Zum Hauptinhalt springen

36'000 Franken für vier Sitzungen im Jahr

Mobiliar-Verwaltungsräte und Delegierte verdienen ziemlich gut – ohne sich um das Versicherungsgeschäft zu kümmern.

Der Hauptsitz der Mobiliar-Versicherungsgruppe in Bern.
Der Hauptsitz der Mobiliar-Versicherungsgruppe in Bern.
Lukas Lehmann, Keystone

Wer bei der Mobiliar eine Hausrats- oder Autoversicherung abschliesst, wird gleichzeitig auch Mobiliar-Genossenschafter. Die 191-jährige Versicherung mit Sitz in Bern hat keine Aktionäre, muss keine Dividenden ausschütten und ist nicht dem Druck grosser Investoren ausgeliefert. Ihren Gewinn gibt sie teilweise den Kunden zurück oder lässt ihn gemeinnützigen Zwecken zukommen.

Doch wer steuert ein Unternehmen, das de facto keinen Besitzer hat? Das oberste Gremium der Mobiliar-Genossenschaft ist die Delegiertenversammlung. 150 handverlesene Personen aus allen Kantonen, darunter die frühere Stadtberner Finanzdirektorin Barbara Hayoz, der Freiburger SVP-Nationalrat Jean-François Rime oder die frühere Urner Nationalrätin und FDP-Fraktionschefin Gabi Huber.

Die Aufgabe der 150 Delegierten: Einmal im Jahr kommen sie zusammen, das nächste Mal am 19. Mai. Sie segnen die Rechnung ab und wählen neue Verwaltungsräte. Im Herbst sind sie zudem eingeladen, einen regionalen Informationsanlass zu besuchen. Dafür erhalten sie jährlich 3000 Franken.

Noch besser ist das Verhältnis von Aufwand und Ertrag für die 27 Verwaltungsräte der Genossenschaft. Unter ihnen befinden sich illustre Namen wie Thiery Carrel, Herzchirurg am Berner Inselspital, Carole Hubscher, Präsidentin von Caran d’Ache, oder Benedikt Weibel, früherer SBB-Chef. Die Verwaltungsräte treffen sich viermal im Jahr und erhalten dafür im Schnitt 36'000 Franken. Wie kann ein Versicherungskonzern mit so wenig Aufwand gesteuert werden? Das liegt daran, dass die Knochenarbeit vom deutlich kleineren Verwaltungsrat der Mobiliar-Holding erledigt wird. Sie betreibt das Versicherungsgeschäft. Ihre Aktien gehören der Genossenschaft.

Zwei Räte, ein starker Mann

Sieben Mitglieder des grossen Genossenschafts-Verwaltungsrat bilden den kleinen Holding-Verwaltungsrat. Sie erhalten dafür zusätzlich branchenübliche Honorare von 120 000 Franken pro Jahr. Doch wozu braucht es die restlichen 20 Mitglieder des grossen Verwaltungsrats der Genossenschaft? Laut der Mobiliar gibt es «klare Governance-Gründe gegen eine vollständige Personalunion» der beiden Verwaltungsräte. «Das Prinzip der Checks und Balances wäre damit nicht mehr gewährleistet.» Doch das Argument hinkt: Denn Präsident – und damit der mächtigste Mann – beider Verwaltungsräte ist Urs Berger.

Ein Argument für den Riesenverwaltungsrat ist laut der Mobiliar auch die «breitere Abstützung durch einen wesentlich grösseren Verwaltungsrat». Doch genau das bezweckt die Mobiliar bereits mit den 150 Delegierten. Die Sitze werden proportional zur jeweiligen Kundenzahl auf die Kantone verteilt, zudem sind bei den Delegierten diverse Berufsgruppen vertreten.

Die Honorare der Delegierten betragen insgesamt 450 000 Franken, jene des grossen Verwaltungsrats gut 1 Million Franken. Das ist im Verhältnis zu den jährlichen Prämieneinnahmen von 3,6 Milliarden Franken ein verschwindend kleiner Betrag. Trotzdem fragt es sich, ob die Genossenschaft das Geld nicht sinnvoller einsetzen könnte. Die Mobiliar hält die Vergütung der Genossenschafts-Delegierten und -Verwaltungsräte für «gerecht­fertigt», wie sie auf Anfrage schreibt.

Keine Chance für echte Wahlen

Alles kein Problem, könnte man nun einwenden – denn die Kunden der Versicherung hätten als Genossenschafter die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, würde ihnen die Politik der Mobiliar nicht gefallen. Doch so einfach ist das nicht. Die Hürden, um in die Delegiertenversammlung gewählt zu werden, sind hoch. So hoch, dass es noch nie eine echte Wahl gab. Alle 150 Delegierten wurden vom Verwaltungsrat ausgesucht und in stiller Wahl gewählt.

Denn ähnlich wie bei der Coop-Genossenschaft und den Migros-Genossenschaften kann man als Genossenschafter nicht einfach seine Kandidatur anmelden, sondern benötigt dafür eine irrwitzige Zahl von Unterstützern. Ein Wahlvorschlag ist bei der Mobiliar nur gültig, wenn er von 500 Genossenschaftern aus dem gleichen Kanton unterzeichnet ist. Diese 500 Personen müssen zudem ihre Policennummer angeben – eine Unterschriftensammlung auf der Strasse ist also keine Option. Der Verwaltungsrat hingegen benötigt für seinen Wahlvorschlag keine Unterschriften. Er publiziert die vorgeschlagenen Namen gemäss Reglement im Amtsblatt des jeweiligen Kantons. Die Berner Mobiliar-Delegierten wurden zuletzt 2015 gewählt, jene aus dem Kanton Zürich 2013. Die Amtsdauer beträgt sechs Jahre.

Ähnlich wie bei anderen grossen Genossenschaften wählt in der Realität also die Regierung (Verwaltungsrat) das Parlament (Delegierte). Damit kann sichergestellt werden, dass keine allzu aufmüpfigen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen in der Delegiertenversammlung sitzen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch