«Hi, I am A.L.O.»

Roboter sind in Hotels und Restaurants auf dem Vormarsch. Was sie können und wie sie bei den Gästen ankommen.

Ein Roboter begrüsst die Gäste im japanischen Hotel Henn-na. Foto: Akio Kon (Bloomberg)

Ein Roboter begrüsst die Gäste im japanischen Hotel Henn-na. Foto: Akio Kon (Bloomberg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er piepst wie R2-D2, sein berühmtes Vorbild aus den «Star Wars»-Filmen. «Hi, I am A.L.O.» steht auf seiner Metallbrust. Er rollt durch die Korridore des Hotels Aloft Cupertino im kalifornischen Silicon Valley, biegt ab, umkurvt Hindernisse, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln. Im Fahrstuhl ist der kleine Metalldroide so höflich, dass er Menschen beim Aussteigen den Vortritt überlässt. Nur vor verschlossenen Türen bleibt er stehen, weil ihm ein ausfahrbarer Greifarm von R2-D2 fehlt.

A.L.O. arbeitet aber nicht auf einem intergalaktischen Jedi-Schiff, sondern als Serviceroboter in einem Hotel. Der real existierende 91 Zentimeter grosse, 45 Kilo schwere Roboterbutler («Botlr») liefert den Gästen Bestellungen aufs Zimmer. Alles, was in seine Ladeklappe passt: Kekse, Handtücher, Zahnpasta, Getränke, Kondome oder Zeitungen.

Arbeiten, bis der Akku leer ist

Der piepsende Blechbutler ist einer von vielen Robotern, die in Hotels, auf Kreuzfahrtschiffen und in Restaurants eingesetzt werden. Sie arbeiten im Roomservice und am Empfang, als Kellner, Entertainer oder Barkeeper. Manche können lächeln, singen oder vierhändig Schlagzeug spielen. Sie arbeiten, bis ihr Akku leer ist. Andere servieren Essen, mixen Drinks, verteilen Hotelbroschüren und verstauen Koffer.

An diese Roboter wird man sich ­gewöhnen müssen. Sie sind flächen­deckend auf dem Vormarsch und in der Lage, Servicepersonal im Tourismus zu ersetzen. «Besonders gefährdet sind in den nächsten 20 Jahren Tätigkeiten wie Empfangsmitarbeiter, Kellner, Room­service und Kofferträger», sagt Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey von der University of Oxford.

Die Eröffnung des Hotels Henn-na. Video: The Japan Times

Er hat mit seinem Kollegen Michael Osborne in der Studie «The Future of Employment» berechnet, dass 35 Prozent der Jobs in den nächsten 20 Jahren von intelligenten Robotern übernommen werden könnten. «Es betrifft vor ­allem Logistik, Transport, Verkauf, ­Verwaltung, aber auch Berufe im Dienstleistungsbereich – wie im Tourismus.» Nur Zimmermädchen bleiben schwer ­ersetzbar. «Betten machen und beziehen, das können Roboter nicht. Es ist einfach zu kompliziert», sagt Frey.

Vorreiter der Entwicklung sind die ­Japaner. Im japanischen Sasebo hat 2015 das Roboterhotel Henn-na eröffnet, übersetzt «das seltsame Hotel». Es steht im Freizeitpark Huis Ten Bosch in Sasebo, Nagasaki. Ein Dinosaurier und ein Robotermännchen begrüssen dort die Gäste. Auf dem Zimmer plaudert eine fette pinkfarbene Robotertulpe über das Wetter. Ninja-Kampfroboter servieren im Tokioter Robotrestaurant das Essen und trommeln auch mal zwischen den Gängen. Und der Technologiekonzern Toshiba hat eine humanoide Roboter-Empfangsdame namens Chihira Kanae entwickelt. Sie sieht aus wie eine Japanerin Mitte 30, gestikuliert mit Armen und Händen, lächelt, singt, zwinkert mit den Augen, erkennt Gesichter wieder, spricht Deutsch, Englisch, Japanisch und Chinesisch. Als Messehostess begrüsste sie die Besucher kürzlich auf der weltgrössten Reisemesse ITB in Berlin.

Ihr Blinzeln wirkt jedoch ruckartig wie bei einer Puppe. Da müssen die Entwickler noch etwas nachjustieren. Roboterdamen der gleichen Bauart sollen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio massenhaft als Gästehostessen eingesetzt werden.

Erste humanoide Hotelroboter

Auch ausserhalb Japans sind inzwischen Roboter in der Tourismusbranche im Einsatz. Im belgischen Ghent Marriott Hotel arbeitet zum Beispiel Mario, der erste humanoide Hotelroboter der Welt. Der 6-Kilo-Knirps spricht 19 Sprachen und arbeitet am Empfang. In der Lobby des New Yorker Yotel-Hotel sitzt ein Gelenkarmroboter hinter Sicherheitsglas und verstaut die Koffer der Gäste.

Sogar ins Luxushotel Schloss Elmau in Oberbayern werden einmal Roboter einziehen. «Aber nur in Bereichen ohne direkten Gästekontakt», sagt Besitzer Dietmar Müller-Elmau. «Viele standardisierte Aufgaben, die nicht gerne von intelligenten Mitarbeitern erledigt werden, können Roboter in zehn Jahren zuverlässiger und effizienter erledigen.»

