Hier wuchs fast unbemerkt ein Finanzgigant heran

Wachablösung in der Finanzindustrie: Eine Recherche zeigt, wie mächtig – auch in der Schweiz – Blackrock geworden ist.

Seine Kontakte sind hilfreich:  Ex-Nationalbank-Chef Philipp  Hildebrand ist die Nummer 2 bei Blackrock.  Foto:  Jason Alden (Getty)

Seine Kontakte sind hilfreich: Ex-Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand ist die Nummer 2 bei Blackrock. Foto: Jason Alden (Getty)

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Am Olymp der globalen Finanzindustrie hat es eine Wachablösung gegeben – und kaum einer hat es bemerkt. Lange Zeit galt Goldman Sachs als mächtigste Finanzinstitution dank ihrer guten Kontakte in Politik und Wirtschaft. Für die Topmanager der US-Investmentbank stehen höchste Regierungsämter offen, wie im Fall von US-Finanzminister Steven Mnuchin. Die Drehtür funktioniert auch umgekehrt: So ging der frühere EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als Berater zu den Goldmännern.

Diese engen personellen Verflechtungen zwischen der Politik und der Investmentbank können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Schatten von Goldman Sachs eine noch grössere und mächtigere Finanzkrake herangewachsen ist. Eine zudem, die es bislang verstanden hat, für die breite Öffentlichkeit weitgehend im Verborgenen zu bleiben. Die Rede ist von Blackrock, dem weltgrössten Vermögensverwalter mit rund 13'000 Mitarbeitenden und Kunden in über 100 Ländern.

Das Journalistennetzwerk von Investigate Europe hat recherchiert, um die Macht aufzuzeigen, die sich in der von Larry Fink geführten US-Firma heute konzentriert. Dieser Artikel basiert auf den Rechercheergebnissen. Blackrock weigerte sich, Rede und Antwort zu stehen; auch schriftliche Fragen blieben unbeantwortet.

An über 17'000 Firmen beteiligt

Dass sich das Gravitationszentrum im Weltfinanzsystem von Investmentbanken zu riesigen Kapitalsammelstellen à la Blackrock verschoben hat, ist dem radikal veränderten Anlageverhalten zuzuschreiben – sowohl bei Grossinvestoren als auch bei Kleinsparern. Seit der Finanzkrise von 2007/08 fliesst ein stets grösserer Strom von anlagesuchenden Geldern in passive Anlageformen. Passiv werden sie genannt, weil diese Produkte – vorab börsengehandelte Indexfonds (ETF) – nicht auf einer eigenständig getroffenen Auswahl einzelner Aktien beruhen, sondern vielmehr einen Aktienindex wie den Swiss Market Index eins zu eins nachzeichnen.

Dem weltumspannenden Siegeszug der Indexfonds vor allem verdankt Black Rock den rasanten Aufstieg zur Nummer eins in der Vermögensverwaltung. Verfügte die 1988 gegründete Firma 20 Jahre später über verwaltete Vermögen von 1000 Milliarden Dollar, so sind es inzwischen rund 6300 Milliarden. Dabei handelt es sich im Kern um die Altersersparnisse von Hunderten Millionen Menschen.

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Mit den Geldern, die in diese Fonds fliessen, kaufen Blackrock und andere Vermögensverwalter Aktien jener Firmen, die in den zugrunde liegenden Börsenindizes enthalten sind – und dies stets entsprechend dem Gewicht der einzelnen Unternehmen im Index. Auf diese Weise hat Blackrock Beteiligungen an über 17'000 Gesellschaften rund um den Globus aufgebaut. Selbstredend ist er auch Aktionär bei allen grösseren Schweizer Unternehmen – mit Beteiligungen von fast 2 Prozent (Swatch) bis über 11 Prozent (Lonza).

Schon mit diesen Aktienpaketen vermag Blackrock erheblichen Einfluss auf die Konzernlenker auszuüben (zumal an den Generalversammlungen oft nur die Hälfte des Kapitals vertreten ist). Hält man sich vor Augen, dass noch andere Vermögensverwalter – vorab die US-Erzrivalen Vanguard und State Street – ähnlich grosse Aktienportefeuilles besitzen, lautet der naheliegende Schluss: Gegen diese Stimmkraft können andere Aktionäre kaum mehr etwas ausrichten.

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Die damit verbundene Machtkonzentration in den gleichen paar Händen ist in den USA besonders ausgeprägt. Bei fast 90 Prozent der Firmen, die im wichtigsten US-Aktienindex – dem S & P 500 – aufgeführt sind, verfügt das Trio Blackrock, Vanguard und State Street zusammen über die meisten Aktien. In Europa ist es angesichts der unverminderten Popularität von Indexfonds bei Anlegern nur eine Frage der Zeit, bis ähnliche Beteiligungsverhältnisse vorherrschen. Experten sprechen in dem Zusammenhang von «horizontalem Aktienbesitz».

Dominanz von Blackrock führt zu teureren Flugtickets

Die EU-Kommission scheint sich dieses Problems immerhin bewusst zu werden: Man habe mit der Erarbeitung einer vertieften Studie hierzu begonnen, bestätigte die Brüsseler Behörde gegenüber Investigate Europe. Bereits im Dezember hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der primär die entwickelten Länder ihre Wirtschaftspolitik miteinander absprechen, eine Anhörung zu dem Thema durchgeführt.Problematisch ist der horizontale Aktienbesitz vor allem, wenn er sich über ganze Branchen erstreckt. Wie der Ökonom Martin Schmalz von der US-Universität Michigan 2016 in einer Studie aufzeigte, sinkt die Wettbewerbsintensität zwischen Konkurrenten, sobald sie von denselben Aktionären beherrscht werden. Am Beispiel der US-Airlines, wo die Dominanz von Blackrock & Co. besonders stark ist, konnte Schmalz nachweisen, dass die Passagiere auf wichtigen Routen deutlich höhere Preise bezahlen mussten. Ähnliches liess sich für Banken feststellen: Je ausgeprägter der horizontale Aktienbesitz in einer Region, desto höhere Kontogebühren und tiefere Sparzinsen mussten Kunden hinnehmen.


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Bei der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager dürfte Schmalz’ Arbeit bereits ein Umdenken bewirkt haben. «Es wird zunehmend üblich, dass dieselben Investoren Aktien in verschiedenen Firmen der gleichen Branche halten», warnte Vestager. Für diese Inves­toren sei Wettbewerb wenig reizvoll, «weshalb wir uns jetzt an die schwierige Aufgabe machen, herauszufinden, wie oft dies in Europa geschieht.»

Intensive Zusammenarbeit mit Regierung

Noch deutlicher wurde der an der US-Universität Harvard lehrende Wettbewerbsexperte Einer Elhauge bei der Anhörung der OECD: «Der horizontale Aktienbesitz ist die grösste Bedrohung für den Wettbewerb in der heutigen Zeit.» Dies primär deshalb, weil nichts dagegen unternommen werde. Dabei hat die mit der Konzentration des Aktienbesitzes einhergehende Lähmung des Wettbewerbs aus Sicht von Elhauge gravierende wirtschafts- und sozialpolitische Folgen. Sie zeigen sich gemäss dem Harvard-Dozenten in einer «zunehmenden Diskrepanz zwischen Firmengewinnen und Investitionen»; ferner würden sie «mithelfen, die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit zu erklären».


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Blackrocks Sonderstellung im Weltfinanzsystem beruht indes nicht allein auf der schieren Grösse des Vermögensverwaltungsgeschäfts. Darüber hinaus hat sich mit Beginn der Finanzkrise vor über zehn Jahren eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem US-Giganten und Regierungen respektive Finanzaufsehern verschiedener Länder etabliert. Wo immer es brannte – ob bei der US-Investmentbank Bear Stearns, bei griechischen, irischen und spanischen Banken oder bei der Rettungsaktion für die UBS –, immer wurde Blackrock gerufen, um die Vermögensbestände und Kredit­bücher der Institute zu durchleuchten.

Die Magie von Aladdin

Selbst die Europäische Zentralbank griff 2016 auf die Dienste von Blackrock zurück, weil die eigenen Kapazitäten zur Abwicklung des seinerzeitigen BankenStresstests nicht ausreichten. Dass bei solchen Auftragsvergaben die Kontakte von Ex-SNB-Chef Philipp Hildebrand in oberste Chargen von Noten- und Geschäftsbanken hilfreich sind, liegt auf der Hand. Nach dem Rücktritt als Nationalbank-Präsident Anfang 2012 heuerte Hildebrand bei Blackrock an, wo er heute die Nummer zwei ist.

Das wirksamste Mittel, das Blackrock neue Türen öffnet, heisst indes Aladdin. Der Name steht für die hauseigene IT-Hochleistungsplattform, mit der sich das Risikomanagement komplexer Finanzprodukte steuern lässt. Schon über 200 Finanzinstitutionen nutzen Aladdin, darunter auch direkte Konkurrenten von Blackrock. Für den Konzern ist das ein Segen: Jeder neue Aladdin-Kunde verheisst Zugang zu neuen Daten, mit denen sich das System verfeinern lässt. Daher urteilte der britische «Economist» bereits: Blackrock scheine «den besten Weg zur globalen Vorherrschaft gefunden zu haben». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 07:03 Uhr

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Investigate Europe ist ein Team von neun Journalisten aus acht europäischen Ländern, das europaweit relevante Themen recherchiert und veröffentlicht. Unterstützt wird das Projekt durch die deutsche Hans-­Böckler-Stiftung, die deutsche GLS Treuhand, die norwegische Stiftung Fritt Ord, die Stiftung Hübner & Kennedy und die Rudolf-Augstein-Stiftung, beide ebenfalls in Deutschland ansässig, und die Open Society Initiative for Europe mit Sitz in Barcelona. Zu dieser Recherche trugen bei: Crina Boros, Wojciech Ciesla, Ingeborg Eliassen, Nikolas Leontopoulos, Maria Maggiore, Paulo Pena, Jordan Pouille, Harald Schumann und Elisa Simantke.

www.investigate-europe.eu


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