Wie Fälscher die Schweizer Uhrenbranche austricksen

Wenn der Wunsch gross ist und der Preis heiss, dann sind Konsumenten leichte Beute für Betrüger.

Uhrmacher Michel Arnoux mit einer Kiste mit Fälschungen. Im Labor prüft er, ob sie aus derselben Werkstatt stammen. Die meisten kommen aus China. Foto: Beat Mathys

Uhrmacher Michel Arnoux mit einer Kiste mit Fälschungen. Im Labor prüft er, ob sie aus derselben Werkstatt stammen. Die meisten kommen aus China. Foto: Beat Mathys

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Inga Ramseyer* bestellt eine Rolex-Uhr für 2000 Franken im Internet. Die Seite wirkt seriös. Inga Ramseyer hat keinerlei Bedenken, bezahlt – und wartet. Doch die Uhr wird nie geliefert. «Ich war zu wenig vorsichtig. Die verlorenen 2000 Franken ärgern mich.» Mittlerweile ist die Seite nicht mehr erreichbar. Ihr Geld ist verloren.

Der Handel mit Fälschungen im Internet nimmt immer grössere Dimensionen an. Zahlreiche unseriöse Shops versuchen, Konsumenten in die Falle zu locken. Oft handelt es sich um sogenannte Fake Shops; das sind Geschäfte im Internet, die nicht existieren. Die Waren, die dort gezeigt werden – meist Uhren, Taschen, Jacken, Sportmode, aber auch Elektronikartikel wie Fotoapparate oder Smartphones –, werden nie geliefert. Betroffen sind nicht nur Luxusprodukte.

Betrügerische Seiten sind kaum zu erkennen – weder am Preis der Waren noch an der Aufmachung der Shops. Fallen lauern aber nicht nur auf unseriösen Internetseiten, sondern auch auf bekannten Seiten wie Amazon. Es kommt vor, dass Originalprodukte bestellt werden und Fälschungen geschickt werden. «Viele Konsumenten suchen aber auch bewusst nach einer gefälschten Uhr im Netz», sagt Yves Bugmann vom Verband der Schweizer Uhrenindustrie (FH). Der Besitz von Fälschungen für den privaten Gebrauch ist nach Schweizer Gesetz nicht strafbar. Produktpiraterie ist ein weltweites Problem. Solange es einen wachsenden Markt gibt, blüht das Geschäft. Fälschungen verursachen der Schweizer Uhrenindustrie laut FH einen Schaden von rund 800 Millionen Franken pro Jahr.

«Ein Kampf gegen Windmühlen»

«Gefälschte Markenprodukte werden zu einem Riesenproblem im Onlinehandel», sagt Bugmann. Was er damit meint, zeigt er am Sitz seines Verbandes. Wir befinden uns mitten in Biel in einem modernen Bau. Die Anwältin Carole Aubert sitzt vor einem Bildschirm und durchforstet Internetseiten, die gefälschte Uhren anbieten. Sie sagt: «Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Finde ich eine Website mit gefälschten Produkten, fordere ich den Host-Provider auf, die Seite zu schliessen.» Die Fälscher finden aber immer wieder neue Möglichkeiten und schalten die Seite über einen anderen Provider wieder auf.

Es kommt beispielsweise oft vor, dass ein Konsument eine offizielle Seite eines Anbieters von Markenuhren besucht und kurz danach auf Facebook Angebote von gefälschten Uhren erhält. Möglich ist dies, weil der Internetnutzer beim Surfen im Netz Spuren hinterlässt. Fälscher können diese Daten aufspüren und richten ihre Werbung gezielt an interessierte Konsumenten.

Die Fälscher passen ihr Verhalten immer wieder an. Zurzeit findet eine Umlagerung von klassischen Fälschungswebsites auf die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram statt. Zudem haben Plattformen wie Ebay Massnahmen gegen gefälschte Produkte ergriffen. Die Fälscher haben erkannt, dass die sozialen Netzwerke für sie genügend Anonymität bieten.

Keine Amateure

«Für unsere Mitarbeiter wird es immer schwieriger, gegen Händler vorzugehen, die Fälschungen anpreisen, weil sie neue technische Möglichkeiten nutzen», sagt Yves Bugmann. Daran lasse sich auch erkennen, dass es sich vielfach nicht um Amateure handle, sondern um ganze Netzwerke mit entsprechender krimineller Energie.

Die Internetabteilung der FH ist seit ihrer Gründung im Jahr 2004 stetig gewachsen. Heute sind 16 Personen in der Fälschungsbekämpfung tätig. Während sie vor 14 Jahren noch veranlasst haben, dass einige Hundert, allenfalls einige Tausend Angebote von gefälschten Uhren vom Netz genommen werden, sind es heute 1,2 Millionen pro Jahr.

Um mit den Fälschern Schritt halten zu können, beschäftigt der Verband der Uhrenindustrie selbst Uhrmacher. Diese nehmen die vom Zoll an der Schweizer Grenze beschlagnahmten Uhren auseinander und analysieren die Einzelteile.

Uhrmacher auf Spurensuche

In einem Nebenraum sitzt Uhrmacher Michel Arnoux. Er hat eine Originaluhr und eine Fälschung vor sich. Auf zwei Bildschirmen vergleicht er minutiös die Abweichungen. «Sie sind teilweise minim. Sogar für uns kann es auf den ersten Blick schwierig sein, eine Fälschung zu erkennen», sagt er. Die meisten gefälschten Uhren stammen aus China. Dies trifft gemäss Statistiken der Zollbehörden auch auf alle anderen gefälschten Produkte zu. China verfügt über eine grosse Uhrenindustrie und somit auch über entsprechendes Know-how.

Was genau sucht der Uhrmacher? «Alle Fälscher hinterlassen auf den gefälschten Uhren Spuren. Da dieselbe Maschine in der Regel immer auch dieselben Spuren auf den gefälschten Produkten hinterlässt, können wir Verbindungen zwischen den einzelnen Fälschungen herstellen», sagt Yves Bugmann. Ziel sei, darzulegen, dass Fälschungen unterschiedlicher Marken aus demselben Fälscheratelier stammen würden. Wichtig ist dieses Wissen, wenn die FH gegen Fälschernetzwerke Gerichtsverfahren führt.

Fälscher wechseln von klassischen Websites auf die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa gibt es regelmässig Verurteilungen. Im vergangenen Jahr wurden dort 150'000 gefälschte Uhren beschlagnahmt. Fälscher werden mit Geldstrafen oder Gefängnis bestraft. Die Regierung hat erkannt: Im Land gibt es ein Problem mit Fälschung; deshalb muss politisch dagegen vorgegangen werden. Auch in Marokko, in der Türkei, in Brasilien, in ganz Asien, in Italien, Spanien und Griechenland werden regelmässig Waren beschlagnahmt.

Bugmann, selber Jurist, kritisiert die ungenügende Gesetzeslage in der Schweiz und appelliert an das Parlament. «Es muss Gesetze schaffen, die es Markeninhabern erlauben, gegen ausländische Internetseiten vorzugehen, die Fälschungen anbieten. Der Kauf von Waren im Internet führt zu neuen Herausforderungen, und diese müssen eine gesetzliche Grundlage erhalten.»

Inga Ramseyer, die geschädigte Kundin, hat sich inzwischen den Wunsch der Traumuhr doch noch erfüllt. Aber diesmal hat sie die Uhr in einem offiziellen Laden gekauft.

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 20:46 Uhr

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Tipps für Konsumenten

Eine Markenuhr für wenig Geld kaufen?
In vielen Onlineshops ist das möglich.
Aber aufgepasst: Einige Anbieter verkaufen Fälschungen. Wie merkt der Konsument,
ob er es mit einem Fälscher zu tun hat? Beim Kauf von Uhren, aber auch anderen Produkten im Internet ist Vorsicht angebracht. Die Originaluhren kauft man am besten bei offiziellen Händlern, sei es in einer Boutique, online oder bei bekannten Bijouterien, die einen Onlineshop haben. Skeptisch machen sollten extrem hohe und unrealistische Rabatte. Gut möglich, dass es sich um das Lockangebot von Betrügern handelt. Unseriös ist es auch, wenn der Händler seine Seite mit übertrieben guten Bewertungen bewirbt. Wenn ein Impressum mit Post­adresse, E-Mail und Telefonnummer fehlt, verzichtet man besser auf einen Kauf. Doch das Impressum kann gefälscht sein. Einige Seiten werben ausserdem mit Gütesiegeln, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Fälschungen werden oft auf Seiten mit der Länderdomain .com angeboten, .ch ist äusserst selten. (rag)

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