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Und doch: Gisels Integrität steht im Zweifel

Selbst bei seinem Abgang flunkert der Raiffeisen-Chef – wie schon in den Monaten zuvor.

MeinungPeter Burkhardt
Die Chronik zum Raiffeisen-Skandal. (Video: Tamedia/SDA/Keystone)

Patrik Gisel bleibt sich bis zum Schluss treu. Er lässt per Medienmitteilung verbreiten, er habe sich «entschieden, seine Funktion als Vorsitzender der Geschäftsleitung per Ende Jahr abzugeben und aus der Bank auszuscheiden.» Die Recherchen zeigen jedoch, dass sein Abgang keineswegs aus freien Stücken erfolgte: Im neu formierten Verwaltungsrat kam es in den vergangenen Wochen zu einem Machtkampf, der damit endete, dass Gisel den Rückhalt verlor. Rein formell mag es stimmen, dass er sich zum Rücktritt entschied. Doch nur, weil man ihm diesen nahelegte.

Eigenartig mutet auch an, dass der Verwaltungsrat «ausdrücklich» festhält, die Integrität von Gisel stehe «ausser Zweifel». Gewiss: Im Gegensatz zu Pierin Vincenz wird Gisel nicht der persönlichen Bereicherung mit Raiffeisen-Beteiligungen beschuldigt. Ihm ist auch zugute zu halten, dass er in den vergangenen drei Jahren mit einem Grossteil des unguten Erbes von Vincenz aufräumte. Er stiess die meisten Beteiligungen ab, die sein Ziehvater aufgebaut hatteund die zu einer Reihe von Interessenkonflikten führten.

Begründung mit Lücken

Doch das bedeutet noch längst nicht, dass Gisels Integrität über alle Zweifel erhaben ist, wie der Verwaltungsrat behauptet. Dieser begründet seine Aussage damit, dass weder das abgeschlossene Verfahren der Finanzmarktaufsicht (Finma) noch die Zwischenresultate der laufenden internen Untersuchung zur Ära Vincenz-Gisel aufsichtsrechtlich belasten. Diese Begründung weist empfindliche Lücken auf. Erstens ist die interne Untersuchung nicht abgeschlossen, Gisel somit noch nicht aus dem Schneider. Die Finma hielt fest, dass sie erst nach Vorliegen der internen Untersuchung über mögliche Verfahren gegen Einzelpersonen entscheiden werde.

Zweitens belastet der Finma-Untersuchungsbericht Gisel sehr wohl, wenn auch nicht aufsichtsrechtlich: Im Bericht steht, dass die Raiffeisen-Spitze bis 2015 dem Finanzdienstleister Leonteq und dessen damaligem Chef Kredite von mehr als einer halben Milliarde Franken gewährte. Dieses Klumpenrisiko hätte die Geschäfts­leitung, der Gisel damals als Nummer zwei angehörte, dem Verwaltungsrat melden müssen, tat es aber nicht. Damit überschritt sie zweimal ihre Kompetenzen. Die Finma stellt denn auch fest, dass «die Verwaltungsorganisation nicht vereinbar war mit einer einwandfreien Geschäftsführung». Kein gutes Zeugnis, wederfür Vincenz noch für Gisel.

Unwürdiges Verhalten

Unglaubwürdig machte sich Gisel auch, weil er seine Hände in Unschuld wusch und so tat, wie wenn er vonden heiklen Strukturen nichts gewusst hätte. Dabei war er Verwaltungsratspräsident in mehreren Raiffeisen-Vehikeln, die Pierin Vincenz gekauft hatte und mit denen sich dieser mutmasslich bereichert hat.

Schliesslich war auch Gisels persönliches Verhalten in den vergangenen Monaten der drittgrössten Bank in mehreren Punkten unwürdig. Zum einen machte er wiederholt Aussagen, die nur sehr kurzzeitig Bestand hatten. So sagte er am 14. Januar in einem Interview mit der «SonntagsZeitung», er schliesse einen Verkauf der Tochterbank Notenstein aus. Vier Monate später gab er den Verkauf von Notenstein an Vontobel bekannt – und räumte ein, dass er im Interview geflunkert hatte.

Von zwiespältigem Charakter zeugte zum anderen Gisels Verhalten gegenüber Vincenz und dessen Ehefrau Nadja Ceregato, der Chefjuristin von Raiffeisen. Noch als Vincenz in den Verdacht unrechtmässiger Deals geraten war, betonte Gisel, sie seien noch immer gute Freunde. Doch als Vincenz in Untersuchungshaft sass, wollte Gisel nichts mehr davon wissen, behauptete plötzlich, sie seien nie Freunde gewesen. Und Ceregato, die er in die erweiterte Geschäftsleitung geholt hatte, beschied er via Medienkonferenz, sie sei nicht mehr gefragt. Eine stillosere Kündigung gab es in der Schweizer Wirtschaftswelt selten.

Dass Interimspräsident Pascal Gantenbein in der Medienmitteilung nur lobende Worte für Patrik Gisel findet, mutet vor diesem Hintergrund seltsam an. Es darf bezweifelt werden, ob er über die Urteilskraft verfügt, die für das Verwaltungsratspräsidium einer systemrelevanten Bank unabdingbar ist.

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