Viele Fragen und ein Verdacht

Die Gründe für den Stellenabbau beim Zugbauer Bombardier sind obskur. In der Waadt vermutet man, der kanadische Konzern wolle seinen Aktienkurs nach oben drücken.

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Als «heikle Angelegenheit» bezeichnet die Waadtländer Regierung den Kahlschlag beim Zughersteller Bombardier. Hinter den Kulissen dürften die Regierenden mit ihren Gefühlen weniger zurückhaltend umgehen und nicht nur ratlos, sondern auch wütend und frustriert sein. Immerhin drückte die Waadt mit Vehemenz darauf, dass Bombardier gegen die Mitbieter Stadler und Siemens 2010 den «Jahrhundertauftrag» der SBB erhielt, um für zwei Milliarden Franken rund 60 Doppelstockzüge zu bauen. Die Absicht der Regierung war klar: Man wollte den Bombardier-Produktionsstandort in Villeneuve VD retten.

Und nun dies: Der kanadische Industriekonzern baut in der Schweiz 650 Arbeitsplätze ab, die überwiegende Mehrheit davon im Werk in Villeneuve. Die von Konzernpräsident André Navarri bei der Vertragsunterzeichnung im Juni 2010 abgegebene Erklärung muss in den Ohren der Waadtländer Staatsräte heute wie Hohn klingen. Navarri sagte damals: «Wir bedanken uns bei den SBB für das Vertrauen und sind voller Ungeduld, diese fruchtbare Zusammenarbeit weiterzuführen. Die Schweiz hat für Bombardier immer eine wichtige Rolle gespielt, als Markt, aber auch als Produktionsstandort.»

Die SBB warten auf die Züge

Als Bombardier am vergangenen Donnerstag den Stellenabbau bekannt gab, tat die Regierung, was sie bei Massenentlassungen immer tut: Sie intervenierte noch am selben Tag bei der Unternehmensleitung. Alles ging blitzschnell. Am Freitag mussten sich Vertreter der Unternehmensleitung gegenüber Volkswirtschaftsdirektor Philippe Leuba (FDP) und Verkehrsdirektorin Nuria Gorrite (SP) erklären. Doch so intensiv sich die Staatsräte über den massiven Stellenabbau erkundigten, sie bekamen keine Antworten.

Leuba und Gorrite schweigen seither und dürften sich hinter den Kulissen auch mit dem Bund und den SBB über das weitere Vorgehen unterhalten. Man beantworte derzeit keine Fragen zu dieser Affäre, heisst es beim Kanton. In der Verwaltung kursiert derweil vor allem ein Erklärungsansatz für Bombardiers Verhalten: Der kanadische Industriekonzern habe mit der Ankündigung von Restrukturierungsplänen bloss seinen Aktienkurs in die Höhe treiben wollen.

«2020 muss die Gesamtlieferung von 62 Intercity-Zügen abgeschlossen sein.»Jean-Philippe Schmidt, SBB-Sprecher

Der Verdacht ist nicht unbegründet. Bombardier hat den Stellenabbau angekündigt, obschon mehr als drei Viertel der 850 in Villeneuve beschäftigten Arbeiter über temporäre Arbeitsverträge angestellt sind. Die Verträge laufen im Herbst oder spätestens Ende Jahr aus. Unter den Festangestellten sollen «nur» 20 bis 30 Personen vom Stellenabbau betroffen sein. Selbst bei der Gewerkschaft Unia heisst es: «Bombardier wäre nicht verpflichtet gewesen, den Stellenabbau auf diese Weise anzukündigen.»

Bei den SBB legt man vor allem auf eine Sache Wert, wie Sprecher Jean-Philippe Schmidt ausführt. Er sagt: «Wir gehen davon aus, dass Bombardier die bestellten Züge fristgerecht ausliefert. Im ersten Quartal 2020 muss die Gesamtlieferung von 62 Intercity-Zügen abgeschlossen sein.»

Seit einiger Zeit sieht man die ersten der 200 Meter langen Zugskompositionen durch den Bahnhof Lausanne rollen. Noch werden die Intercity-Züge auf Teststrecken eingesetzt. Regelmässig transportiert die Bahn im Bombardier-Werk im deutschen Görlitz gefertigte Bauteile zur Endmontage nach Villeneuve.

«Ein politisches Problem»

Nach dem angekündigten Kahlschlag stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Möglichkeiten hat der Waadtländer Staatsrat, um Druck auf Bombardier auszuüben? Der Waadtländer SP-Nationalrat und Arbeitsrechtspezialist Jean Christophe Schwaab begrüsst die Intervention des Staatsrats und nimmt Bombardier in die Pflicht. Er sagt: «Das Gesetz verpflichtet eine Firma, über die Gründe einer Massenentlassung volle Transparenz zu schaffen.»

Schwaab stört sich enorm am vorliegenden Fall. Er spricht von einem «politischen Problem», weil Bombardier erstens mehrere Hundert Temporärarbeiter beschäftigt und damit die Arbeitsprekarität fördert und zweitens für die Erfüllung des SBB-Auftrags erst noch staatliche Gelder kassiert. Wenn öffentliche Gelder im Spiel seien, müsse man von Unternehmensseite eine gewisse Sensibilität einfordern, so der SP-Nationalrat. Es sei nun an der Regierung, darauf zu drängen, dass Bombardier die Gründe für den Stellenabbau benennt. Falls sich ein Entgegenkommen des Kantons aufdränge, müsse die Regierung entsprechende Vorschläge unterbreiten. Das Novartis-Werk in Prangins VD habe mit einem Steuerdeal und einer Änderung bei der Raumplanung gerettet werden können, so Schwaab.

Festhalten an Bombardier

Ein Druckmittel könnte gemäss diverser Beobachter sein, dass der im Juni 2010 unterzeichnete Liefervertrag zwischen den SBB und Bombardier die Option enthält, dass Bombardier bei Bedarf zusätzliche 100 Doppelstockzüge bauen darf. Man ist sich sicher, dass die SBB die Option aktivieren werden, weil sie die Transportkapazitäten erhöhen müssen. Bei den SBB signalisiert man auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, noch sei es zu früh, über die Option zu sprechen, man warte den Abschluss der ersten Zugslieferung ab. Dass die Option als Druckmittel taugt, ist höchst ungewiss.

Bombardier scheint bezüglich der Option in einer komfortablen Situation zu sein. Der Konzern besitzt die Baupläne und weiss, dass die neuen Intercity-Züge derart viele Spezifitäten aufweisen, dass sie einen alternativen Fabrikanten vor grosse Probleme stellen. Dazu kommt: Zwei verschiedene Serien von Intercity-Zügen will die SBB-Direktion mit Sicherheit nicht beschaffen. Will heissen: Die SBB müssen wohl an Bombardier festhalten.

Für den Fall, dass die SBB die Option ziehen und einen neuen Liefervertrag unterzeichnen, stellt Unia-Sekretärin Isabelle Smekens vor allem eine Forderung: «Die SBB müssen sich vertraglich zusichern lassen, dass Bombardier weniger Temporär- und mehr Festangestellte beschäftigt.»

Erstellt: 12.06.2017, 21:01 Uhr

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