Wie aus dem Wettrennen um die dünnste Uhr die Swatch entstand

Bruno Bohlhalter räumt mit Mythen über die Uhrenkrise und über die Swatch auf.

Bruno Bohlhalter (74) mit seiner Dissertation.

Bruno Bohlhalter (74) mit seiner Dissertation. Bild: Adrian Moser

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Was ist die Motivation, mit 74 Jahren noch den Doktortitel zu erwerben?
Die Neugierde. Philosophie hat mich schon als Jugendlicher fasziniert und sie hat mich nicht mehr losgelassen. Deshalb habe ich mich entschlossen, nach meiner Pensionierung Philosophie zu studieren. Da ich nur ein Handelsdiplom besass und keinen Maturitätsabschluss, musste ich Latein lernen und die Aufnahmeprüfung an die Universität Freiburg bestehen. Das Philosophiestudium schloss ich 2008 mit dem Lizenziat ab. Dann hängte ich ein Geschichtsstudium an und verfasste eine wirtschafts­historische Dissertation.

Warum wählten Sie die Uhrenindustrie und deren Krisen als Thema?
Ich habe vielfältige Beziehungen zu dieser Branche. Ich wurde im Mai 1983 Kreditchef der Schweizerischen Volksbank in Bern – das war im selben Monat, in dem die in die Krise geratenen Uhrenkonzerne Asuag und SSIH fusioniert wurden. Es war das erste Dossier, das mich in dieser neuen Funktion beschäftigte. Zudem bin ich in einer Uhrenfamilie aufgewachsen, mein Grossvater hatte einen Terminagebetrieb (Herstellung von Fertiguhren im Auftrag) mit sechs Angestellten im Atelier und einigen Heimarbeiterinnen. Meine Mutter war eine dieser Heimarbeiterinnen, und ich habe ihr ­geholfen, Uhren zu remontieren.

Warum wurden Sie dann Bankier und nicht Uhrmacher?
Uhrmacher war ein Thema. Aber als meine Berufswahl Mitte der 1950er-Jahre anstand, traute mein Vater den ­Zukunftsaussichten der Uhrenindustrie nicht. Er sagte mir, ich müsse mir eine sichere Stelle bei einer Bank suchen.

Haben Sie den Verzicht auf die Uhrmacherlehre bedauert?
Nein, es ist nicht meine Art, Entscheide nachträglich zu bedauern. Aber ich bin der Uhrenindustrie immer wieder begegnet, nicht nur bei der Volksbank. Als ich bei der Bankgesellschaft in Solothurn und in Neuenburg arbeitete, waren viele Kunden Uhrenfirmen. Da haben sich in meinem Gedächtnis viele ­Erinnerungen angesammelt.

Ihre Dissertation reicht weit zurück. 1931 beteiligte sich der Bund am Aktienkapital der Asuag, der Holding der Rohwerkfirmen. Sie bezeichnen dies als Sündenfall. Aber gäbe es die Schweizer Uhrenindustrie ohne diese Bundeshilfe noch ?
Als Historiker darf ich nicht mutmassen, was bei einem andern Verlauf passiert wäre. Aber ich glaube schon, dass es die Uhrenindustrie noch gäbe, allerdings hätte der Bund wahrscheinlich eine Anzahl Banken retten müssen, was den Sündenfall relativiert. Sie hatten den Uhrenfirmen in völlig unverhältnismässigem Umfang Kredite gewährt. Die ­Verschuldung der Uhrenbranche war damals deutlich höher als ihr Jahresumsatz. Das ist vergleichbar mit dem heutigen Griechenland, dessen Schulden weit über dem Bruttosozialprodukt liegen.

Weshalb griff der Bund danach immer stärker ein?
Die Branche bekam ihre Probleme nicht selber in den Griff. Die Verbände der Uhrenindustrie gründeten 1928 ein privatrechtliches Kartell. Sie sprachen Preise und Liefermengen ab, die Ebauches SA als grösste Herstellerin von Rohwerken durfte nur Mitglieder des Fertiguhrenverbandes Fédération Horlogère beliefern. Die Schablonagekonvention verbot den Export von unmontierten Rohwerken (Schablonen). Das Verbot galt für alle Rohwerkhersteller, aber es hielten sich nicht alle daran. Als Folge entstanden im Ausland immer mehr Firmen, die mit Bestandteilen aus der Schweiz Fertiguhren montierten. Deshalb erklärte der Bundesrat 1934 diese Konventionen per Notrecht zum Gesetz. Mit diesem Beschluss wurde meiner Meinung nach die Basis gelegt für die Krise der Uhrenindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren.

Warum?
Weil die kleinbetrieblichen Strukturen zementiert wurden. Wer einen neuen Betrieb eröffnen oder seine Fabrik erweitern wollte, benötigte eine Bewilligung durch das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement. Zustimmung erhielten nur Projekte, die im Interesse der gesamten Uhrenbranche waren – das öffnete die Türe zur Willkür. Das Regime war bequem für die bestehenden Betriebe, denn sie wurden vor der inländischen Konkurrenz geschützt. Dafür wuchs die ausländische Konkurrenz, und der Weltmarktanteil der Schweizer ­Uhrenindustrie ging zurück.

Das Parlament schluckte das?
Es ist heute fast unvorstellbar, aber der Bundesrat hat seinen Beschluss von 1934 bis 1948 sechsmal per Notrecht ­verlängert und jedes Mal verschärft. Er führte nicht nur Bewilligungen für neue Uhrenbetriebe ein, sondern auch für neue Produkte: Wer Uhren mit dem Sekundenzeiger im Zentrum produzierte und neu auch solche mit einem kleinen Sekundenzeiger fabrizieren wollte, musste ein Gesuch stellen. Dasselbe galt für den Umstieg von Silber- auf Stahlschalen. Das Volkswirtschaftsdepartement musste sogar die Verkaufspreise der Uhren bestätigen – das war fast noch schlimmer als beim Milchpreis. Doch es gab zunehmend Opposition, einer der grössten Kritiker war Nationalrat und Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Erst im Jahr 1951 wurde das Notrecht durch ein ordentliches Gesetz zur Erhaltung der schweizerischen Uhrenindustrie ersetzt. Auf dieses folgte 1961 das neue Uhrenstatut, welches die Liberalisierung einleitete. Der Schutz wurde dann bis 1971 schrittweise abgeschafft.

Wie kam es danach zur Uhrenkrise?
Gemäss meinen Erkenntnissen gab es nicht eine Uhrenkrise, sondern zwei. Die erste war eine Strukturkrise, welche von 1970 bis 1976 dauerte. Diese war die Spätfolge des Uhrenstatuts, welches die Strukturen zementiert und dafür gesorgt hat, dass zu viele kleine Betriebe überlebten. Der Wegfall des Uhrenstatuts und der Druck vom Weltmarkt her sorgten dann für einen massiven Rationalisierungsdruck. Ein Drittel der Betriebe und 38 Prozent der Arbeitsplätze verschwanden – das war ein Verlust von 34'000 Stellen. Die elektronische Uhr spielte in dieser Phase erst eine geringe Rolle. Deshalb kann man den Rückgang nicht mit der Quarzkrise begründen.

Was war denn der Grund?
Die japanischen Uhrenfirmen stellten auf die Fliessbandproduktion um. Seiko beispielsweise baute ein 1,6 Kilometer langes Fliessband, mit welchem die Uhren viel rascher und in besserer Qualität hergestellt werden konnten. Das erlaubte Preissenkungen, weshalb die Japaner den Verkauf von mechanischen Uhren stabilisieren konnten. Dagegen ging es mit den mechanischen Schweizer Uhren abwärts: Im Jahr 1974 wurden 40 Millionen Ankeruhren verkauft, 1984 nur noch 7 Millionen. Die Schweiz wurde von den Japanern in ihrem Kerngeschäft, der mechanischen Ankeruhr, aus dem Markt gedrängt.

