Von wegen Dorfladen

Supermärkte wie Dorflädeli aussehen zu lassen, lohnt sich nicht. Der Kunde merkt es trotzdem.

Die Ladendesigner von Coop setzen auf Holz, um ein heimeligeres Konsumerlebnis zu schaffen.

Die Ladendesigner von Coop setzen auf Holz, um ein heimeligeres Konsumerlebnis zu schaffen. Bild: Raisa Durandi

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Wenn Coop in den nächsten Jahren eine Filiale renoviert oder neu eröffnet, wird sie so aussehen wie der Laden in Zumikon, der letzten Mittwoch eröffnet wurde. Dort hat der Grossverteiler erstmals eine Verkaufsstelle nach neuem Konzept eingerichtet. Mit der neuen Ladeneinrichtung will Coop seiner Kundschaft Marktstimmung vermitteln. Ihr das Gefühl geben, nicht in einem Supermarkt einzukaufen, sondern beim Metzger im Dorf. Oder im Milch- und Käselädeli um die Ecke.

Ob sich die Coop-Kunden tatsächlich auf einem Markt wähnen, nur weil neu in der Gemüseabteilung eine Wand aus Holz eingezogen wurde und einige grüne Gemüsekistchen mit Holzblenden verdeckt wurden, muss man sich fragen. Und dass Kunden wie von Coop beabsichtigt «Regionalität noch stärker erleben», nur weil das Brotgestell und die Fleischabteilung in Dialekt beschriftet sind, dürfte auch nicht wirklich der Fall sein. So einfach lassen sich die Konsumenten nämlich nichts vorgaukeln: Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass sie in einem Supermarkt einkaufen. Sie wissen, dass die Eier nicht vom Verkäufer persönlich auf dem Bauernhof im Nachbarhof abgeholt wurden, wie dies Coop-Konkurrentin Migros in einem Werbespot suggeriert. Und ihnen ist ziemlich egal, welches Einkaufserlebnis sich Laden­designer und Marketingverantwortliche für sie ausgedacht haben.

Kunden wollen keine Einschränkungen wie im Dorflädeli

Vielmehr sind sie froh, dass es dank einer raffinierten Logistik und regelmässigen Lastwagenfahrten in ihrem Supermarkt immer alles zu kaufen gibt, was sie gerade begehren. Dass sie auch Tomaten und Salat kaufen können, wenn in den Wintermonaten das Gemüseangebot «Aus der Region. Für die Region» doch sehr eingeschränkt wäre. Und dass die Läden durchgehend von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends offen haben – und nicht wie einst im Dorflädeli die Ladentür am Mittag geschlossen bleibt oder in der Quartierbäckerei bereits nachmittags ab 16 Uhr alles Brot verkauft ist.

Dass Migros, Coop und andere ihr Marketing dennoch auf das Leben im Dorf von früher ausrichten, scheint beim Kunden zu verfangen, sonst hätte ihr Konzept keinen solchen Erfolg. Solange der virtuelle Dorfladen alles parat hat, heisst das wohl, er darf sich auch als solcher anbieten: eine Kulisse mit Konzern dahinter.

Erstellt: 19.12.2016, 20:47 Uhr

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