Und Geld stinkt doch

Google geht Kompromisse ein, um wieder Zugang zum chinesischen Markt zu erhalten. Das muss eine Chance für Europa sein. Werte sind Gold wert.

Die Ethik gilt nur, solange das Geschäft nicht gefährdet ist: Googles Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Foto: Kyodo News (Getty)

Die Ethik gilt nur, solange das Geschäft nicht gefährdet ist: Googles Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Foto: Kyodo News (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Google will nach China. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden. So ziemlich alle Weltkonzerne wollen dorthin. Der Markt ist zu gross, um sich nicht daran zu beteiligen.

Für einen Digitalkonzern bringt so ein Unterfangen allerdings ganz eigene ethische Fragen mit sich. China hat seinen digitalen Raum gegen den Rest der Welt rigoros abgeschottet und nach innen rabiat reglementiert. Google will dem offenbar entgegenkommen. Nach derzeitigem Informationsstand soll eine chinesische Google-App mit dem Arbeitstitel «Dragonfly» (Libelle) das Netz nach den Vorgaben der Partei durchforsten. Websites mit Inhalten, die sich mit Themen wie Menschenrechten, Demokratie oder Religion auseinandersetzen, sollen herausgefiltert werden.

Besonders heikel sind die Pläne, weil Google schon einmal in China präsent war, sich dann aber wegen Hackerangriffen und strenger Zensurvorgaben 2010 aus dem Land zurückgezogen hat. Die Verlagerung der chinesischsprachigen Abteilungen nach Hongkong führte zu einem Rückgang des chinesischen Marktanteils von mehr als 36 Prozent im Jahr 2009 auf weniger als 2 Prozent im Jahr 2013.

Googles Rückzug aus dem chinesischen Zensursystem brachte dem Konzern damals viel Beifall aus der demokratischen Welt. Beifall, der für einen digitalen Konzern Geld wert ist. Vertrauen und ein Wertekanon sind im Silicon Valley Kapital. Immerhin lautete das Firmenmotto lange «Don’t Be Evil» («Seid nicht böse»).

Zugang zu Ausnahmetalenten

Der Konformismus, den Google mit «Dragonfly» beweist, widerspricht den ethischen Richtlinien, mit denen Firmen des Silicon Valley hausieren gehen. Und auf dem ursprünglichen Markt Googles, in Amerika und Europa also, kommt die Meldung zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Ed Snowdens NSA-Enthüllungen und die Facebook- und Twitter-Skandale haben zum «teclash» geführt, zu einem neuen Misstrauen gegenüber der digitalen Industrie. Auch bei den eigenen Mitarbeitern regt sich Widerstand gegen «Dragonfly». Diese hatten im Juni schon erzwungen, dass Google seine Aufträge für militärische Anwendungen künstlicher Intelligenz (KI) kündigte.

Aber Google denkt strategisch. Es ist ja nicht nur der Internetmarkt, der in China so verführerisch ist. Die Welt steht an der Schwelle zu einem neuen Schub der Digitalisierung, der von den jüngsten Entwicklungen der KI angetrieben wird. Da hat China Vorsprünge. Eine Basis dort verschafft einem Konzern nicht nur neue Kundschaft, sondern auch Zugang zu einem Pool von Ausnahmetalenten. 

Neben Google soll auch Facebook China-Pläne haben. Für Europa ist das eine Chance. Der Wertekanon und die Vorreiterrolle bei der gesetzlichen Regelung des digitalen Raums sind für die EU ein «unique selling point». Langfristig werden Werte und Regeln die digitale Industrie in Europa robuster machen. Das ist viel mehr wert als jeder kurzfristige Marktvorsprung.

Erstellt: 05.08.2018, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Apple, Amazon, Google, Facebook, Microsoft: Gut oder böse?

Video Was die fünf wertvollsten Konzerne der USA so erfolgreich macht – und warum ihre Grösse gefährlich ist. Mehr...

China dementiert Pläne für zensiertes Google

Berichte häufen sich, dass der US-Techgigant eine Rückkehr nach China plant. Das Projekt einer Zensur-Suchmaschine sorgt für Aufruhr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...