Warum den SBB Lokführer fehlen

Die SBB müssen Züge durch Busse ersetzen, weil Personal fehlt. Nicht einmal Prämien helfen gegen den Mangel. Die Gründe.

Werden sie ausgepresst wie Zitronen? Ein Lokführer im Dezember 2017 bei der Arbeit. Foto: Keystone / Christian Merz

Werden sie ausgepresst wie Zitronen? Ein Lokführer im Dezember 2017 bei der Arbeit. Foto: Keystone / Christian Merz

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Sieht so ein Bubentraum aus? «Kannst du Schicht arbeiten? Macht es dir nichts aus, um 2 Uhr in der Früh aufzustehen und in das nächste Depot zu fahren, im Winter verbunden mit viel Neuschnee und ungepflügten Strassen? An 3 von 4 Wochenenden wird vollständig oder teilweise (also nur Sa oder So) gearbeitet, kannst du damit leben?» So beschreibt ein Lokführer auf dem Onlineportal Bahnforum Schweiz seinen Job auf die Frage eines Grafikers. Auf dem Portal tauschen sich vor allem Bahnangestellte und Bahnfreaks aus. So auch dieser Grafiker, der genug hat von seinem Job und erwägt, sich zum Lokführer ausbilden zu lassen.

Nein, so sieht ein Bubentraum im Zeitalter, wo die Work-Life-Balance eine wichtige Rolle spielt, definitiv nicht aus. Falls es den Bubentraum überhaupt noch gibt, woran selbst eingefleischte Bähnler zweifeln. «Die Modelleisenbahnen sind aus den Kinderzimmern verschwunden. Und mit ihnen der Wunsch der Kinder, Lokführer zu werden.» Das sagte Sven Flore, Chef von SBB Cargo International, an der diesjährigen Jahresversammlung des Vereins der Schweizer Lokomotivführer.

Im Baselbiet, im Aargau, in Zürich, im Wallis – in der ganzen Schweiz fallen Züge aus. Regelmässig.

Von diesem Problem bekommt die Kundschaft nur etwas mit, wenn der Zug mal nicht fährt. So geschehen vor kurzem auf einer Nebenstrecke zwischen Olten und Sissach, als an einem Samstag statt des von den Anwohnern liebevoll getauften «Läufelfingerli» ein Bus vorfuhr. Die SBB benötigten den Mann an der Zugspitze für wichtigere Einsätze auf ihrem nationalen Streckennetz. So geschehen im Wallis, wo Kunden der Matterhorn-Gotthard-Bahn zwischen Brig und Fiesch bis Mitte November in den Randstunden in den Bus steigen müssen. So geschehen im Juni, als im Raum Zürich/Aargau 25 Verbindungen ausgefallen waren.

Auch im Güterverkehr ist die Personaldecke so dünn, dass immer wieder Züge ausfallen und die Ware erst am nächsten Tag geliefert werden kann.

Laut den SBB gab es Ende September «auf schweizweit 2800 Stellen einen Unterbestand von 34 Lokführern». Jürg Hurni von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV spricht hingegen von 30 Lokführern, die allein im Raum Zürich fehlten. Es könne «je nach Wochentag und zusätzlichen Leistungen» vorkommen, dass in einer Region auch mal 30 Lokführer gesucht würden, heisst es bei den SBB.

Suchen heisst, dass das bestehende Personal mit Sonderzulagen zu zusätzlichen Einsätzen gelockt wird. Die SBB entlöhnen das mit 80 Franken pro Tag, bei der BLS, die mit den gleichen Personalproblemen kämpft, winken 100 Franken. Laut SEV sind Prämienzahlungen schon früher ausgerichtet worden. Was den Verdacht der Gewerkschaften unterstreicht, dass die Bahnen sich aus Kostengründen seit langem mit der Personalplanung schwertun und die Angestellten wie Zitronen auspressen.

Die Spirale dreht sich weiter: Statt bis zur Pensionierung zu arbeiten, steigen Lokführer vorzeitig aus.

