Wenn das Fahrzeug zur Waffe wird

Schweizer Städte planen den Einsatz von Anti-Terror-Pollern – Autovermieter verstärken Sicherheitsabklärungen.

Einfach erhältlich, günstig – und gefährlich. Mit diesem Mietwagen tötete ein Usbeke am Dienstag in New York acht Menschen.

Einfach erhältlich, günstig – und gefährlich. Mit diesem Mietwagen tötete ein Usbeke am Dienstag in New York acht Menschen. Bild: Mark Lennihan, AP/Keystone

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Die Tatwaffe war günstig. «Mieten Sie mich ab 19 Dollar», steht auf dem Pick-up-Truck. Am Dienstag raste Sayfullo Saipow mit diesem über einen New Yorker Veloweg und tötete acht Menschen. Wenig später bekannte er sich zum Islamischen Staat.

Für dessen Kämpfer sind Autos, Lieferwagen und LKW ein ideales Instrument. Sie sind nicht nur günstiger, sondern auch einfacher erhältlich als normale Waffen. Und richten dennoch verheerenden Schaden an. Das zeigte sich bei den Anschlägen am Berliner Weihnachtsmarkt, der Strandpromenade von Nizza, auf der Ramblas in Barcelona und der Tower Bridge in London.

Autovermieter sind sich dieser Gefahr bewusst, auch in der Schweiz. Beim Autound Lieferwagenvermieter Hertz ist eine ganze Security-Abteilung damit beschäftigt, Mieter zu überprüfen. Ihr Auftrag lautet: Verbrechen vereiteln. Es geht nicht nur darum, Terrorattacken zu verhindern, sondern ganz allgemein sicherzustellen, dass Fahrzeuge nicht in falsche Hände kommen.

«Haben auch schon Vermietungen abgelehnt»

Hertz hat aus diesem Grund auch seine Mitarbeiter geschult. Sie sollen sensibilisiert sein und bei einem Verdacht die Behörden einschalten. «Wir schauen sehr genau, wer bei uns ein Fahrzeug mieten möchte», sagt Verkaufsund Marketingdirektor Roberto Delvecchio. «Und wir haben auch schon Vermietungen abgelehnt.» Wie oft dies passiert ist, möchte Delvecchio allerdings nicht sagen.

Auch der Vermieter Sixt ist bei der Herausgabe von Fahrzeugen «sehr sorgfältig». So werden «umfassende Massnahmen» ergriffen, die Mitarbeiter trainiert und geschult. Die Schwierigkeit: «Es ist einer Autovermietung nicht möglich, den Zweck einer Anmietung zu überprüfen», teilt Sixt mit.

Video – Anklage gegen Attentäter von New York

Sayfullo S. soll geständig sein: Den Ermittlern zufolge gestand er auch, von der Islamisten-Miliz IS inspiriert worden zu sein. (Video: Reuters)

Die Carsharing-Genossenschaft Mobility überprüft bei Neukunden die Gültigkeit des Führerausweises sowie deren Bonität. Andere Massnahmen gibt es aber nicht. «Solange wir nicht von behördlicher Seite informiert oder gewarnt werden, sehen wir es als unmöglich und nicht in unserem Kompetenzbereich an, Personen weiterführend zu kontrollieren», sagt Mobility-Sprecher Patrick Eigenmann. Befürchtungen, dass ein Mobility-Fahrzeug in eine Attacke involviert sein könnte, hat die Unternehmung aktuell nicht.

Die US-Behörden sind vorsichtiger. Wie nach dem jüngsten Anschlag bekannt wurde, schult die New Yorker Polizei die Vermieter spezifisch in der Erkennung von potenziellen Tätern.

Das Schweizer Bundesamt für Polizei hat den verschiedenen Anbietern zwar keine entsprechende Empfehlung abgegeben. Die Behörde rät ihnen aber, bei einem Verdacht mit der örtlichen Polizei Kontakt aufzunehmen.

Betonblöcke auf dem Bundesplatz

Nach den Anschlägen mit Fahrzeugen rückt neben den Vermietern auch die Infrastruktur in den Fokus. «Wir klären derzeit ab, welche Orte besonders exponiert sind», sagt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause. Dies treffe zum Beispiel auf den Bundesplatz zu. «Bisher haben wir dort die grossen Mannschaftswagen der Polizei als Barrikade platziert, wenn wir von einer Gefährdung ausgingen. Oder mobile Betonelemente eingesetzt.» Allerdings müssen diese jedes Mal neu platziert werden.

«Und sie stechen ins Auge, was bei der Bevölkerung zu einem Gefühl der Unsicherheit führen kann», sagt Nause. Mittelfristig prüfe man deshalb den Einsatz von mechanischen Pollern. Die massiven Metallbolzen sind tief im Boden verankert und lassen sich bei Bedarf an die Oberfläche holen, um Zufahrten zu blockieren. «Diese Poller könnte man im Boden lassen, wenn drei Jodler auf dem Bundesplatz auftreten. Aber sie einfach aktivieren, wenn eine Massenveranstaltung stattfindet», so Nause.

Das Geschäft mit Schutzsystemen boomt

In Zürich sind ähnliche Abklärungen im Gang. Aufgrund eines Postulats analysiert der Stadtrat derzeit, «welche öffentlichen Plätze durch Poller oder andere geeignete Hindernisse vor Terroranschlägen mit Fahrzeugen geschützt werden sollen». Die Stadt Basel setzt bereits auf Poller, um Unbefugte am Parkieren auf gewissen Plätzen zu hindern. Jetzt prüft die Polizei, an welchen Orten solche Systeme auch zur Terrorabwehr eingesetzt werden könnten.

Die Anbieter spüren den starken Bedarf. «Seit den ersten Anschlägen mit Fahrzeugen als Terrorwaffe hat sich das Interesse in Europa nach Systemen zur Sicherung von Innenstädten erhöht», sagt Francis Seijas, CEO der Consel Group AG. Die Nachfrage habe im Vergleich zu 2016 um etwa 20 Prozent zugenommen. Sie dürfte weiter steigen. Denn die EU will Städte künftig subventionieren, wenn sie Schutzmassnahmen für öffentliche Räume einsetzen, wie vor zwei Wochen bekannt wurde.

Die Signal AG ist auf den Schweizer Markt fokussiert. Sie bietet «Anti-Terror-Poller» an, die besonders grossen Belastungen standhalten sollen. Die Anfragen hätten im letzten Jahr um ungefähr 30 Prozent zugenommen, sagt Marketingleiter Patrick Brandt. «Zu den Interessenten gehören Botschaften, Stadien oder Bahnhöfe.» Einige Projekte konnten bereits realisiert werden. So ist laut Brandt etwa der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne mit Anti-Terror-Pollern gesichert.

Erstellt: 05.11.2017, 10:57 Uhr

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