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«Vielleicht hortet man Geld bald wieder unter der Matratze»

Vor zwei Jahren löste der Kollaps von Lehman Brothers eine weltweite Finanzkrise aus. Viel geändert habe sich seither nicht, sagt einer, der es wissen muss: Sony Kapoor arbeitete einst als Lehman-Banker.

Das Finanzsystem ist noch immer sehr fragil, sagt Ex-Banker Sony Kapoor: Angestellte verlassen die Investmentbank Lehman Brothers, die am 15. September 2008 Insolvenz meldete.
Das Finanzsystem ist noch immer sehr fragil, sagt Ex-Banker Sony Kapoor: Angestellte verlassen die Investmentbank Lehman Brothers, die am 15. September 2008 Insolvenz meldete.

Der «Schwarze Montag» stellte die gesamte Finanzwelt auf den Kopf. Die viertgrösste Investmentbank der USA, Lehman Brothers, meldete am 15. September 2008 Insolvenz an. Die US-Regierung hatte zuvor eine Rettungsaktion abgelehnt – damit war das Schicksal der Bank besiegelt. Lehman-Brothers brach zusammen und führte die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds. Mehrere Länder entgingen nur dank internationaler Milliardenhilfe der Staatspleite.

Einer, der die Pleitebank Lehman Brothers und das Finanzsystem sehr gut kennt, ist Sony Kapoor. Der heute 36-Jährige war ein regelrechter Senkrechtstarter. Nach einem Studium an einer Eliteuniversität in Delhi besuchte er mit einem Stipendium die London School of Economics. Danach heuerte er bei Lehman Brothers an und wechselte später zu einer US-amerikanischen Firma, die mit Energie-Derivaten handelt. Vor fünf Jahren hatte er von der Arbeit im Finanzmarkt genug und stieg aus. In einem Gespräch mit der deutschen «Tageszeitung» (Taz) erzählt Kapoor, warum er zwar an die Marktwirtschaft glaubt, nicht aber ans heutige Finanzsystem.

«Mit Geld wird noch mehr Geld gemacht»

Das Problem bestehe nicht darin, dass Menschen, die etwas gut machen, auch gut verdienen – das Problem sei, dass im Finanzsystem keinerlei physische Grenzen den Verdienst nach oben beschränken. «Es gibt fast keinen Zusammenhang zwischen Anstrengung und Belohnung. Mit Geld wird nur noch mehr Geld gemacht. Ein Mausklick reicht, um ein riskantes Geschäft über 100 Millionen mit einem Gewinn von 10 Millionen abzuschliessen», sagt Kapoor gegenüber der Taz. Geht dann etwas schief, verliere der Banker höchstens seinen Job – die Verluste trägt derweil der Steuerzahler.

Einerseits konnte sich Sony Kapoor trotz hohem Lohn nicht mit dieser Art des Geldverdienens identifizieren, andererseits erkannte er schon früh die Schwachpunkte des Systems. Heute leitet er einen Thinktank, wo er sich unter anderem mit dem Finanzsystem befasst. Das individuelle Gewinnstreben der Banker sei der zentrale Motor der Finanzkrise gewesen, sagt Kapoor. Und daran habe sich bisher nur wenig geändert.

Intellektueller Snobismus verhindert Boni-Beschränkung

Üppige Boni fliessen zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte wieder ungehindert. Die Politiker haben diesen Aspekt der Finanzkrise nur knapp behandelt, obwohl die Empörung in der Bevölkerung gross war. Laut Kapoor liege das an den Tricks der Lobbyisten, welche das Bonussystem zu einem Randaspekt der Krise erklärt hätten. In der Politik und bei den Regulierungsbehörden herrsche ein intellektueller Snobismus. Man fühle sich als Teil der Finanzwelt. «Den Politikern wurde eingeredet, es wäre plumper Populismus, der öffentlichen Empörung nachzugeben und die Boni zu begrenzen.»

Die von der Politik getroffenen Massnahmen – unter anderem das am Sonntag beschlossene Basel III würden daher kaum ausreichen. So beschäftige sich Basel III mit dem Eigenkapital, das Banken bei Verlusten vorhalten müssen, während die Finanzkrise vielmehr eine Liquiditätskrise gewesen sei. Auch über die Grösse der Banken werde in Europa nicht diskutiert. Damit begegnet man nicht der Problematik, dass Banken ja schon deshalb gerettet werden, weil sie «too big to fail» seien. «Auch die Schweiz wäre beinahe durch die UBS in den Abgrund gezogen worden. Doch jedes Land verteidigt seinen nationalen Champion», so Kapoor.

Fragiles Finanzsystem

Das Finanzsystem sei daher extrem fragil. «Eine neue Bankenkrise ist jederzeit möglich.» Und dann hätten Regierungen und Zentralbanken kaum mehr Geld für Rettungspakete. Sony Kapoor vermutet, dass vor allem Pensionsfonds und Lebensversicherungen Verluste erleiden würden. Sparer seien sich dann auch kaum mehr sicher, ob ihre Einlagen noch sicher sind. «Es ist nicht auszuschliessen, dass wir in Zeiten zurückfallen, wo jeder sein Geld unter der Matratze hortet.»

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