Totgesagt

VW stellt die Produktion des Käfers ein. Aber vielleicht läuft und läuft und läuft das Kultauto dann doch weiter. Elektrisch.

Das Wirtschaftswunder-Auto schlechthin: Der VW Beetle. Bild: VW

Das Wirtschaftswunder-Auto schlechthin: Der VW Beetle. Bild: VW

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Im Juli 2019 ist Schluss. Dann soll der letzte Beetle aus dem Volkswagenwerk im mexikanischen Puebla rollen. Hinrich J. Woebcken, Amerika-Chef von VW, war beim Formulieren der Pressemitteilung offenbar den Tränen nahe: «Der Verlust des Beetle nach drei Generationen und über sieben Jahrzehnten wird zahllose Emotionen bei seinen unzähligen treuen Fans hervorrufen». Es gebe keine Pläne für ein Nachfolgemodell. Am Schluss lässt der VW-Chef dennoch ein Türchen offen: «Ich würde aber sagen: Sag niemals nie.»

Beetle-Fans gibt es viele, die Käufer jedoch wurden immer weniger. Vor fünf Jahren wurden 110'000 gebaut, vor einem Jahr noch 60'000. Der VW-Konzern stellt weltweit jährlich elf Millionen Fahrzeuge her – der Beetle spielt im Geschäft also kaum eine Rolle. Der Trend geht zu grösseren, schwereren Autos. Der putzige Beetle verursacht als Nischenprodukt viel Aufwand ohne nennenswerten Gegenwert für den Konzern.

Für wahre Fans war der Beetle ohnehin nur ein müder Abklatsch des ursprünglichen VW-Käfer. Der Ingenieur Ferdinand Porsche hatte ihn 1938 auf Geheiss Adolf Hitlers entwickelt. Der Volkswagen sollte reichsdeutsche Familien über die neuen Autobahnen in die Freizeit transportieren. Aber Hitler hatte noch andere Pläne. Zuerst rollten die Panzer.

Dem Zeitgeist nicht standgehalten

Nach dem Krieg war der Käfer dann das Wirtschaftswunder-Auto schlechthin. Porsches eigenwillige Konstruktion mit dem luftgekühlten Vierzylindermotor im Heck und dem Kofferraum vorn erwies sich als unverwüstlich. «Er läuft und läuft und läuft» wurde zum legendären Slogan. Ab den 50er Jahren exportierte VW sein Erfolgsmodell in die USA. Und hier wurde der Käfer – englisch: Beetle – zu einem Popkultur-Phänomen. In Disneys Komödie «Ein toller Käfer» war er 1968 als «Herbie» ein Filmstar. 21,5 Millionen Käfer gingen an die Kunden – mehr als von jedem anderen Autotyp. 1974 präsentierte VW den Golf – und übertraf damit noch den Verkaufsrekord des Käfers.

In den 90ern legte VW das Kultauto als Beetle neu auf. Aber bis auf die konsequent schnuckelige Form war daran alles neu. Antrieb vorn, Kofferraum hinten, wie bei jeder beliebigen Familienkutsche. Dazu ein paar Anleihen bei der Flower-Power-Ästhetik. Immerhin: VW leitete damit die Retrowelle ein, die uns auch die Neuinterpretationen des Austin Morris Mini und des Fiat Cinquecento beschert hat. Dem Zeitgeist konnte der Beetle nicht standhalten, eine nochmalige Überarbeitung (die dritte Generation) machte den Wagen noch normaler. Hierzulande kriegt man ihn schon länger höchstens noch als Cabrio.

VW, heute skandalgeplagt und renditeschwach, muss die Kosten senken. Der neue Konzernchef Herbert Diess strafft darum den Produktekatalog von mehr als 300 Modellen. Und mit einträglichen T-Rocs, Tiguans und Tuaregs bedient der Autobauer den gegenwärtigen Publikumshunger nach schweren, allradgetriebenen Limousinen. Gleichzeitig will Diess seinen Konzern fit machen für die Autozukunft. Und die ist elektrisch. Beobachter glauben darum, dass der Beetle als Elektroauto durchaus Auferstehungspotenzial hat. Nein: Totgesagt ist nicht tot.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 21:27 Uhr

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