Zum Hauptinhalt springen

«Wall Street Journal» manipuliert Verkaufszahlen

Vor zwei Tagen ist der europäische Chef des «Wall Street Journal», Andrew Langhoff, zurückgetreten. Grund: Das Blatt soll Firmen beauftragt haben, Tausende Exemplare aufzukaufen, um die Auflage zu steigern.

Ein weiterer Skandal für News Corp.: Die Ausgabe des «Wall Street Journal» vom 18. Juli 2011.
Ein weiterer Skandal für News Corp.: Die Ausgabe des «Wall Street Journal» vom 18. Juli 2011.
AFP

Mit Andrew Langhoff verlässt einer von Rupert Murdochs ältesten leitenden Mitarbeitern das Verlagshaus News Corporation. Am Dienstag hatte der Chef des «Wall Street Journal» Europa bekannt gegeben, seine Funktion abzugeben.

Nun hat die britische Zeitung «The Guardian» herausgefunden, wieso: Das «Wall Street Journal» hat mit Geheimdeals über mehrere Jahre hinweg seine Leserzahlen manipuliert. Im Auftrag der Zeitung haben europäische Unternehmen Tausende Exemplare aufgekauft. Im Gegenzug veröffentlichte das Blatt regelmässig Artikel über die Produkte oder Aktivitäten der Firmen – im redaktionellen Teil und nicht als Werbung gekennzeichnet.

41 Prozent der Auflage

Laut «The Guardian» suchte die Zeitung im Januar 2008 den Kontakt mit europäischen Unternehmen, die Seminare für Studenten – zukünftige Leaderfiguren – veranstalten. Während das «Wall Street Journal» den Namen der Firmen in seinem Blatt unterbrachte, kauften die Unternehmen Exemplare auf und verteilten diese gratis an Studenten.

Das Ausmass der Deals, welche die europäische Ausgabe des «Wall Street Journal» betrifft, war enorm: Laut «The Guardian» war der Auflagenbetrug für satte 41 Prozent – also 31'000 Exemplare von insgesamt 75'000 – der täglichen Verkaufszahlen verantwortlich. Und offenbar wusste die Spitze von News Corp. in New York von den geheimen Machenschaften der europäischen Ausgabe – entschied aber, nichts dagegen zu unternehmen.

Drei exklusive Berichte

Zwei Jahre später geriet der Deal ins Stolpern, als der grösste Sponsor, die holländische Firma Executive Learning Partnership (ELP), von dem schriftlich vereinbarten Abkommen zurücktreten wollte. Allein ELP war für 16 Prozent – also 12'000 Exemplare – der Auflage der europäischen Zeitung verantwortlich. ELP bemängelte, für seine Investition von 31'000 Euro nicht genug Aufmerksamkeit zu erhalten.

Um seinen Geldgeber nicht zu verlieren, baute Langhoff den Deal weiter aus. Das «Wall Street Journal» versprach ELP drei exklusive Berichte. Es war denn auch einer dieser drei Berichte, der Langhoff schliesslich das Genick brach. Am 14. Oktober 2010 veröffentlichte die Zeitung ein ganzseitiges Feature, in dem der Chef von ELP in übertriebenem Ausmass zitiert wurde. Daraufhin wurden mehrere Stimmen innerhalb der Redaktion laut, die die journalistische Ethik missachtet sahen. «Einige Elemente des Deals passen nicht zur guten Praxis, zu unseren Markenrichtlinien und zu unserer Strategie», schrieb ein leitender Angestellter am 12. Juli 2010 seinem Vorgesetzten. Andere warnten vor einem Verlust der unabhängigen Berichterstattung.

Internes Schreiben

Mit seinem Rücktritt scheint Langhoff nun Schadensbegrenzung betreiben zu wollen. In einem internen Schreiben begründete er den Rücktritt mit seiner Einwilligung, die Geschichten über ELP zu veröffentlichen. «Weil mein Einverständnis den Eindruck hinterlassen könnte, dass Nachrichtenberichterstattung durch werberische Beziehungen beeinflussbar ist, denke ich, dass mein Rücktritt der beste Weg ist», schrieb er.

Weder er selbst noch der Verlag verloren dabei ein Wort über Machenschaften, die hinter den Artikeln über ELP stehen. Und auch, dass die Leitung von News Corp. in New York darüber Bescheid wusste, blieb bis jetzt ein Geheimnis.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch