«Was Handys angeht, ist Apple erledigt»

Chinesische Smartphone-Hersteller machen immer mehr auf sich aufmerksam. Designer Philippe Starck über einen Markt im Umbruch.

Objekt der Begierde am Mobile World Congress in Barcelona: Das faltbare Huawei «Mate X». Foto: David Ramos (Getty Images)

Objekt der Begierde am Mobile World Congress in Barcelona: Das faltbare Huawei «Mate X». Foto: David Ramos (Getty Images)

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Faltbare Bildschirme, 5G, multiple Kameras für schärfere Bilder. Auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona präsentieren Handyhersteller bis heute die neuesten Entwicklungen der Branche. Dabei steht vor allem die Frage im Zentrum: Wie sieht das Smartphone der Zukunft aus, und was kommt danach? Eine Frage, mit der sich auch der französische Star-Designer Philippe Starck auseinandersetzt. In den vergangenen Jahren hat der 70-Jährige mehrere Modelle des chinesischen Handyherstellers Xiaomi entworfen.

Herr Starck, was macht schöne Technologie aus?
Ein Gerät ist schön, wenn es nützlich ist, und es ist hässlich, wenn es unbrauchbar ist. Daran wird kein Designer etwas ändern.

Also gilt das viel zitierte Mantra «form follows function?
Nein, das meinte ich damit nicht. Wenn es den Bedarf für ein Gerät gibt und wenn Sie es wirklich brauchen, dann ist es schön. Wenn dagegen dahinter nur der Wunsch steht, es zu verkaufen oder Geld damit zu verdienen, ist es strukturell hässlich. Das hat nichts mit Design zu tun.

Hat im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert: Der französische Designer Philippe Starck. Foto: Michael Hanschke (Keystone)

Was ist mit den Airpods? Seit Apple sie vor drei Jahren ankündigte, haben sich immer wieder Leute darüber lustig gemacht, wie hässlich sie sind. Sehen Sie das auch so?
Ich verstehe nicht, warum die Leute so etwas sagen: Weil es kein Kabel mehr gibt, sind die Kopfhörer hässlich? Das ist lächerlich.

Wie schafft es Apple, Menschen von seinem Design zu überzeugen?
Apples Design ist stark von Dieter Rams Ideen aus den Fünfzigerjahren inspiriert. Daran ist nichts besonders. Und Apples Erfolg basiert auf dem unglaublichen Gespür für Marketing von Steve Jobs, der ein Universum aus Musik, Apps und ähnlichen Dingen geschaffen hat. Nicht das einzelne Produkt ist wichtig, sondern das gesamte Universum.

Steve Jobs’ Impulse fehlen nun schon seit einiger Zeit. Was bedeutet dies für das Unternehmen?
Was Handys angeht, ist Apple erledigt – und das wissen sie auch. Deswegen versuchen sie sich jetzt auch an anderen Dingen.

«Der nächste Schritt ist etwas, das ich als Bionismus bezeichne. Das Produkt wird im Inneren des Menschen sein.»

Auf dem Smartphone-Markt scheinen die Innovationen derzeit eher von asiatischen Unternehmen zu kommen. Vor dem MWC in Barcelona haben Xiaomi und Samsung ein Klapphandy enthüllt ...
Mindestens 40 bis 50 Jahre hat die Menschheit von flexiblen Bildschirmen geträumt. Xiaomi hat mir schon vor einiger Zeit faltbare Displays gezeigt. Damals war die Technik noch nicht richtig ausgereift, jetzt ist es fast so weit. Das Schöne daran ist die unglaubliche Demonstration des menschlichen Genies. Menschen schaffen es immer, ihre Träume zu verwirklichen. Ausserdem finde ich spannend, dass Kunden damit zwei Produkte in einem bekommen. Für den Preis eines Geräts, den Energieaufwand und Materialverbrauch eines Geräts haben Sie zum einen ein Telefon mit dem kleinen Bildschirm und dann noch ein Tablet. Das passt gut zur Idee der Entmaterialisierung.

Was meinen Sie damit?
Entmaterialisierung – also die Abkehr von der Physikalität – ist schon länger eine intelligente Design-Strategie. Mehr Funktionen, mehr Wissen auf weniger Platz. Der erste Computer war so gross wie ein Haus, heute sind sie so gross wie Kreditkarten. Der nächste Schritt ist etwas, das ich als Bionismus bezeichne. Das Produkt wird im Inneren des Menschen sein. Ich kenne ein paar Wissenschaftler, die haben seit 15 Jahren Computer unter ihrer Haut, und das funktioniert hervorragend. Die Entmaterialisierung wird die Produkte in den Körper der Menschen verschieben. Damit wird der Designer überflüssig. Unser Beruf war nur eine Übergangserscheinung im 20. und 21. Jahrhundert. Wir haben Dinge besser gemacht, indem wir sie verschönerten. Aber wenn man Produkte nicht mehr sieht, werden wir nicht mehr gebraucht.

«Die Kunden werden sich ihre Marke danach aussuchen, ob ihnen deren Philosophie zusagt.»

Sie schaffen sich also selbst ab?
Wir werden verschwinden. Und ich habe damit kein Problem. Unsere Geschichte ist eine evolutionäre Entwicklung. Wir erschaffen jeden Tag neue Ideen und Konzepte. Viele Dinge entstehen und verschwinden. Ich habe meinen Job nie als Hersteller von Produkten gesehen. Meine Aufgabe war es, das Leben meiner Freunde zu verbessern. Wenn ich das morgen ohne physische Dinge tun kann, soll mir das recht sein.

Bisher haben Menschen ihr Smartphone oft danach ausgewählt, ob ihnen das Design gefiel. In der entmaterialisierten Welt, in der das Gerät im Körper der Menschen wohnt, wie werden sich die Menschen für ein Telefon entscheiden?
Es wird um Qualität gehen, um den Preis, um das ganze Universum drumherum. Sie werden sich für eine Marke entscheiden, die sie lieben. Verschiedene Unternehmen werden verschiedene Philosophien haben. Und die Kunden werden sich ihre Marke danach aussuchen, ob ihnen diese Philosophie zusagt.

Erstellt: 28.02.2019, 15:39 Uhr

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