Der elektronische Butler von Aloft. Video: Engadget

In den Aloft-Hotels ist diese Maschinenzukunft Wirklichkeit. «Die banale Aufgabe, eine Rasierklinge im Zimmer abzuliefern, fällt damit für unsere Angestellten weg», lautet die Erklärung des Hotels. Jetzt braucht ein Mitarbeiter nur den gewünschten Gegenstand ins Ladefach einzulegen, die Zimmernummer einzugeben und den Roboter loszuschicken. Steht A.L.O. vor der Zimmertür, ruft er den Gast selbst an.

Sobald die Lieferung übergeben ist, fragt der Roboter auf dem Display, ob der Gast zufrieden war («How did I do?»). Bei einem Lob piepst er eine Oktave höher und wackelt mit der Klappe, bevor er zurück zur Ladestation rollt. 11'000 Lieferungen hat der Roboter schon erledigt. Deshalb hat A.L.O. Zwillingsbrüder bekommen: Auch in anderen kalifornischen Hotels laufen jede Menge Roboterbutler herum – wie im Crowne Plaza San José und im Residence Inn by Marriott in Los Angeles. Einer der Roboterbutler geht auf Dienstreise, er arbeitet 2016 für ein paar Wochen in Aloft-Hotels – geplant sind München, Stuttgart, Brüssel, London, Dubai.

11'000 Lieferungen hat der Roboter A.L.O. schon erledigt.

Bei den Hotelgästen kommen die Maschinen gut an. Ständig müssten sie für Selfies posieren, sagt Brian Mc­Guinness, Global Brand Leader, Spe­cialty Select Brands bei Starwood Hotels. Viele bestellen extra etwas beim Zimmerservice, um die Roboter kennen zu lernen.

Pausen gibt es nicht. Wenn sie nicht von Gästen gerufen werden, helfen sie den Zimmermädchen. «Sie tragen Müll raus oder bringen ein Extrabetttuch», sagt Brian McGuinness. Auch das gefällt den Gästen. Und auch auf See sind die Servicemaschinen auf dem Vormarsch: Zwei Begrüssungsroboter namens Pepper gehen im Frühjahr an Bord der Kreuzfahrtschiffe Aida Prima und Costa Diadema und helfen den Gästen beim Einchecken. Sie können auch Fragen zum Tagesprogramm beantworten und Ausflugstipps geben sowie Spa-Termine und Tische in den Restaurants des Schiffs reservieren.

Der freundliche Roboter Pepper. Video IEEE Spectrum

Hansjörg Kunze, Vice President Communication & Sustainability, bei Aida Cruises: «Pepper ist weltweit der erste Roboter, der die wichtigsten menschlichen Emotionen lesen kann. Eine 3-D-Kamera ermöglicht es ihm, Personen, deren Bewegungen sowie Mimik und Gestik zu erkennen. Die Passagiere können auf diese Weise mit dem elektronischen Crewmitglied interagieren.» Seine Seetauglichkeit hat er unter Beweis gestellt: Selbst bei hohem Seegang fällt er nicht aus. Auch auf der neuen «Harmony of the Seas», dem grössten Kreuzfahrtschiff der Welt, werden von Juni an zwei Roboter an Bord gehen.

Eine Umfrage des Reiseexpertenportals Travelzoo bestätigt den Trend: Roboter werden bis spätestens 2020 eine grosse Rolle im Alltag spielen. 80 Prozent der Befragten erwarten das. Ihnen gefallen Roboter an der Réception, als Portier, Gepäckträger, Butler und auch als Kellner. Nur als Flugbegleiter oder Steward auf einem Schiff – lieber nicht.

Kurzschluss bremst Roboter

Rund 9 von 10 Befragten sehen auch einen klaren Vorteil darin, dass die Maschinen nicht so schnell ermüden wie Menschen. 80 Prozent sind zudem der Meinung, dass die künstlich geschaffenen Assistenten vorgeschriebenen Abläufen strenger folgen. Und wie sollen sie aussehen? Die meisten bevorzugen es, wenn Roboter wie Maschinen aussehen, aber wie Menschen sprechen.

Ihre Beliebtheit mag auch daran liegen, dass die Maschinen kein Trinkgeld verlangen. Vor allem aber sind sie zuverlässig: Roboterbutler A.L.O. ist bereits seit anderthalb Jahren im Einsatz, fiel in dieser Zeit aber nur einmal aus. Ein Gast hatte feuchte Handtücher in seine Ladeklappe gestopft. Es knallte. Kurzschluss. Der konnte aber schnell behoben werden, seither ist A.L.O. wieder im Einsatz. Schnell, effizient und ohne Murren.

Erstellt: 29.03.2016, 13:38 Uhr

Kooperation

In Zusammenarbeit mit Lena, Verbund europäischer Qualitätszeitungen.

Artikel zum Thema

Pizza-Kette will Roboter als Kurier einsetzen

Bringt auch uns bald Roboter DRU das Essen nach Hause? Domino's Pizza will ein solches Pilotprojekt in Neuseeland durchführen. Mehr...

Menschen statt Roboter – Mercedes überrascht

Während Forschung und Politik den Verlust von Jobs durch die Digitalisierung beklagen, setzt der Autobauer vermehrt auf menschliche Arbeitskraft. Warum? Mehr...

Mensch gegen Roboter

Wie reagiert ein Roboter, wenn ein Mensch ihn angreift? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...