Unglückswagen: Einklemmschutz versagte schon mehrfach

Unfallprotokolle zeigen, wie gefährlich das Ein- und Aussteigen bei Zügen sein kann.

Mit dem lauten Hupen gedenken die SBB-Mitarbeiter des verstorbenen Zugbegleiters. Video: Hannes Weber

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Noch immer ist unklar, ob alleine ein defekter Einklemmschutz bei einer Türe zum tragischen Tod eines Zugbegleiters am vergangenen Sonntag führte. Ein Blick in eine Unfalldatenbank des Bundes zeigt nun aber, dass es immer wieder zu Unfällen wegen Zugtüren kommt.

Im Schnitt gibt es pro Jahr rund zwei Vorfälle, bei welchen Passagiere sich beim Ein- oder Aussteigen in den Türen einklemmen und ein Stück weit mitgeschleift werden. Das geht aus der Nationalen Ereignisdatenbank des Bundes hervor. Dabei werden die Passagiere glücklicherweise meist nur leicht verletzt.

  • 8.2.2018: Eine Reisende versucht in einen Zug einzusteigen, bei dem die Türen bereits den Schliessbefehl erhalten haben. Die Türe des Zuges schliesst sich und klemmt den Arm der Reisenden ein. Sie kann sich nicht losreissen, drei Reisende eilen zu Hilfe und ziehen die Frau gerade noch rechtzeitig aus der Türe. Sie bleibt unverletzt. Gemäss technischen Abklärungen hat der Einklemmschutz der Türe nicht funktioniert.
  • 5.9.2017: Bei einem Türentest wird ein Reisender eingeklemmt. Er klagt über Schmerzen an der Schulter und will seinen Arzt konsultieren. Der Klemmschutz, so schien es dem Zugbegleiter, funktioniere bei diesem und auch an anderen Wagen der Zugkomposition nicht richtig.
  • 20.10.2015: Beim Ausstieg in Zürich schliesst sich unvermittelt eine Türe und klemmt eine Kundin ein. Sie erleidet Prellungen am rechten Knie und am linken Handgelenk.
  • 19.12.2014: Ein älterer Mann klemmt sich seine Hand in einer Zugtüre ein. Er wird kurz mitgeschleift, bis ihn jemand vom Zug wegreisst. Es stellt sich heraus, dass der Klemmschutz der Türe nicht richtig funktioniert. Der Mann wird mit der Ambulanz ins Kantonsspital Olten gebracht und dort versorgt.
  • 29.8.2014: Die Türe eines Zuges geht zu, bevor eine Kundin richtig eingestiegen ist, und klemmt sie ein. Durch den Druck erleidet sie eine offene Schürfwunde, die in der Permanence im Bahnhof Luzern behandelt wird.

Das sind nur fünf Beispiele von insgesamt 49 Vorfällen mit Türen seit dem Jahr 2014. Sie sind von Mitarbeitenden von verschiedenen Bahnunternehmen in die Nationale Ereignisdatenbank des Bundesamts für Verkehr eingetragen worden und beinhalten Augenzeugenberichte und Schilderungen der Bahnmitarbeiter. Die Beispiele zeigen, wie gefährlich das Ein- und Aussteigen bei Zügen sein kann. Durchaus auch mit schmerzhaften Folgen: Knochenbrüche, Prellungen, gestauchte Rippen und Spitalaufenthalte.

Die Vorfälle werden jeweils als technische Defekte klassifiziert. Nicht in jedem Fall waren die Aussentüren involviert. Laut dem Auszug aus der Datenbank, der dieser Zeitung vorliegt, gab es während dieser Zeit 8 Schwerverletzte und 38 Leichtverletzte.

Unfälle mit Unglückswagen

Auffällig bei den ersten beiden Beispielen: Laut den Protokollen waren Wagen des Typs EW IV involviert. Also genau der Wagentyp, bei dem am vergangenen Wochenende der tödliche Unfall passierte. Beide Male wird erwähnt, dass der Einklemmschutz nicht richtig funktioniert hat.

Gedenkminute im Hauptbahnhof Zürich: Trauernde tragen sich ins Kondolenzbuch für den verstorbenen Kollegen ein. Foto: Andrea Zahler

Ebenso ist in der Datenbank ein Fall erwähnt, bei dem das gleiche System offenbar nicht funktioniert hat, das auch bei den EW-IV-Kompositionen zum Einsatz kommt. Dabei erlischt jeweils im Führerstand eine Lampe, wenn alle Türen zu sind. Der Lokführer, der den Vorfall im Jahr 2016 meldete, weist «ausdrücklich» darauf hin, dass die Lampe nicht mehr an war. Wie sich danach aber herausstellte, war ein Mann bei der Abfahrt in einer Türe eingeklemmt. Die Lampe hätte also leuchten müssen.


Video: «Der Wagen war nur wenige Tage zuvor in der Revision»

SBB-Chef Andreas Meyer äussert sich zum tragischen Arbeitsunfall. (Video: SDA)


Bei den EW-IV-Wagen schickt der Zugbegleiter jeweils eine SMS, dass der Zug abfahrbereit ist. Erlischt dann noch das Türlämpchen, kann der Lokführer den Zug in Bewegung setzen. Die SBB bezeichnen dieses Vorgehen als erprobt und sicher. Der Blick in die Datenbank des Bundes zeigt nun aber, dass dies nicht in jedem Fall der Realität entspricht.

Dass der Zugtyp nicht ungefährlich ist, lässt sich auch durch eine andere Tatsache zeigen. So darf er aus Sicherheitsgründen gar nicht ohne Kundenbegleiter unterwegs sein. Einer der Gründe sind die Türen. Gibt es zum Beispiel kein akustisches Signal beim Schliessen der Türe, dürfen diese Züge nicht ohne Begleiter fahren. Das ist etwa auch bei den Doppelstockzügen IC 2000 und den Neigezügen der Fall.

Das Bundesamt für Verkehr weist darauf hin, dass es sich bei Unfällen mit defekten Türen nicht um einen Unfallschwerpunkt im öffentlichen Verkehr handle – bezogen auf die Gesamtzahl der Unfälle mit jährlich im Schnitt rund 30 Toten und 120 Schwerverletzten.

Zug aus Verkehr nehmen

Das Vertrauen der Zugbegleiter in den betroffenen Zugtyp war bereits vor dem tödlichen Unfall am Wochenende angeschlagen: Mehrere berichteten in den vergangenen Tagen von Vorfällen mit den Türen, die glücklicherweise alle glimpflich ausgingen.

Unabhängig von früheren Fällen fordert Giorgio Tuti, Chef der Eisenbahnergewerkschaft SEV: Solange nicht geklärt ist, ob der Einklemmschutz einwandfrei funktioniert, sollen die betroffenen Wagen aus dem Verkehr gezogen werden. Dieser Forderung sind die SBB bisher nicht nachgekommen. Ein Sprecher sagt, dass man nächste Woche über die beschlossenen Sofortmassnahmen informieren will.

Erstellt: 09.08.2019, 21:27 Uhr

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