Grösserer Arbeitsfrieden im Ausland gefährdet die Schweiz

In der Schweiz wird weniger gestreikt als in den meisten anderen Ländern. Doch das Ausland holt auf. Das könnte für die Schweiz Folgen haben.

Arbeitsfrieden: Arbeitskämpfe bleiben in der Schweiz eine Seltenheit (27. Juni 2015).

Arbeitsfrieden: Arbeitskämpfe bleiben in der Schweiz eine Seltenheit (27. Juni 2015). Bild: Keystone

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Während sich Deutschland fast im Dauerausstand befindet, wird in der Schweiz der Arbeitsfrieden hochgehalten. Nur gerade in 2 von 23 untersuchten OECD-Ländern wird noch seltener gestreikt. Doch das Ausland holt auf.

Von 2005 bis 2014 ging in der Schweiz pro Jahr im Schnitt ein einziger Arbeitstag je 1000 Beschäftigte durch Streiks verloren, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aufgrund amtlicher Streikdaten errechnet hat. Gar keine Ausfalltage gab es einzig in Japan und Slowenien, lediglich deren zwei in Österreich.

Auch Deutschland gehörte bis anhin zu den Ländern mit den stabilsten Arbeitsbeziehungen. Im Mittel fielen dort im gleichen Zeitraum vier Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte aus. Am streikfreudigsten zeigten sich Dänemark mit 135 und Frankreich mit 124 Ausfalltagen pro Jahr, vor Kanada (101), Belgien und Finnland (je 71).

Zwar haben gemäss der Untersuchung des Kölner Instituts im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise vor allem in Südeuropa sowie in Frankreich politisch motivierte Massenstreiks zugenommen. Auch in einigen skandinavischen Ländern hätten sich die Arbeitskampfaktivitäten verfestigt.

Wettbewerbsvorteil ade

Insgesamt ist aber seit Beginn der 1990er-Jahre die Zahl der Ausstände und der Ausfalltage fast im gesamten OECD-Raum rückläufig. Mittlerweile erfreuen sich beispielsweise auch Ungarn, Polen und Schweden einer funktionierenden Sozialpartnerschaft.

Das könnte für die ohnehin durch die Frankenstärke geplagte Schweiz nicht ohne Folgen bleiben. «Ländern mit traditionell stabilen Arbeitsbeziehungen wie Deutschland, Österreich und der Schweiz droht ein wichtiger Standortvorteil verloren zu gehen», warnt IW-Streikforscher Hagen Lesch.

Tatsächlich galt in der Schweiz der Arbeitsfrieden während Jahrzehnten als Garant für Wohlstand und soziale Sicherheit. Spektakuläre Arbeitskämpfe wie jene von 2004 und 2006 bei Swissmetal in Reconvilier BE und von 2008 bei SBB Cargo in Bellinzona blieben eine Seltenheit.

Begründet wurde der Streikverzicht durch die Friedensabkommen in der Metall- und Maschinenindustrie von 1937. Seither wurde die Friedenspflicht durch Gesamtarbeitsverträge auch auf andere Branchen ausgeweitet. Konflikte werden in der Regel von den Sozialpartnern am Verhandlungstisch oder allenfalls vor einem Schiedsgericht gelöst.

«Tertiarisierung» des Arbeitskampfes

Dass der Eindruck entsteht, in Deutschland werde immer mehr gestreikt, führen die Autoren der Studie auf die beobachtete «Tertiarisierung» des Arbeitskampfes zurück. Das heisst, dass sich das Schwergewicht der Streiks in den Dienstleistungssektor verschoben hat.

Anders als Kampfmassnahmen in der Industrie treffen die Streikfolgen damit die Bevölkerung unmittelbar, wie das Beispiel der deutschen Bähnler, Postangestellten und Piloten zeigt. Diese Entwicklung hat laut IW auch die Mehrzahl anderer Länder erfasst. (pat/sda)

Erstellt: 15.07.2015, 15:06 Uhr

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