Warum Staatsbetriebe auf Videospiele setzen

Postfinance stellt professionelle Gamer an – das Team wird von einem Coach trainiert. Auch Swisscom prüft den Einstieg in den E-Sport. Was steckt dahinter?

E-Sport erlebt einen Boom.

E-Sport erlebt einen Boom. Bild: Keystone

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Postfinance ist derzeit auf der Suche nach Mitarbeitern mit einem besonderen Anforderungsprofil: Sie sollten jung sein und erfahrene Videogamer des Strategiespiels «League of Legends». Der Finanzdienstleister der staatsnahen Post will fünf Spielern den Start als Profi ermöglichen. Ein Jahr lang finanziert Postfinance ihnen das Leben inklusive eines monatlichen Gehalts von je 2500 Franken.

Die Spieler wohnen in einem Gaming-Haus mit Trainingsraum und werden von einem international erfahrenen Coach und verschiedenen Beratern in einem professionellen Umfeld betreut. Die Ziele sind hoch gesteckt: Das Team soll sich auf der europäischen Bühne beweisen und den Sprung an die europäische Spitze schaffen.

Swisscom beschäftigt sich ebenso mit elektronischem Sport, kurz E-Sport. Laut «Handelszeitung» hat der grösste Schweizer Telecombetreiber in Staatsbesitz die Marke «Swisscom eSports Hero League» im Markenregister eintragen lassen. Das Unternehmen bestätigt, einen Einstieg in E-Sport zu prüfen und sich Gedanken zu einem «gesellschaftlich verantwortungsvollen Angebot» zu machen.

Aufstrebender E-Sport

E-Sport erlebt einen Boom. Den Final der Welt­meisterschaft von «League of Legends» im Olympiastadion von Peking verfolgten im November 2017 rund 80'000 Zuschauer vor Ort. Weitere 60 Millionen hatten sich zugeschaltet – im Internet oder via Fernseh­stationen, die das Spektakel übertrugen.

In der Schweiz hat der neue Sportkanal Mysports der Kabelnetzbetreiber den E-Sport auf­gegriffen. Jeden Montagabend berichtet der Sender eine halbe Stunde über die internationale Szene und zeigt Wettkämpfe. Weiter finanziert der grösste Schweizer Kabelnetzbetreiber UPC (ehemals Cablecom) die Onlineplattform Esports.ch, welche sich als Fenster in die Schweizer E-Sport-Welt versteht.

Das geschieht mit Hintergedanken: UPC bietet nicht nur digitales Kabelfernsehen an, sondern auch schnelle Internetverbindungen. Letztere sind für Videospieler unabdingbar dabei, sich im Mehrspielermodus in virtuellen Welten gegen andere Gegner zu messen. Der grösste Kabelnetzbetreiber des Landes hat deshalb im Mai auf Gamer zugeschnittene Angebote eingeführt.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Überlegungen von Swisscom zu sehen. Zahlen des Videospielportals Twitch und der Onlinevertriebsplattform Steam deuten darauf hin, dass sich die Zahl der aktiven Videospieler in der Schweiz rasch der Millionengrenze nähert. Derzeit dürften zwischen 550'000 und 850'000 Gamer regelmässig die Konsole oder den Spiele­computer einschalten.

Attraktive Zielgruppe

Das Profil dieser Zielgruppe ist für die Wirtschaft interessant: Die Videospieler sind im Schnitt zwischen 16 und 35 Jahre alt, gut ausgebildet und gut verdienend. Es engagieren sich deshalb ne­ben TV-Sendern auch namhafte Unternehmen wie Logitec, Asus und Samsung im einheimischen E-Sport.

Schliesslich ist die Bereitschaft in der Spielergemeinschaft hoch, für individuelle Inhalte zu be­zahlen. «League of Legends» als Spiel ist kostenlos. Wer aber lieber eine blaue statt einer roten Robe für seinen virtuellen Magier möchte, muss dafür einen kleinen Betrag bezahlen. Spiele­entwickler Riot Games nimmt so dank 100 Millionen zahlungs­willigen Nutzern bereits 1,7 Milliarden Dollar jährlich ein. Videospiele auf Wettkampfniveau haben ihr Image als Hobby von sonderbaren Heranwachsenden mit Pickelgesicht endgültig verloren.

Hier setzt auch Postfinance an. Mit dem Experiment E-Sport wolle das Unternehmen wertvolle Erfahrungen sammeln und junge, digital affine Kunden ansprechen. Jedoch will der Zeitpunkt für die Ankündigung von Vorhaben mit E-Sport gut gewählt sein, wie Postfinance schmerzlich erfahren musste. Der Finanzdienstleister hat ein Sparprogramm am laufen, das unter anderem den Abbau von 500 Vollzeitstellen bis zum Jahr 2020 vorsieht. Gewerkschaften befürchten, dass 1000 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Es gibt deshalb wenig Verständnis für das einjährige Projekt von Postfinance, das gemäss «Blick» mindestens 400’000 Franken kostet.

FC Bayern verweigert sich

Skepsis gegenüber E-Sport herrscht jedoch auch bei Führungskräften von anderen namhaften Unternehmen. Der FC Bayern München wird sich laut «Bild»-Zeitung nach einem Veto von Präsident Uli Hoeness nicht intensiv im E-Sport engagieren. Hoeness habe Pläne für eine eigene Digitalsport-Abteilung beendet. Für den 66-Jährigen passen professionell betriebene Computer- und Konsolenspiele nicht zum Bild des Fussball-Rekordmeisters, wie Ende Juni bekannt wurde.

Andere deutsche Vereine wie der FC Schalke 04 oder der VfB Stuttgart haben bereits seit einiger Zeit E-Sport-Abteilungen. Es existieren internationale Wettkämpfe im Fussballvideospiel «Fifa».

In der Schweiz hat der FC Basel im Jahr 2017 ein eigenes E-Sport-Team gegründet, das offiziell die rot-blauen Farben vertritt. Der FC St. Gallen war der erste Club, der Ende 2016 mit einer Profimannschaft in den E-Sport eingestiegen ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.08.2018, 08:33 Uhr

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