Wie der Brexit das Sandwich der Briten bedroht

Kommt es zum harten Brexit, könnte vom klassischen britischen Sandwich nicht mehr viel übrig bleiben.

Wie viel Prozent der jeweiligen Zutat vom klassischen Sandwich importiert wird: Post-Brexit-Sandwich.

Wie viel Prozent der jeweiligen Zutat vom klassischen Sandwich importiert wird: Post-Brexit-Sandwich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

29. März 2019: Der Tag wird für Grossbritannien zum Schicksalstag. Es ist das offizielle Datum des EU-Austritts. Das Szenario eines harten Brexit – also eines ohne Austrittsabkommen – wird Beobachtern zufolge immer wahrscheinlicher. Der britische Handelsminister Liam Fox schätzte die Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieser Option zuletzt auf 60 Prozent.

Sollte es dazu kommen, könnte dies praktisch über Nacht zu Engpässen bei der Anlieferung von Lebensmitteln vom Kontinent und zu leeren Regalen in britischen Supermärkten führen. Auch das klassische britische Sandwich – mit Schinken, Käse, Tomate und Salat – wäre bedroht, wie das Politmagazin «Politico» aufzeigt. Briten kaufen allein im Supermarkt jährlich vier Milliarden fertige Sandwiches.

Probleme an der Grenze

«Ich glaube nicht, dass die Konsumenten verstehen, wie komplex und global unsere Branche ist», warnt denn auch Jim Winship, der Direktor des britischen Sandwichverbands. «Wenn wir aus Europa austreten, hätten wir schon bei der Grenzkontrolle Probleme, denn unsere Industrie arbeitet mit frischen Produkten, die eine geringe Haltbarkeit haben. Die Zutaten könnten in den Häfen verrotten, bevor sie bei uns ankommen.»

Ein Überblick, welche Bestandteile des beliebten Snacks nach einem harten Brexit nicht mehr so einfach verfügbar wären:

Käse

Die Briten importieren 60 Prozent des Käses, den sie konsumieren. Für die meisten Sandwiches wird Cheddar verwendet – und dieser stammt fast immer aus Irland. 82 Prozent des Cheddars wird von dort importiert. Das entspricht rund 78’000 Tonnen. Es gebe nicht genügend britischen Cheddar, um die Nachfrage zu stillen, sagt Conor Mulvihill, Vertreter der Molkerei-Industrie in Irland. Zudem bestünden in Grossbritannien keine Pläne, diesen Engpass zu beheben. Die Preise für Cheddar und Sandwiches dürften also massiv steigen.

Ohne Abkommen dürften Cheddar-Importe mit Zöllen belegt werden. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) wären dies rund 1671 Euro pro Tonne. Dies dürfte Mulvihill zufolge dazu führen, dass die Briten gar keinen Cheddar mehr importieren würden.

Schinken

Auch Schweinefleisch, aus dem Schinken besteht, wird zu 60 Prozent importiert. Das meiste stammt aus Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Belgien. Die EU liefere aufgrund der hohen Einfuhrzölle auf Schweinefleisch aus anderen Ländern praktisch das gesamte in das Vereinigte Königreich eingeführte Schweinefleisch, heisst es in einem Bericht des britischen Landwirtschafts- und Gartenbau-Entwicklungsausschusses.

Tomaten

Die Briten essen rund 500’000 Tonnen Tomaten pro Jahr – Tendenz steigend. Rund vier Fünftel dieser Tomaten werden importiert, die meisten aus Spanien und den Niederlanden. Im letzten Jahr wurden 410’000 Tonnen importiert, britische Bauern produzierten derweil nur rund 90’000 Tonnen Tomaten. Um frisch beim Kunden anzukommen, muss die Ernte schnell vom Feld in die Läden gebracht werden. Ohne Brexit-Abkommen könnte es zu Verzögerungen an der Grenze kommen, und die gesamte Lieferkette könnte zusammenbrechen.

Salat

Besonders während der Wintermonate könnte es beim Salat zu Engpässen kommen, sollte Grossbritannien kein Brexit-Abkommen unterzeichnen. Offiziellen Angaben zufolge wurden im letzten Jahr 192’500 Tonnen Salat importiert. Nur 13’500 Tonnen wurden von den Bauern im eigenen Land produziert.

«Zwischen Oktober und April kommt ein beträchtliches Volumen an Blattsalaten in den Regalen der britischen Detailhändler aus Murcia in Spanien», sagt Dieter Lloyd, Sprecher des britischen Blattsalatverbands zu «Politico». «Die naheliegende Folge ist, dass längere Überprüfungen an den Grenzen dazu führen werden, dass es länger dauern wird, bis die Produkte auf der Strasse ankommen.»

Butter

25 Prozent der Butter wird importiert – die meiste davon aus Irland. Die London School of Economics warnt, dass Zölle, Verzögerungen an der Grenze und verstärkte Kontrollen «den britischen Konsumenten in ein Milchdilemma bringen könnten».

Toast

Immerhin das Brot dürfte auch nach dem Brexit nicht knapp werden: Das meiste wird im Vereinigten Königreich hergestellt. So dürfte es künftig ein relativ trockenes Sandwich werden.

Wegen der Engpässe wäre auch das klassische English Breakfast in Gefahr. Dieses besteht aus Würstchen, Speck, Brot, Eiern, Bratkartoffeln, Pilzen, Tomaten und gebackenen Bohnen.

Erstellt: 14.08.2018, 20:53 Uhr

Artikel zum Thema

Das Szenario des ungeordneten Brexit wird zum Albtraum

Die britische Regierung trifft Vorbereitungen für den «harten» Austritt aus der EU. Experten warnen vor einem Desaster. Die Befürworter sprechen hingegen von Panikmache. Mehr...

Firmen sollen sich auf Not-Szenario einstellen

Kommt beim Brexit nicht bald eine Einigung zustande, dann könnten die Konsequenzen dramatisch sein. Brüssel warnt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...