Vermarkter des Wahnsinns

Die «Avengers»- Reihe schlägt alle Rekorde. Dazu kommen Videospiele, Freizeitparks und vieles mehr. Wie Hollywood mit Fortsetzungen Kasse macht.

«Avengers: Endgame» spielte innerhalb von fünf Tagen mehr als 1,2 Milliarden Dollar ein: Fans mit Thor-Darsteller Chris Hemsworth bei der Premiere in Los Angeles. Foto: Getty Images

«Avengers: Endgame» spielte innerhalb von fünf Tagen mehr als 1,2 Milliarden Dollar ein: Fans mit Thor-Darsteller Chris Hemsworth bei der Premiere in Los Angeles. Foto: Getty Images

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Wahnsinn. Lächerlich. Unfair. Mit diesen Begriffen bezeichnete Abigail Disney kürzlich das Gesamtsalär von Robert Iger im vergangenen Jahr, und sie schrieb bei Twitter auch noch diesen wunderbaren Satz, dass nicht einmal Jesus Christus so viel verdienen sollte. Der Vorstandschef des Konzerns, den Abigails Grossonkel Walt und Grossvater Roy vor mehr als 95 Jahren gegründet haben, erhielt inklusive Boni und Aktien 65,6 Millionen Dollar, das ist 1424 Mal so viel wie das Mittelgehalt der Disney-Angestellten. Man kann nun über Manager-Gehälter, und Ungerechtigkeit debattieren – man könnte aber auch sagen, dass Iger jeden Cent wert ist.

1,2 Milliarden Dollar hat das Superhelden-Spektakel «Avengers: Endgame» innerhalb von fünf Tagen weltweit eingespielt, es ist das zweiterfolgreichste Startwochenende der Geschichte nach «Star Wars: The Force Awakens» – ebenfalls in Besitz von Disney. Die künstlerische Beurteilung des vorerst letzten der 22 Filme aus dem Avengers-Universum sei den Feuilletons überlassen, die rein wirtschaftliche Perspektive: Die Reihe hat allein an den Kinokassen in den vergangenen elf Jahren mehr als 20 Milliarden Dollar umgesetzt.

Film-Franchises, also die scheinbar endlosen Fortsetzungen erfolgreicher Filmstoffe, sind die Füllhörner Hollywoods, die zehn kommerziell erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres sind allesamt Teil einer Reihe, Superhelden-Abenteuer wie Black Panther und Deadpool 2, Trickfilme wie Incredibles 2 und The Grinch oder Filme aus etablierten Film-Universen wie zum Beispiel Mission Impossible, Fallout oder Solo, A Star Wars Story. Disney besitzt die Rechte an sechs dieser Franchises, und an der Struktur dieser Liste dürfte sich in diesem Jahr kaum etwas ändern – ausser, dass Universal mit Filmen aus seinen Franchises (Jurassic World, Fast and Furious und andere) kontern dürfte.

Geistiges Eigentum ist die Währung in einer dramatisch veränderten Branche

Iger war belächelt worden, weil er vier Milliarden Dollar für Marvel Entertainment bezahlt hatte, und drei Jahre später schlugen Aktionäre und Analysten die Hände über den Köpfen zusammen, weil er noch einmal vier Milliarden Dollar ausgegeben hatte, diesmal für Lucasfilm und die dazu gehörenden Film-Franchises Star Wars und Indiana Jones. Bereits 2006 hatte Iger das Trickfilm-Studio Pixar für 7,4 Milliarden Dollar gekauft, und mit der 71,3-Milliarden-Dollar-Übernahme grosser Teile von 21st Century Fox im März dieses Jahres hat sich Disney die Rechte an anderen Marvel-Superhelden wie X-Men und Fantastic Four sowie an der ersten Star-Wars-Folge A New Hope gesichert.

Geistiges Eigentum ist die Währung in einer dramatisch veränderten Unterhaltungsbranche, und wer wissen möchte, was für ein Imperium Iger da geschaffen hat, der möge entweder die Landkarte der Freizeitparks Disneyland und California Adventure Park im Süden von Los Angeles betrachten, die Spielwaren-Sektion bei Amazon – oder die Aufzählung der Filme, die in diesem Jahr noch auf Avengers: Endgame folgen werden: Toy Story 4 (Pixar) zum Beispiel, Fortsetzungen der Hits Frozen und Maleficent, Remakes von Aladdin, Dumbo und The Lion King (allesamt Disney), zwei neue X-Men-Abenteuer (Marvel/Fox) – und natürlich The Rise of Skywalker, der dritte Film der dritten Star-Wars-Trilogie. Es ist, um bei den Worten von Abigail Disney zu bleiben: Wahnsinn.

