«Für Jobs unter 100'000 Franken ist es schwierig»

Google-Schelte an Zürich: Ein Insider sagt, Weltkonzerne würden statt in der Schweiz Projekte in Singapur oder London ansiedeln.

Die restriktivere Praxis bei den Arbeitsbewilligungen für Spezialisten verunsichert viele Unternehmen. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Die restriktivere Praxis bei den Arbeitsbewilligungen für Spezialisten verunsichert viele Unternehmen. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Sie sorgt für einen Aufschrei: Die ­Google-Beschwerde über die restriktive ­Bewilligungsvergabe der Schweizer Ar­beits­ämter für ausländische Mitarbeiter, die nicht aus der EU stammen. Laut einem Software-Ingenieur des US-Konzerns haben die Unternehmen kaum mehr Chancen, offene Stellen mit Spezialisten aus den USA, Indien oder China zu besetzen (TA von gestern). Die neusten Zahlen des Staatssekretariates für Migration (SEM) stützen diesen Vorwurf: Es gibt tatsächlich einen Engpass, insbesondere bei Aufenthaltsbewilligungen für fünf Jahre. Die 2500 B-Ausweise für Personen aus Drittstaaten waren bereits Ende November alle vergeben – ein Novum in den letzten vier Jahren. Bei den Kurzaufenthaltsbewilligungen (L) bis zu einem Jahr waren zum gleichen ­Zeitpunkt 91 Prozent der 4000 Bewilligungen ausgeschöpft.

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Die prekäre Situation ist eine Folge der Kürzung der Kontingente durch den Bund auf dieses Jahr. Der Bundesrat hat als Folge der Zuwanderungsinitiative die Anzahl Bewilligungen für beide Kategorien um je 1000 gesenkt. Die Kantone ­erhielten entsprechend tiefere Kontingente zugeteilt.

Dass die Kontingente trotz der deutlichen Reduktion fast bis Ende Jahr gereicht haben, ist auch der Reaktion von Kantonen wie Zug, Basel-Stadt, St. Gallen und Zürich zu verdanken. Sie haben ihre Praxis bei der Vergabe von Bewilligungen deutlich verschärft. «Sonst wären die Gesamtkontingente bereits Ende September ausgeschöpft gewesen», sagt Bruno Sauter, Leiter des Amtes für Arbeit und Wirtschaft im Kanton Zürich. So lehnt sein Amt neuerdings etwa Gesuche ab, bei denen das gesamtwirtschaftliche Interesse nicht genügend nachgewiesen werden könne.

Die restriktivere Praxis geht auch aus den Zahlen des Bundes hervor. Demnach haben die Kantone bis Ende November 800 Gesuche weniger eingereicht als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Forschungsprojekte ausgelagert

Was die restriktivere Vergabepraxis konkret bedeutet, weiss Christian Gersbach von der Wirtschaftskanzlei CMS von Erlach Poncet. Der Anwalt beantragt für Kunden pro Jahr zwei bis drei Dutzend Arbeitsbewilligungen für Spezialisten aus Drittstaaten. Dieses Jahr ist eines seiner Gesuche zurückgewiesen worden – eine Premiere. «Vor allem zu Jahresbeginn ­haben wir die Auswirkungen der tieferen Kontingente stark gespürt», sagt er. Fast bei jedem Gesuch hätten die Behörden zusätzliche Angaben verlangt. Gleichzeitig seien gewisse Zulassungskriterien verschärft worden, etwa wer als Kader gelte. Als Faustregel gelte: «Für Jobs mit einem Lohn von unter 100'000 Franken ist es ausserordentlich schwierig geworden, eine Bewilligung zu erhalten.»

Bei den internationalen Unternehmen, die Gersbach vertritt, hat das für grosse Verunsicherung gesorgt. «Ich weiss von mehreren Firmen, die einzelne Forschungsprojekte deswegen statt in der Schweiz in Singapur oder London ­angesiedelt haben.»

Ähnlich äussert sich Martin Naville, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer. Die Unternehmen spürten die Restriktionen querbeet. Dass sie sich trotzdem kaum öffentlich beschwerten habe damit zu tun, dass sie es sich nicht mit den Behörden verderben wollten. Auch Internetriese Google hat die Kritik des Ingenieurs an den Zürcher Behörden inzwischen «als Aussage persönlicher ­Natur» relativiert. Sie entspreche nicht der Haltung des Unternehmens.

Kürzungen bleiben

Wirtschaftsanwalt Gersbach glaubt allerdings, dass das Schlimmste nun vorbei ist. «Die verschärfte Praxis zu Jahres­beginn wirkte auf mich wie ein Schuss vor den Bug, um die Unternehmen wachzurütteln und sie darauf vorzubereiten, dass Wackelkandidaten nicht mehr einfach durchgewinkt werden.»

Solche Wackelkandidaten gab es bisher offenbar einige, sagt Christoph Niederberger, Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz. Nicht immer seien die fehlenden Kontingente schuld, wenn ein Unternehmen keine Bewilligung erhalte. «Gesuche müssen auch abgelehnt werden, wenn die Unternehmen ihren ausländischen Arbeitskräften hierzulande nicht ortsübliche Löhne bezahlen oder sich nicht an die hiesigen Arbeitsbedingungen halten», sagt Niederberger. Konkrete Beispiele von Firmen, die ihren Drittstaaten-Angestellten nicht Schweizer Löhne zahlen wollen, darf er aus Datenschutzgründen nicht nennen. Es gebe aber mehrere davon, so Niederberger. Andere Quellen, die sich auskennen, sagen, dass insbesondere die Informatik- und Telecombranche davon betroffen sei.

Für Unternehmen wird sich an der restriktiveren Praxis vieler Schweizer Kantone im kommenden Jahr wohl nichts ändern. Denn auch 2016 werden die gekürzten Kontingente Bestand haben, wie der Bundesrat kürzlich mitteilte. Und einige fürchten jetzt schon, dass die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative eine weitere Verschärfung zur Folge hat.

Erstellt: 22.12.2015, 13:44 Uhr

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