Aber in der Öffentlichkeit gilt der verpasste Umstieg auf die elektronische Quarzuhr als Hauptgrund für den Niedergang der Schweizer Uhrenbranche. Ist das ein Mythos?
Ursache für den zweiten Teil der Uhrenkrise war der Technologiewandel. Dieser führte von 1976 bis 1984 noch einmal zu einem Rückgang von 40 Prozent der Betriebe und zu einem Verlust von 25'000 Arbeitsplätzen. Aber es stimmt nicht, dass die Schweizer den Umstieg auf die Elektronik verpassten, das Gegenteil ist wahr: Die Schweizer Uhrenindustrie war in dieser Phase sehr innovativ.

Warum hält sich denn die These, die Schweizer hätten geschlafen?
Es gibt Historiker, welche der Schweizer Uhrenindustrie vorwerfen, sie habe die Elektronik verschlafen, meine Untersuchungen widerlegen das jedoch. Aber die Schweizer hatten nicht von Anfang an auf das richtige Pferd gesetzt. Es war Mitte der 1970er-Jahre unsicher, ob sich bei der Quarzuhr die digitale Anzeige oder die analoge Anzeige durchsetzen würde (digital = Flüssigkristallanzeige LED, analog = Zeiger). Die Schweizer ­Uhrenindustrie setzte zuerst auf die digitale Anzeige und musste dann feststellen, dass sich damit kein Geld verdienen liess. Die ausländischen Digitaluhren wurden für ein oder zwei Dollar verkauft. Deshalb machten die Schweizer Uhrenfirmen eine Kehrtwende und setzten fortan auf die Quarzuhr mit Zeiger. Das war ein bewusster und richtiger Entscheid, denn die Elektronikkonzerne blieben bald einmal auf ihren LED-Uhren sitzen; sie mussten grosse Abschreiber machen und Fabriken schliessen. Der Grund war das schlechte ­Design der digitalen Uhren.

Aber letztlich brauchte es einen Geniestreich für die Rettung der Schweizer Uhrenindustrie, nämlich die Swatch. Ist auch das ein Mythos?
Es ist kein Mythos, dass die Swatch die Schweizer Uhrenindustrie rettete, aber es war nicht ein einmaliger Geniestreich, sondern das Ergebnis einer längeren Entwicklungsphase. Ausgehend vom amerikanischen Markt gab es in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre ein Wettrennen um die dünnste Quarzuhr: Wer diese herstellen konnte, galt als Technologieführer. André Beyner, Generaldirektor der Ebauches SA, entwickelte das Konzept einer neuen Uhr. Bis anhin bestand eine Uhr aus dem Boden, der Platine und der Lünette mit dem Glas. Beyner schlug nun vor, den Boden als Platine zu verwenden und die Teile direkt auf den Boden zu montieren. So entstanden die Delirium-Modelle I bis IV; das vierte war nur 0,98 Millimeter dick, Batterie inbegriffen. Das war genial, und die Japaner waren geschlagen.

War das mehr als ein Spiel?
Von der Delirium IV wurden nur etwa 50 bis 60 Stück hergestellt und jede kostete 60'000 Dollar. Sie war so empfindlich, dass man sie kaum am Arm tragen konnte. Beyner schlug deshalb vor, es müsse nun auch noch eine sportliche ­Variante entwickelt werden, die Delirium vulgaris, mit Produktionskosten von 12 bis 15 Franken.

Es waren also nicht Tüftler, welche die Swatch heimlich im Labor entwickelten, wie es gerüchteweise hiess?
Nein, das war ein Auftrag der obersten Führungsebene der Asuag.

Wie lief die Entwicklung gemäss Ihren Erkenntnissen?
Unbestritten ist, dass der damalige ETA-Chef Ernst Thomke die treibende Kraft hinter dem Projekt war. Er setzte am 16. Februar 1979 Anton Bally als Leiter eines Teams von Spezialisten ein. Der technische Konstrukteur war Jacques Müller, und für den Kunststoffteil war Elmar Mock verantwortlich. Diesem Team ist zweifellos ein grosser Wurf gelungen. Aber ich bleibe dabei, dass die Swatch keine Neuerfindung war, sondern die sportlich-populäre Kunststoff-Variante der ­Delirium.

Warum geistert immer noch der Mythos umher, Nicolas G. Hayek sei die entscheidende Figur bei der Erfindung der Swatch gewesen?
Meines Wissens hat er nie von sich behauptet, er sei der Erfinder der Swatch. Aber vielleicht hat er sich zu wenig gewehrt, wenn jemand dies behauptete. Nicolas G. Hayek war mit seiner Engineeringfirma Berater, als die Rohwerkgruppe Asuag und die Fertiguhrengruppe SSIH 1983 fusionierten. Die Banken mussten dabei 860 Millionen Franken als Sanierungsbeiträge in die beiden Uhrenkonzerne hineinstecken. Im Jahr 1983 wurde unter der Leitung von ETA-Chef Thomke auch die Swatch am Markt lanciert. Hayek und sein Aktionärspool haben die Mehrheit an der SMH, wie die Swatch Group damals hiess, erst im Herbst 1985 übernommen.

Aber Hayek konnte zumindest den Marketingerfolg für sich verbuchen?
Hayek hat die Swatch zum Kultobjekt gemacht, das stimmt. Trotz des tiefen Verkaufspreises war die Gewinnmarge hoch, und die Swatch wurde zum Kassenschlager.

Wie gross ist die Gefahr, dass es wieder einmal zu einer Uhrenkrise kommen wird?
Ich bedaure, dass die schweizerische Uhrenindustrie das Billigsegment, welches sie einst gerettet hat, ab 1995 vernachlässigte und immer stärker auf das oberste Segment setzte. Im Jahr 1993 wurden in der Schweiz noch 38 Millionen elektronische Uhren hergestellt, 2014 waren es nur noch 20 Millionen, während der Preis pro Stück auf das Zweieinhalbfache gestiegen ist. Das erinnert an die 1970er-Jahre, als man bei der mechanischen Uhr durch stetige Preiserhöhungen und wenig Innovation aus dem Markt katapultiert wurde.

Verpassen die Schweizer die Entwicklung bei der Smartwatch?
Sie sind auf jeden Fall heute nur unter «ferner liefen» dabei. Im zweiten Quartal 2014 wurden weltweit 5,6 Millionen Wereables – tragbare intelligente Geräte – verkauft, im zweiten Quartal 2015 waren es über 18 Millionen Wereables. Die Schweiz figuriert in der Statistik erst mit einer geringen Stückzahl. Ich glaube, die Schweizer haben die Smartwatch zu lange belächelt. Ob sie den Anschluss noch schaffen werden, wird sich zeigen.

Erstellt: 23.10.2015, 10:25 Uhr

Doktortitel mit 74 Jahren

Bruno Bohlhalter, Jahrgang 1941, wuchs in Langendorf SO auf. Er ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner Ehefrau in Oekingen SO. Er war Mitglied der Generaldirektion bei der Volksbank in Bern, und als diese von der Credit Suisse übernommen wurde, Mitglied von deren Geschäftsleitung in Zürich. Im Frühjahr 2015 erlangte er an der Universität Freiburg die Doktorwürde. Seine wirtschaftshistorische Dissertation trägt den Titel: «Die Uhrenkrise der 1930er- und der 1970/80er-Jahre in der Schweiz: Entstehung und Bewältigung. Von der Asuag und der SSIH zur Swatch Group AG.» Der Verlag NZZ Libro plant eine Ausgabe in Buchform.
(-ll-)

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