Vom Start-up zur Krake

Die Position eines einzelnen Hotels gegenüber dem globalen Internetriesen Booking.com ist zu schwach.

In der Tourismusbranche kriselt es: Ein Hotelzimmer wird für neue Gäste vorbereitet. Foto: Keystone

In der Tourismusbranche kriselt es: Ein Hotelzimmer wird für neue Gäste vorbereitet. Foto: Keystone

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Seit wenigen Tagen logiert die Schweizer Nieder­lassung von Booking.com an einer neuen Adresse. Das Unternehmen ist in ein graues Bürogebäude an der Zürcher Talstrasse gezogen. Die unscheinbare Lage sagt wenig über die wahre Bedeutung des Internetportals aus. Das aus Holland stammende Start-up ist in knapp 20 Jahren zu einem Unter­nehmen geworden, das den Markt dominiert. Rund 1 Million Hotel­betriebe sind über das Portal buchbar. Damit lässt sich gutes Geld verdienen. Der Bruttogewinn des US-Mutterkonzerns Priceline betrug im letzten Geschäftsjahr 9 Milliarden Dollar. Die Firma sitzt auf 12 Milliarden Dollar Cash. Booking.com hat daran einen gewichtigen Anteil. Und auch die Schweizer Hotels ­kommen kaum mehr um das Portal mit seinen für sie unvorteilhaften Vermittlungsverträgen herum.

Das Portal könnte bald so stark sein, dass die Existenz einer ganzen Branche von ihm abhängt.

Es ist daher richtig, dass sich die Schweizer Politik Booking.com annimmt. Die Position eines einzelnen Hotels gegenüber dem globalen Internetriesen ist zu schwach. Das Gegenüber, mit dem ein Schweizer Hotelier seine Konditionen aushandelt, ist nicht mehr das sympathische Jungunternehmen von einst. Es handelt sich um einen globalen und hochprofitablen Internetriesen. Und die Situation könnte sich weiter verschärfen. Das Portal könnte bald so stark sein, dass es nicht nur einer von mehreren Absatzkanälen eines Hotelbetreibers ist, sondern die Existenz einer ganzen Branche von ihm abhängt. Eine Firma mit derart starker Stellung muss damit rechnen, dass ihr der Gesetzgeber auf die Finger schaut.

Der Vorstoss der Politik verdeutlicht auch, dass die letztjährigen Massnahmen der Weko gegen die Geschäfts­praktiken der Buchungsplattformen zu ­wenig gebracht haben. Nun doppelt das Parlament nach. Auch in anderen europäischen Ländern sind die Behörden aktiv geworden. Bei Booking.com dürfte man das nur widerwillig zur Kenntnis nehmen. Es sei wichtig, dass in Europa die gleichen Regeln in allen Märkten gelten würden, sagte die Booking-Chefin ­Gillian Tans jüngst in einem Interview. Damit könnte sie recht behalten: Die Regeln für Booking.com dürften bald in ganz Europa deutlich unvorteilhafter sein.

Erstellt: 04.10.2016, 23:09 Uhr

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