Weiterbildung fehlt, wo sie nötig wäre

Im Beschäftigungsausblick 2019 kritisiert die OECD die unzureichenden Umschulungsmassnahmen bei Jobs, die von der Automatisierung besonders bedroht sind. Doch es gibt eine gute Nachricht.

Betroffen von Automatisierung: Angestellte in einem Paketverteilzentrum. Foto: PD

Betroffen von Automatisierung: Angestellte in einem Paketverteilzentrum. Foto: PD

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Mit der Weiterbildung der Arbeitnehmenden harzt es in vielen hochentwickelten Ländern. Ausgerechnet jene Berufsleute, die den grössten Fortbildungsbedarf haben, bleiben häufig von Massnahmen zur Verbesserung ihrer Kompetenzen ausgeklammert. Das gilt vorab für gering qualifizierte Menschen – eben ihre Stellen sind von Automatisierung besonders stark bedroht.

Zu diesem Schluss kommt der kürzlich veröffentlichte Beschäftigungsausblick 2019 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. Im Durchschnitt aller OECD-Länder nehmen Erwachsene mit geringen Qualifikationen mit einer um 40 Prozentpunkte kleineren Wahrscheinlichkeit an Weiterbildungen teil, wie der Bericht festhält.

Ähnlich verhält es sich mit Beschäftigten, deren Jobs durch Automatisierung gefährdet sind: Ihre Weiterbildungsquote liegt im Mittel um 30 Prozentpunkte tiefer als jene vergleichbarer Beschäftigter an weniger exponierten Arbeitsplätzen.

Wachsende Kluft

«Und selbst wenn gering qualifizierte oder von Automatisierung bedrohte Arbeitskräfte an Weiterbildung teilnehmen, ist deren Qualität und Relevanz oft so gering, dass ihnen damit (...) nicht geholfen ist», monieren die OECD-Autoren. Bemängelt wird etwa, dass die Weiterbildungsangebote in dem besagten Segment meist stark auf die aktuellen Tätigkeiten ausgerichtet sind. Dadurch seien sie wenig geeignet, um auf einen neuen Arbeitsplatz, geschweige denn auf einen neuen Beruf vorzubereiten.

«Die Problematik ist auch in der Schweiz bekannt», sagt Fabian Maienfisch, Sprecher im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). «Ähnlich wie in anderen OECD-Ländern besuchen in der Schweiz Personen ohne Grundbildung seltener Weiterbildungsangebote als Personen mit einer Ausbildung auf Sekundarstufe oder einem Uni-Abschluss.» Aus diesem Grund, so Maienfisch, liege der Fokus in der beruflichen Grundbildung in einer möglichst hohen Abschlussquote.

Der Vormarsch der Roboter und die Auslagerung von Arbeitsprozessen an ausländische Standorte haben laut dem OECD-Bericht zur Folge, dass sich der Arbeitsmarkt «polarisiert». Gemessen an der Gesamtbeschäftigung, hat der Anteil des oberen Qualifi­kationssegments deutlich und der Anteil im unteren Qualifi­kationsbereich etwas zuge­nommen. Beide Entwicklungen gehen zulasten des mittleren Segments, das zusehends ausgehöhlt wird.

Auch hierzulande geht der Trend weg von mittleren und hin zu hoch anspruchsvollen Tätigkeiten: Zwischen 1996 und 2015 ist der Anteil von Berufen mit mittlerem Anforderungsniveau an der Gesamtbeschäftigung um rund 12 Prozent geschrumpft – im gleichen Ausmass stieg der Anteil hoch qualifizierter Tätigkeiten, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Zugleich vergrösserte sich auch der Anteil von Tätigkeiten mit geringen Qualifikationsansprüchen um fast 3 Prozentpunkte, wenngleich in geringerem Masse als im OECD-Schnitt (+5,3 Punkte).

Soziale Absicherung

Mit Blick auf das weitere Vordringen von Robotern, künstlicher Intelligenz und Digitalisierung in die Arbeitswelt stellt der Beschäftigungsausblick weitere «tiefgreifende, unausweichliche strukturelle Veränderungen» in Aussicht. Dennoch: «Trotz aller Unsicherheit blicken wir keiner Zukunft ohne Arbeit entgegen», betonen die Autoren.

Nach den Schätzungen der OECD sind in den nächsten 15 bis 20 Jahren 14 Prozent der Arbeitsplätze stark von Automatisierung bedroht – «deutlich weniger, als in einigen Studien behauptet wurde», wie es im Bericht heisst. Da war etwa die Rede davon, dass in den kommenden beiden Jahrzehnten fast jede zweite Stelle vernichtet werde.

Doch auch viele Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz voraussichtlich behalten werden, müssen einschneidende Veränderungen gewärtigen, etwa weil einzelne Tätigkeiten automatisiert werden. Davon betroffen ist gemäss OECD ein Drittel aller Stellen, vorab in der Industrie.

Bund prüft flexiblere Lösungen bei den Sozialversicherungen

Der Bericht beleuchtet ferner die Risiken von Beschäftigten in atypischen Arbeitsverhältnissen wie befristete Arbeitsverträge, Teilzeit, Arbeit auf Abruf oder gewisse Formen der Selbstständigkeit. Sie haben vielerorts nur begrenzte Ansprüche auf Weiterbildung und Beratung bei Verlust ihrer Arbeit, erhalten bei Arbeitslosigkeit mit 40 bis 50 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit Lohnersatz und finden weniger Zugang zu beruflicher Weiterbildung bei Firmen.

Laut Seco-Sprecher Maienfisch funktioniert die soziale Absicherung von Personen in atypischen Arbeitsverhältnissen in der Schweiz «ziemlich gut». Dennoch wolle der Bund bis Ende Jahr prüfen, ob flexiblere Lösungen bei den Sozialversicherungen nötig seien, und entsprechende Optionen aufzeigen. Auf atypische prekäre Arbeitsverhältnisse entfallen, so Maienfisch, «relativ tiefe 2,5 Prozent» der Gesamtbeschäftigung.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.05.2019, 23:25 Uhr

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