Warum diese Wahl überrascht

Der Lebensmittelmulti Nestlé bricht mit einer Tradition: Der neue Firmenchef ist kein Interner, sondern kommt von aussen. Was die Wahl von Ulf Mark Schneider bedeutet.

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Der Wechsel an der Spitze von Nestlé hält gleich mehrere Überraschungen parat. Erstens hatte niemand erwartet, dass der Lebensmittelmulti die Nachfolge von Konzernchef Paul Bulcke vor Oktober bekannt gibt. Zweitens hatten die meisten Experten mit einem internen Nachfolger gerechnet – so wie es bei Nestlé seit fast 100 Jahren Tradition war. Trotzdem hat der Konzern nun einen externen Kandidaten ausgewählt: Ulf Mark Schneider, der bisherige Chef des deutschen Medizintechnik- und Gesundheitskonzerns Fresenius. Ein deutsch-amerikanischer Doppelbürger, der – drittens – keine Erfahrungen im Lebensmittelbereich mitbringt.

Entsprechend überrascht reagieren Experten auf die Ernennung. Die Zürcher Kantonalbank spricht von einem «mutigen Schritt», laut der Privatbank Vontobel ist die Wahl «einzigartig auf diesem Level für Nestlé». Laut der ZKB ergibt der Schritt trotzdem Sinn. Denn das bisherige Management um Paul Bulcke weise vor allem ein starkes Know-how im Nahrungsmittelgeschäft auf. Gleichzeitig will der Konzern in Zukunft aber vor allem im Bereich Health Science – also im Geschäft mit Lebensmitteln, die gut für die Gesundheit sind –stark expandieren. Der Umsatz in dieser Sparte beträgt aktuell 2,2 Milliarden Franken (bei einem Gesamtumsatz von 88,8 Milliarden), längerfristig angestrebt sind rund 10 Milliarden Franken. Mit Schneider werde die Vision von Nestlé – «Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden» – nun mit grossem Know-how im Gesundheitsbereich unterlegt, schreibt die ZKB.

Grosse Erwartungen

Tatsächlich kann sich der Leistungsausweis von Schneider sehen lassen. Während seiner 13 Jahre als Chef von Fresenius hat sich der Aktienkurs des Unternehmens verzwölffacht, der Umsatz vervierfacht, der Gewinn gar vervierzehnfacht. «Gleichzeitig hat sich die Gewinnmarge langfristig sogar erhöht, was für ein profitables Wachstum spricht», sagt Stephan Vollert, Analyst der Neuen Helvetischen Bank. Und gerade beim Wachstum hapert es bei Nestlé derzeit. Offiziell verfolgt der Konzern das Ziel, pro Jahr 5 bis 6 Prozent zu wachsen. Und zwar organisch, ohne Berücksichtigung von Zukäufen. Doch in den letzten drei Jahren wurde diese auch als Nestlé-Modell bekannte Zielsetzung jeweils verpasst.

«Wir erwarten, dass Schneider nun das Portfolio von Nestlé etwas arrondiert und punktuell durch Akquisitionen stärkt», sagt Vollert. Die Bank Vontobel erhofft sich nichts weniger, als dass Schneider «eine neue Ära bei Nestlé auslösen wird». Erstens müsse er das Produktportfolio verschlanken, vor allem in den Bereichen Süsswaren, Gefrierprodukte oder beim Fleischproduzenten Herta. Zweitens müsse er die Übernahmeaktivitäten im Bereich Ernährung, Gesundheit und Wellness beschleunigen. Die Chancen, dass Schneider dazu fähig ist, stehen gut. Denn bei Fresenius kam es unter seiner Ägide zu einigen strategischen Akquisitionen. Unter anderem kaufte er deutsche Spitalbetreiber oder amerikanische Medizintechnikunternehmen und Pharmaanbieter zu. Heute gilt Fresenius als weltgrösster Dialysespezialist und grösster privater Krankenhausbetreiber in Deutschland.

Laut der Nachrichtenagentur Reuters gilt Schneider als harter Arbeiter, dem in der Industrie viel Respekt entgegengebracht wird. Bei Arbeitseinsätzen bis tief in dei Nacht habe er jeweils Nährstoffdrinks von der eigenen Firma getrunken, um sich in Schwung zu halten. Das deutsche «manager magazin» wählte Schneider 2013 zum «Manager des Jahres» – noch nie zuvor hatte ein Unter-50-Jähriger diese Auszeichnung erhalten. Das Magazin bezeichnet Schneider als «besten Manager seiner Generation»: «extrem schnell, ausgesprochen selbstbewusst, ziemlich hartnäckig und kreativ». Sein Elternhaus sei bürgerlich, der Vater arbeitete sich vom Angestellten zum Vorstand einer kleinen Firma hoch. Auch Schneider verfolge seine Ziele geradlinig und hartnäckig. Er studierte und promovierte an der Universität St. Gallen, hat einen MBA-Abschluss der Harvard University und stieg bei einer Fresenius-Tochter als Finanzvorstand ein. Besonders bekannt sei er für sein Geschick bei Verhandlungen, die gängigen Statussymbole der Topmanager liessen hingegen liessen ihn kalt. Wohl auch deshalb ist Schneider unbekannter als andere Chefs deutscher Grosskonzerne.

Favoriten haben das Nachsehen

Die externen Voten zum neuen Nestlé-Chef sind also optimistisch bis begeistert. Offen bleibt die Frage, wie die Reaktionen im Konzern selbst ausfallen. Denn im Vorfeld waren einige interne Kandidaten als Bulcke-Nachfolger portiert worden. Zum Beispiel die Chinesin Wan Ling Martello, ehemalige Finanzchefin und heutige Asien-Chefin von Nestlé. Sie gilt als gut vernetzt, hatte aber in jüngster Zeit mit dem Nudelskandal in Indien zu kämpfen. Auch der französische Amerika-Chef Laurent Freixe durfte sich gute Chancen ausrechnen. «Es wäre eine Überraschung, wenn Freixe nicht auf Paul Bulcke folgte», konstatierte die Westschweizer Zeitung «L’Agefi» im April. Die ZKB weist zwar darauf hin, dass nun das Risiko von Abgängen bisheriger Topmanager bestehe – «dies wäre jedoch auch bei einer internen Ernennung so gewesen».

Wenig überrascht sind Experten schliesslich vom Wechsel des abtretenden Chefs Paul Bulcke: Er wird im nächsten Frühjahr neuer Verwaltungsratspräsident. Dabei hatten auch in dieser Personalie andere Szenarien kursiert. Angefeuert wurden die Gerüchte durch den aktuellen Präsidenten Peter Brabeck höchstselbst: Bulcke sei «einer der Kandidaten für meine Nachfolge», sagte er im April zum «Blick». Die Zeitung spekulierte daraufhin, dass Patrick Aebischer, Direktor der ETH Lausanne, zum Zug kommen könnte. Nun hat trotzdem Bulcke das Rennen gemacht. Auch wenn er Nestlés Wachstumsziele zuletzt nicht mehr erreicht hatte.

Erstellt: 28.06.2016, 18:32 Uhr

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