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Weshalb Swatch sich selber anzeigt

Die Wettbewerbskommission hat gegen Swatch eine Untersuchung eingeleitet. Hintergrund ist ein schier unlösbarer Streit, der die ganze Uhrenindustrie betrifft.

Wie die Wettbewerbskommission (Weko) und der Schweizer Uhrenkonzern Swatch-Group heute vermelden, hat die Weko gegen Swatch eine Untersuchung eröffnet. Das tönt nach einem drastischen Schritt. Aber zu diesem Schritt hat sich die Kommission auf Ersuchen von Swatch selbst entschieden.

Im Hintergrund steht eine verzwickte Sachlage, die die ganze Schweizer Uhrenindustrie betrifft: Uhrwerke des Swatch-Konzerns sind nicht nur in den vielen Produkten des Hayek-Konzerns selbst enthalten, sondern auch in fast allen Uhren, die unter dem Label «Swiss Made» verkauft werden, auch wenn sie nicht zum Swatch-Konzern gehören. Eine Ausnahme sind nur grosse Hersteller wie etwa Rolex. Der Swatch-Konzern liefert für alle anderen die rohen Uhrwerke. Diese Produktionsstruktur ist ein Relikt aus alten Zeiten, als auch in der Uhrenbranche Kartelle noch die Regel waren. Die gemeinsame Herstellung von Grundprodukten war eine Folge davon.

Auch die Konkurrenz lebt von Swatch

Heute ist diese Struktur aber ein Problem. Die zahlreichen kleineren Uhrenproduzenten sind von Swatch abhängig, während der Konzern selbst wenig Freude daran hat, die eigene Konkurrenz beliefern zu müssen. Die Rohwerke sind schliesslich nicht ein Nebenbestandteil einer Uhr, sondern deren eigentliches Herzstück. Das hat bereits in der Vergangenheit zu Spannungen geführt. Der im letzten Sommer verstorbene Swatch-Gründer Nicolas Hayek hat sich immer wieder öffentlich darüber empört, dass andere Anbieter Uhren viel teurer verkaufen als sein eigenes Haus, selbst wenn sie das gleiche Uhrwerk enthalten. Hayek wollte daher schon länger die Lieferung der Uhrwerke einstellen. Die kleineren Uhrenproduzenten und die Wettbewerbskommission haben dagegen schon vor Jahren Swatch unter Druck gesetzt, die Lieferkette ohne Diskriminierung aufrechtzuerhalten.

Bei einem sofortigen Unterbruch der Uhrwerklieferungen können die meisten kleinen Konkurrenten ihren Laden dichtmachen. Einen Konkurrenzhersteller mit ähnlichen Kapazitäten wie Swatch gibt es in der Schweiz nicht, und Produkte aus dem Ausland sind nicht zugelassen, sonst wären die Produkte keine echten Schweizer Produkte mehr, und dieses Label ist überlebenswichtig.

Lieferstopp am liebsten schon «gestern»

Doch der Swatch-Konzern will die Lieferung der Uhrwerke an die Konkurrenten so rasch wie nur möglich einstellen: Am liebsten schon «gestern», wie CEO Nick Hayek, der Sohn des verstorbenen Nicolas Hayek, in einem Interview der Westschweizer Zeitung «Le Temps» erklärt hat. Doch Swatch will sich beim Ausstieg nicht weiter dem Vorwurf einer Wettbewerbsbenachteiligung gegenüber anderen Uhrenproduzenten aussetzen. Das ist der Grund, weshalb sich der Konzern an die Weko gewandt hat. Die eingeleitete Untersuchung soll klären, ob und wie ein solcher Ausstieg bewerkstelligt werden kann, ohne dass die Empfänger der Werke einen allzu grossen Schaden nehmen, beziehungsweise ob mit diesem Schritt Wettbewerbsrecht verletzt wird.

Als vorsorgliche Massnahme hat die Weko bestimmt, dass während der Dauer der Untersuchung die Swatch-Group die Konkurrenzunternehmen weiter in vollem Umfang mit Uhrwerken beliefern muss. Im Jahr 2012 darf sie dann die Lieferungen der Uhrwerke auf 85 Prozent des Lieferumfangs von 2010 reduzieren. Assortimente (regulierende Bestandteile des mechanischen Uhrwerks) muss sie aber auch im nächsten Jahr noch im Umfang von 95 Prozent der Menge aus dem Jahr 2010 liefern. Die Vereinbarung mit der Weko hat zur Folge, dass die Weko eine schon früher gegen die Swatch-Tochter ETA eröffnete Untersuchung wegen Wettbewerbsverstössen vorläufig sistiert. Die ETA stellt die Rohwerke her.

Worin eine für alle befriedigende Lösung bestehen könnte, ist momentan nicht zu erkennen. Selbst Rafael Corazza von der Wettbewerbskommission sieht für die kleinen Uhrenproduzenten keine kurzfristige Alternative zu den Swatch-Uhrwerken. Gleichzeitig zeigt er für beide Seiten Verständnis: «Beide haben legitime Interessen.»

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