Verklausuliert gibt das die Bahnleitung auch zu. Claudio Pellettieri, seit April dieses Jahres Leiter Zugführung beim SBB-Personenverkehr, liess sich vor wenigen Tagen in einem SBB-Blog so zitieren: «Die SBB haben in den letzten Jahren die Rekrutierung zu defensiv geplant.» Man werde die Bedarfsplanung verbessern, versprach er. Und bedankte sich für den «kontinuierlichen Sondereffort» des Lokpersonals. «In den vergangenen Jahren wurde zu wenig Nachwuchs ausgebildet im Verhältnis zu den Abgängen und Pensionierungen», formuliert es Tommaso di Benedetto, Geschäftsführer der Basler Firma MEV. Das Unternehmen hat aus dieser Planungslücke ein Geschäftsmodell entwickelt. Die in mehreren europäischen Staaten tätige Firma bietet Lokführer im Güter- und Personenverkehr an und organisiert Ausbildungsgänge für Lokführer.

Der von Pellettieri bedankte «Sondereffort» hat Konsequenzen. Die Gewerkschaften beklagen gesundheitliche Auswirkungen auf das Personal. Anfang Oktober titelte der «Blick»: «Die Schweizerischen Burnout-Bahnen». Und die Spirale dreht sich weiter: Statt bis zur Pensionierung zu arbeiten, steigen Lokführer vorzeitig aus, was die prekäre Situation verschärft. Laut SBB-Medienstelle gehen in diesem Jahr 60 Leute in die vorzeitige Pensionierung.

Die SBB wollen handeln: Zugführungschef Pellettieri kündigt an, dass man laufend neues Lokpersonal rekrutiere. Weil das bei jungen Berufseinsteigern schwierig geworden ist, hat die Bahn es auf Quereinsteiger ab 40 abgesehen. Eine entsprechende Kampagne wurde vor kurzem gestartet. Laut SBB-Medienstelle besteht ein «hohes Interesse an den ausgeschriebenen Stellen». Ein Erfolg also? Von den vielen eingereichten Dossiers seien «zahlreiche ungenügend bzw. ungeeignet», schiebt die Medienstelle nach.

Und was bedeutet das alles für die SBB-Kundschaft? Gemäss Claudio Pellettieri zeigen die von den SBB ergriffenen Massnahmen erst in rund einem Jahr Wirkung. Für das Lokpersonal werde es weiterhin eine Prämie von 80 Franken geben. Ob es zu weiteren Ausfällen kommen wird? «Die SBB unternehmen ihr Möglichstes, um dies zu verhindern.»

Erstellt: 18.10.2019, 11:07 Uhr

Deutschland rekrutiert auf dem Balkan

Die Schweiz rekrutiert in Deutschland, die Bahnen dort müssen neue Märkte erschliessen – bis nach Vietnam.

Auch in Deutschland fallen Züge wegen Personalengpässen aus. So berichtete der «Spiegel» im August, dass bei der Deutschen Bahn, ihren Mitbewerbern und im öffentlichen Nahverkehr 1500 Lokführer fehlten.

Was den deutschen Bahnbetrieben zusätzlich Kopfzerbrechen bereitet, ist der Umstand, dass auch Schweizer Bahnunternehmen und Bahndienstleister wie die Basler MEV auf dem ausgetrockneten Markt nach Personal suchen. Ihr Vorteil: Die deutlich höheren Schweizer Gehälter. «Es gibt einen starken Abgang Richtung Schweiz», zitierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vor kurzem den Geschäftsführer einer in Mainz domizilierten Bahngesellschaft.

Not zwingt zu neuen Wegen: Im Sommer berichtete der grösste private Bahnbetreiber in Deutschland, Transdev, dass man jetzt mit Lokführerkandidaten aus Serbien, Bosnien und Kroatien Gespräche führe. Und der Balkan ist nur eine Etappe. Transdev hat den Rekrutierungsradius auf die Ukraine, Vietnam und die Mongolei ausgeweitet. Einige vietnamesische Lokführer hätten bereits «erste Kennenlernfahrten in Bayern» absolviert, heisst es im Transdev-Magazin «Nah dran!».

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