Zum Hauptinhalt springen

Wenig Lohn, mehr Trinkgeld und sexistische Avancen

In den USA hat ein Artikel über Trinkgeld und das Verhalten von Restaurantgästen eine Debatte lanciert. Auch Redaktion Tamedia-Leser schalten sich ein.

Amerikanische Service-Angestellte haben einen tiefen Grundlohn und sind in hohem Masse auf Trinkgeld angewiesen.
Amerikanische Service-Angestellte haben einen tiefen Grundlohn und sind in hohem Masse auf Trinkgeld angewiesen.
Keystone

Das Trinkgeldsystem in den USA beschäftigt die Menschen. Als die «New York Times» nach einem längeren Artikel dazu die Leser nach ihrer Ansicht gefragt hat, haben innert 24 Stunden mehr als 1200 Personen darauf reagiert. Nicht nur dort, selbst in der Schweiz. Zu einem Artikel dieses Mediums gab es 105 Onlinekommentare.

In den Reaktionen dominierte ebenfalls die Frage, wie sinnvoll das System des Trinkgelds in den USA noch ist. Mehr als anderswo sind die Serviceangestellten auf diesen mehr oder weniger freiwilligen Zustupf durch die Kunden angewiesen. Der Mindestlohn pro Stunde beträgt nur gerade 2.13 Dollar (rund 2 Franken). Wie sich zeigt, führt diese Macht der Kunden oft auch dazu, dass vor allem die Frauen belästigt werden und von ihnen ein Entgegenkommen erwartet wird, das nichts mit der Konsumation zu tun hat. Wie Studien zeigen, hängt die Höhe des Trinkgelds kaum mit der Servicequalität zusammen als vielmehr mit solchen Dingen wie dem Aussehen oder Alter des Servierpersonals, ob die Frauen geschminkt sind, wie nahe sie am Tisch des Kunden stehen oder ob sie ihn berühren.

«Es lohnt sich, das auszuhalten»

Die Reaktionen in den USA auf die Berichterstattung in der «New York Times» bestätigten die Berichterstattung weitgehend: Viele Frauen berichteten über sexuelle Avancen von Kunden. Eine Serviceangestellte und Studentin schrieb zum Beispiel, ein Kunde hätte ihr angeboten, ihre Studiengebühren zu bezahlen, wenn sie mit ihm eine Affäre eingeht. Viele Betroffene erklärten aber auch, dass das nun mal zum Job gehöre und diese Avancen ihnen ein gutes Einkommen ermöglichten.

So zitiert die US-Zeitung eine Frau aus New York mit folgender Aussage: «Ich hatte zahllose Kunden mit einer übergriffigen Sprache, die mich unangemessen berührt haben und die offen mit mir schlafen wollten. Wenn ich mitspielte und lächelte, gaben sie immer viel Trinkgeld, und sie kamen immer wieder. So unangenehm dieses Verhalten auch ist, es lohnt sich für mich, das auszuhalten. Denn ich habe mit diesen Männern ausserhalb der Arbeit nichts zu tun, und ihr Geld macht es mir möglich, meine Ausbildung zu bezahlen und für die Zukunft zu sparen.» Eine andere Serviceangestellte bestätigt das und meint: «Es gehört zu diesem Job, ein dickes Fell zu entwickeln.»

Einige Bedienstete sehen überhaupt kein Problem. Eine Studentin und Serviceangestellte aus Oklahoma spielt sogar mit dem Verhalten ihrer Kunden. Sie schrieb der Zeitung: «Ich flirte, ich gebe meine Nummer – meistens allerdings eine falsche –, und ich verspreche, an die nächste Party mitzukommen, zu der ich eingeladen werde. Das bringt mir definitiv mehr Trinkgeld ein. Ich bin dankbar für meinen Job.» Die Frau hält die Annahme für erniedrigend, dass es ein sexistisches Ungleichgewicht gebe oder dass sie Opfer einer Trinkgeldkultur sei.

Doch es gab auch andere Ansichten. So waren einige Bedienstete der Ansicht, die Kolleginnen sollten sich unbedingt wehren, selbst wenn das zu finanziellen Nachteilen führt: «Wenn man schlechtes Verhalten noch belohnt, heisst man es gut. Indem man sich nicht für sich und andere wehrt, trägt man dazu bei, dass sich dieser Kreislauf zwischen Missbrauch und Kontrolle nur immer weiterdreht», schrieb eine Frau, die seit 20 Jahren von Trinkgeld lebt.

Den Drink auf dem Kopf und die überraschenden Folgen

Eine Ex-Serviceangestellte aus Oregon erzählte davon, wie sie sich einst im Jahr 1982 als Bedienstete einer Bar gewehrt hat: Als ein Kunde aus einer Gruppe von sechs Männern sie wiederholt und trotz ihrem Protest die Beine entlang bis unter ihr Hemd berührt hat, kippte sie ihm einen Erdbeer-Daiquiri-Drink über den Kopf. Die Reaktion seiner Kollegen war dann allerdings eher unerwartet: Sie wurde von diesen für ihre Aktion mit Trinkgeld geradezu überschüttet. Selbst als sie Jahrzehnte später diese Bar als Kundin wieder besucht hat und sie niemand mehr kannte, war zumindest ihre Geschichte dort noch immer eine Legende.

----------

Video: Ein Auto für den Lieblingskellner

In Houston erhielt ein Kellner ein Auto als Trinkgeld. Quelle: Tamedia

----------

Ähnliche Auseinandersetzungen wie in den USA fanden sich auch in den Kommentaren aus der Schweiz. Eine Serviceangestellte schrieb: «Es ist klar, dass viele Männer meinen, weil man Essen und Trinken serviert, dass die Frau automatisch auch auf dem Menü steht. Ich war froh, nette Chefs zu haben, sodass ich Avancen stets klar ablehnen konnte; was aber, wenn der Chef das toleriert und extra Zuneigung fast erwartet?» Ganz anders sah das ein Mann in seinem Kommentar: «Die Frauen, welche diesen Job annehmen, wissen mit Sicherheit, was sie dort erwartet. Sie nehmen es in Kauf, da sie lieber diesen als gar keinen Job machen – und weil sie sich ihrer weiblichen Reize sehr wohl bewusst sind und diese bewusst gewinnbringend einsetzen.»

Thema in den Kommentaren dieser Spalten war aber auch der Unterschied zwischen den USA und der Schweiz. So lobten einige den deutlich besseren Service in den USA, was sie dem Trinkgeldsystem zuschrieben. «Geht man in der Schweiz auswärts essen, kriegt man in den meisten Lokalen jedes Mal sofort zu spüren: Wir haben dich nicht nötig», schrieb ein Leser. Ein anderer kritisiert dagegen die sozialen Bedingungen in den USA, die mit dem Trinkgeldsystem im Zusammenhang stehen: «Das Servicepersonal in den USA ist auf das Trinkgeld angewiesen wie auch auf den Job als solchen. Es ist doch sehr befremdend, dass in der hochgelobten Demokratie USA solche asozialen Arbeitsbedingungen heute noch gang und gäbe sind. Mir tun diese Frauen alle leid, weil es in den USA schlicht kein soziales Netz gibt, welches diese Personen im Gastgewerbe schützt.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch