Verschont uns mit euren banalen Firmenleitbildern!

In vielen Unternehmen sind die Werte das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben sind.

Aus der Organisationslehre ist bekannt, dass man schon in einem mittelgrossen Unternehmen die Mitarbeiter nicht mehr bis ins letzte Detail kontrollieren kann.

Aus der Organisationslehre ist bekannt, dass man schon in einem mittelgrossen Unternehmen die Mitarbeiter nicht mehr bis ins letzte Detail kontrollieren kann. Bild: Keystone

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Die Wirtschaft ist das reinste Paradies. Zumindest den Werten nach, die man auf den «Über uns»-Seiten und in den Leitbildern vieler Firmen findet. Man sei wertschätzend, integer, verbindlich. Ehrlich, engagiert, nachhaltig. Und immer wieder: innovativ. Gerne auf Englisch: «Customers first!», «Passion!», «We keep it simple!», «Great isn’t good enough!» und «Be accessible!» Das ist Kindergarten.

Wer sind wir denn, dass man uns Mitarbeitern sagen müsste, wir sollten uns leistungsbereit zeigen, dankbar, aufrichtig, treu? Als hätten wir keine Werte, solange sie nicht ausgedruckt und eingerahmt im Pausenraum hängen. Wir wissen nicht erst seit Moses, dass wir nicht morden sollen, nicht ehebrechen und nicht stehlen. Genauso ist es mit Unternehmenswerten. Wir wissen, dass wir ehrlich und fleissig sein sollen, nett zu den Kunden und freundlich zu den Kollegen. Werden wir trotzdem daran erinnert, fühlen wir uns nicht ernst genommen. Oder zweifeln am Menschenbild unserer Vorgesetzten.

Nicht dass es falsch wäre, wenn Unternehmen über ihre Werte nachdenken. Unsere Manager sind ja nicht dumm – sie wissen, dass eine Ausrichtung an kurzfristigen Gewinnzielen mit nachhaltiger Prosperität nicht vereinbar ist. Und sie sind auch nicht böse. Auch sie wollen ihren Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen. Aber die stupiden Leitbilder mit bemüht originell wirkenden Plattitüden aus der Mottenkiste angestaubter Management-Bestseller? Die zeugen eher von Hilflosigkeit im Umgang mit Menschen als von souveräner Firmenführung. Damit lässt sich keine Prosperität erzielen. Und erst recht keine lebenswerte Zukunft.

Verstehen Sie mich richtig: Werte sind wichtig. Sie sagen uns, was gut und richtig ist. Sie bieten Orientierung in einer Welt voller Komplexität, Veränderung und Geschwindigkeit. So wissen wir zum Beispiel aus der Unehrlichkeitsforschung, dass sich wirtschaftliche Akteure tatsächlich aufrichtiger und gewissenhafter verhalten, wenn man sie auffordert, sich über Werte Gedanken zu machen, sie aufzuschreiben und per Unterschrift deren Einhaltung zu bekunden.

Aus der Organisationslehre ist bekannt, dass man schon in einem mittelgrossen Unternehmen die Mitarbeiter nicht mehr bis ins letzte Detail kontrollieren kann. Aber man kann Werte vorgeben, die dann als Richtschnur für das Verhalten dienen. Warum nur funktioniert das oft nicht? Weil in vielen Unternehmen die Werte das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben sind. Erstens müssen Werte von der Unternehmensleitung nicht nur vorgeschrieben, sondern auch vorgelebt werden. Die Mitarbeiter reagieren sonst mit Zynismus und Verweigerung. Zweitens muss die Einhaltung der Unternehmenswerte kontrolliert werden, ihre Missachtung muss Folgen haben. Wenn eine Firma ihren umsatzstärksten Verkäufer gewähren lässt, obwohl er die Werte mit Füssen tritt: Das ist Gift für das Betriebsklima. Dann foutieren sich alle um die Werte, und jeder schaut nur noch für sich. Drittens: Unternehmenswerte müssen präzise und spezifisch sein. Es ist zum Beispiel Blödsinn, wenn sich ein Unternehmen «Kundenorientierung» als Wert auf die Fahnen schreibt, sagt der erfahrene Organisationspsychologe Felix Frei. Kundenorientierung ist ein banaler Grundwert jedes Unternehmens. Banalitäten taugen aber nicht als Leitideen komplexer Organisationen.

Es ist also überflüssig, dass sich Unternehmen Werte geben, wenn diese schwammig sind oder banal, oder wenn sie nicht vorgelebt und nicht eingehalten werden. Dann bleibt, was auf den «Über uns»-Seiten steht, Kulissenschieberei. Da wäre es besser, Unternehmen würden sich einfach auf das Geldverdienen konzentrieren. Dann kommen sie nämlich ganz automatisch darauf, dass sie Mitarbeiter wertschätzend und ehrlich behandeln, Kunden nicht übers Ohr hauen und Geschäftspartnern gegenüber zuverlässig sein sollen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.04.2019, 06:40 Uhr

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