Die Monetarisierung des geistigen Eigentums ist der Heilige Gral der Unterhaltungsbranche, in der sich mittlerweile zahlreiche verschiedene Sparten (Filme, Serien, Bücher, Computerspiele, Nachrichten, soziale Netzwerke) um die Zeit des Menschen bewerben. Freilich sind Roma, BlacKkKlansman, Green Book und The Favourite von der Kritik gelobte und auch kommerziell erfolgreiche Filme gewesen, nur lassen sich daraus kaum Fortsetzungen oder andere Möglichkeiten der Umsatzsteigerung kreieren.

Ganz besonders erfolgreich sind nämlich jene Film-Franchises, über die sich möglichst lange auf möglichst verschiedenen Kanälen Umsätze erzielen lassen – weshalb noch einmal auf die Landkarte von Disneyland (das 5,7 Hektar grosse Star Wars: Galaxy's Edge wird in diesem Jahr eröffnet, in dieser Woche gab es anlässlich des Avengers-Films die zwei Motto-Nächte «Heroes Assemble»), auf Verkleidungen im Computerspiel Fortnite (es gibt derzeit ein Avengers-Spezial mit eigenem Spielmodus) und auf besonders beliebte Spielzeuge (das Avengers Hero Investor Kit, das Harry Potter Coding Kit oder die Star-Wars-Figur Chewbacca) verwiesen sei.

«Ein Film ist nicht mehr nur ein Film, sondern ein Zehn-Jahres-Plan», sagt Ben Fritz, Autor des Buches The Big Picture über die Fortsetzungs-Obsession der Filmbranche: «Die Chefs der grossen Studios sind nun eher Verwalter dieser gewaltigen Marken, die für unglaublichen Umsatz sorgen.» Die digitale Revolution und der Aufstieg von Streamingportalen habe für eine Veränderung der Inhalte gesorgt, Dramen zum Beispiel würden nun eher als Serien produziert: «Die Leute gehen ins Kino, um ein Spektakel zu erleben – und beim Umsatz hilft es derzeit bei der Vermarktung, eine Marke zu besitzen, die weltweit bereits bekannt ist.»

Bekanntheit kann zu Langeweile führen – oder zu einer raschen Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen: James Bond ist zuletzt nicht mehr der dauerflirtende Alleskönner-Macho gewesen, sondern ein verletzlicher Typ in der Midlife-Crisis. Captain America ist kein Über-Patriot mehr, sondern ein desillusionierter Flüchtling. Die prägende Figur in der neuen Star-Wars-Trilogie ist kein hemdsärmeliger Schmuggler, sondern eine junge Frau – wie übrigens auch die Protagonistin im Superhelden-Spektakel Captain Marvel. Der Held des kommerziell erfolgreichsten Films des vergangenen Jahres ist der dunkelhäutige Superheld Black Panther. Es ist dann doch nicht immer mehr vom Gleichen, wie der Filmbranche immer wieder vorgeworfen wird.

Nicht jede Franchise ist erfolgreich: John Carter (2012) etwa und The Lone Ranger (2013) waren «Box Office Bombs» für Disney, auch die Franchise-Filme anderer Unternehmen, Fantastic Four (2015) etwa, Ghostbusters (2016), The Mummy (2017) oder Robin Hood (2018), haben die Erwartungen nicht erfüllt. Hollywood-Studios haben jedoch die Mentalität von Silicon-Valley-Investoren übernommen, derzufolge Misserfolge über dieses eine gigantisch erfolgreiche Projekt ausgeglichen werden können. Es dürfte daher so weitergehen mit der Monetarisierung geistigen Eigentums, die Ära der Film-Franchises andauern, auch wenn Avengers: Endgame das vorläufige Ende dieser einen Franchise darstellen sollte. Sequels mit den Marvel-Figuren Black Panther, Doctor Strange und Guardians of the Galaxy sind angekündigt, ein Black-Widow-Prequel und ein Film über die asiatische Marvel-Figur Shang-Chi sind in Planung. Der Wahnsinn ist noch nicht zu Ende, er hat erst begonnen.

Erstellt: 02.05.2019, 21:13 Uhr

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