laut der Familie Baumann spielte Theodor Tobler dabei eine viel weniger wichtige Rolle, als bislang dargestellt wurde.

«Theodor Tobler ging in den 1920er-Jahren nach Amerika, lebte acht Monate in einem schicken Hotel und verkaufte keine einzige Tafel», erzählt Daniel Baumann seine Version. Heute werde diese Reise von Andreas Tobler so erzählt, als wäre dessen Grossvater massgeblich daran beteiligt gewesen, dass die Toblerone grossen Absatz fand.

Die Version der Familie Baumann lautet wie folgt: Theodor Tobler wurde im Jahr 1933 vom Unternehmen, das er gegründet hatte, entlassen. Die Tobler-Söhne hatten laut Angaben im Buch am jähen Karriereende ihres Vaters zu beissen.

«Das war für unsere Familie bitter», sagt auch Andreas Tobler. Die Schokoladenfabrik habe er selber nie von innen gesehen, da nach der Entlassung seines Grossvaters 1933 die Toblers nichts mehr in der Toblerone-Fabrik zu suchen hatten. «Die Baumanns haben ihr Leid, wir unseres.»

Der Exporterfolg der Toblerone habe sich erst später eingestellt. Dabei habe Max Baumann, der Sohn von Emil Baumann und der Vater von Daniel Baumann, den entscheidenden Beitrag geleistet. Nach Wanderjahren stieg Max Baumann wieder bei der Firma Tobler ein, wo er seine Ausbildung absolviert hatte.

In den 1950er-Jahren stieg er zum Exportleiter auf und schaffte es, die Toblerone in den USA zu einem Verkaufserfolg zu machen. Heute würde man ihn als begnadeten Netzwerker bezeichnen. Mehrere Staatschefs und Berühmtheiten wie der legendäre britische General Bernard Montgomery besuchten in dieser Zeit die Schokoladenfabrik in Bern.

Streitpunkt 4: Unterlagen

Daniel Baumann ist selber fast zum Historiker geworden, wie er sagt. Während der Nachforschungen hat er akribisch Unterlagen gesammelt, bei einer Wohnungsräumung weitere Briefe gefunden, worauf er seine Argumentation stützt. «Welche Unterlagen hat Andreas Tobler in den Händen? Warum ist eigentlich das Firmenarchiv verschwunden?», fragt er.

Das Archiv sei bei einem Umzug teilweise zerstört worden, aber ein Teil der Unterlagen befinde sich heute im Staatsarchiv in Neuenburg, entgegnet Tobler. Mit Befragungen der noch lebenden Personen hätten die Autoren versucht, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. «Oral history» nennt er es.

«Mit Befragungen der noch lebenden Personen haben wir versucht, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen.»Andreas Tobler, Historiker und Enkel

Im Nachhinein räumt Andreas Tobler einen möglichen Vorgehensfehler ein: «Vielleicht hätten wir die Cousine Charlotte Falb befragen können. Lange wussten wir aber nicht, dass es sie überhaupt gibt.» Und dann wiederum sei fraglich, was sie hätte dazu beitragen können. Die Cousine Charlotte Falb wiederum meint: «Ich wurde zwar kontaktiert, hörte aber dann nie mehr wieder von ihnen, bis das Buch publiziert wurde.»

Zwei Familien, zwei Versionen. Letztlich bleiben viele Fragen offen. Während Baumann als Confiseur wohl eher das Rezept beigesteuert hat, ist es Tobler, welcher der Schokolade eine neue Form verpasste. Was sich genau in jener Nacht in der Länggasse zugetragen hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, weil letztlich nur die zwei Cousins dabei waren.

Erstellt: 04.07.2019, 11:11 Uhr

Zur Firmengeschichte


  • 1868 Confiserie Tobler gegründet.

  • 1898 Fabrik in der Länggasse eröffnet.

  • 1908 Toblerone wird erfunden, die ein Welterfolg werden wird.

  • 1933 Theodor Tobler wird als Direktor entlassen.

  • 1970 Suchard (Interfood-Tochter) kauft Tobler.

  • 1982 Jacobs kauft Interfood und damit Suchard-Tobler.

  • 1985 Werk in Bern-Brünnen wird eröffnet.

  • 1990 Philip Morris kauft Jacobs Suchard Tobler.

  • 1993 Fusion der zwei Philip-Morris-Töchter zu Kraft Jacobs Suchard.

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