Was, wenn der starke Mann ausfällt?

Der Swiss-Life-Chef Patrick Frost ist an Krebs erkrankt und muss mehrere Monate pausieren. Dass er so offen darüber spricht, ist nicht selbstverständlich.

«Grundsätzlich geht die Entwicklung in Richtung Transparenz»: Geschäftsmann in einem Bürogebäude.

«Grundsätzlich geht die Entwicklung in Richtung Transparenz»: Geschäftsmann in einem Bürogebäude. Bild: Getty Images

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Der Kapitän, der starke Mann an der Spitze, der Oberbefehlshaber: Wenn die Sprache auf den Firmenchef kommt, werden gern kämpferische Metaphern bemüht. Er leitet in vielen Konzernen nicht nur die Geschäfte, sondern ist auch eine wichtige Identifikationsfigur. Doch was, wenn diese Figur ausfällt?

Mit dieser Frage muss sich der Lebensversicherer Swiss Life auseinandersetzen. Bei seinem Chef Patrick Frost wurde ein krebsartiger Tumor diagnostiziert. Frost muss sich einer mehrmonatigen Therapie unterziehen. Die Prognosen auf vollständige Heilung seien sehr gut, schreibt er in einem Brief an seine Mitarbeitenden, der dem TA vorliegt. Er will mit dem Finanzchef Thomas Buess, der das Tagesgeschäft übernimmt, weiterhin in engem Kontakt stehen.

Frost äussert sich auch sehr offen zu den persönlichen Folgen dieser Diagnose. «Derlei Situationen und Momente wühlen einen auf, stellen das Leben auf den Kopf.» Seine Familie und er durchliefen nun schwierige Momente. «Mir ist es jedoch ein persönliches Anliegen, offen damit umzugehen.»

«Es war seine persönliche Entscheidung»

Diese Transparenz verdiene Respekt, sagt Hans Klaus. Er ist PR-Berater mit Spezialgebiet Krisenkommunikation bei der Agentur Klaus Metzler Eckmann Spillmann. «Die Nachricht berührt und löst Betroffenheit aus, weil es um ein sehr persönliches Schicksal geht», sagt Klaus. Er kenne Frost von verschiedenen Anlässen und erlebe ihn als offenen und direkten Menschen. «Deshalb passt diese Art der Kommunikation zu ihm.» Swiss Life sei ausserdem kein Unternehmen wie jedes andere, sondern sehr wichtig für die Schweizer Wirtschaft. Seine Aktien werden an der Börse gehandelt. «Die Firma musste sich deshalb auch gut überlegen, welche Folgen diese Nachricht aus wirtschaftlicher Sicht haben wird.»

Man habe sich mit dieser Frage selbstverständlich beschäftigt, sagt Swiss-Life-Sprecher Christian Pfister. «Da Patrick Frost die geschäftsrelevanten und strategischen Entscheide auch in den nächsten Monaten in engem Kontakt mit der Konzernleitung begleiten und die Führung nicht abgeben wird, konnten wir auch zurückhaltender kommunizieren», so Pfister. Dass der Konzern trotzdem den Gang in die Öffentlichkeit wählte, sei Frosts persönliche Entscheidung gewesen. «Transparenz ist Patrick Frost sehr wichtig, deshalb wollte er diesen Weg gehen.» Ausserdem wolle er anderen Menschen, die sich in einer ähnlich schwierigen Situation befinden, Mut machen. «Es ist ihm aber bewusst, dass der Schritt in die Öffentlichkeit nicht einfach ist, weder für ihn noch für seine Familie.» Sich in einer solchen Lage zu exponieren, sei tatsächlich nicht leicht, sagt Kommunikationsexperte Hans Klaus. «Wer das tut, muss die Aufmerksamkeit aushalten können.»

Weiter informieren, aber Ruhe bewahren

Eine andere Strategie wählte der Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck, als er vor rund drei Jahren an Krebs erkrankte. An der Generalversammlung im April 2014 schien Brabeck sehr angeschlagen. Das löste Spekulationen über seinen Gesundheitszustand aus. Kurze Zeit später informierte Nestlé in einem Communiqué: Brabeck sei krank und werde während sechs Monaten medizinisch behandelt. Dass er an Krebs leidet, machte Brabeck erst später publik. «In einer solchen Situation darf man auf keinen Fall zum Opfer werden», sagte er in einem Interview mit dem «Blick». Viele Leute hätten sich verhalten, als ob er schon tot wäre. «Ich musste ihnen dann sagen: Halt! Ich bin noch hier.»

Die Gefahr, nicht mehr für leistungsfähig gehalten zu werde, bestehe, sagt Hans Klaus. Er könne deshalb nachvollziehen, dass Peter Brabeck sich zurückgehalten habe. «Er wollte wohl das Bild als starker Macher wahren, das die Öffentlichkeit von ihm hat.» Grundsätzlich gehe die Entwicklung aber eher in Richtung Transparenz, wie sie die Swiss Life an den Tag lege. «So entsteht auch weniger Unruhe im Unternehmen.» Gerade jüngere Manager, die nun an die Firmenspitzen vorstiessen, würden zudem schon früh kommunikativ geschult.

In den nächsten Wochen und Monaten ist es laut Klaus wichtig, dass Swiss Life sich auf die interne Kommunikation konzentriert und einen guten Mittelweg findet. «Die Konzernleitung sollte einerseits transparent informieren, um Gerüchte und Mutmassungen über den Gesundheitszustand zu vermeiden. Andererseits ist es auch wichtig, Ruhe zu bewahren und nicht in kommunikativen Aktivismus zu verfallen.» Genau das ist laut Swiss-Life-Sprecher Pfister das Ziel: «Wir werden die Kultur der Offenheit aufrechterhalten und das Thema gegenüber den Mitarbeitenden weiterhin direkt ansprechen. Gleichzeitig werden wir Patrick Frosts Recht auf Ruhe und Privatsphäre respektieren.»

Erstellt: 30.03.2017, 15:09 Uhr

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