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Wie ich mit Facebook reich werden wollte

Für Redaktion Tamedia wollte ich beim Börsengang dabei sein, während die anderen nur davon reden. Die Rechnung ging nicht auf.

Das Interesse an den Facebook-Aktien ist gross: Ein Mann mit Informationen zum Börsengang vor dem Hotel St. Regis in New York. (10. Mai 2012)
Das Interesse an den Facebook-Aktien ist gross: Ein Mann mit Informationen zum Börsengang vor dem Hotel St. Regis in New York. (10. Mai 2012)
Reuters

Am kommenden Montag hat Mark Zuckerberg Geburtstag. Vier Tage später erhält er sein Geschenk: zwölf Milliarden Dollar. So viel wird seine Firma Facebook beim grössten bisherigen Börsenhype unseres Erdzeitalters einstreichen. Zuckerberg ist dann 28 und längst Milliardär.

Ich bin 34 und Durchschnittsverdiener. Und ich will auch dabei sein. «Our mission is to make the world more open and connected», schreibt Facebook auf der Homepage der US-Technologiebörse Nasdaq vor dem Börsengang. Ich habe Mark persönlich eine Nachricht auf Facebook geschickt und wollte von ihm wissen, wie ich an ein paar Aktien komme. Ich bin überzeugt, es wird ein Kursfeuerwerk geben. Zumindest hoffe ich das.

Ob er die Nachricht bekommen hat, weiss ich nicht. Von ihm gibt es auf Anhieb elf verschiedene Zuckerbergs mit Konterfei. Vermutlich ist er auf Facebook längst nicht mehr erreichbar. Sind wir ehrlich: Madonna würde auch nicht jedem die Hand schütteln. Andererseits heisst es ja, die Aktie sei wohl das letzte Instrument für gelebte Demokratie in einer freien Marktwirtschaft. Ich kann damit an Generalversammlungen teilnehmen und der Geschäftsleitung meine Stimme geben oder entziehen. Und wenn ich wieder einmal eine Meldung im Postfach habe, dass meine Kontakte und persönlichen Informationen ohne mein Einverständnis verwertet werden, dann hätte ich plötzlich eine Stimme. Und könnte nicht nur den Daumen-Button klicken.

Vom Aktiengewinn zum Gourmetmenü

Bis zu 30'000 Franken war ich bereit zu investieren – per Sammelaktion im Bekanntenkreis. Ich wollte ausnahmsweise nicht nur Journalist, sondern auch Aktienhändler sein. Nichts wollte ich dem Zufall überlassen: Die professionellen Wahrsager der Grossbanken prognostizieren für Facebook einen Umsatz von 5,1 Milliarden Dollar. Nächstes Jahr sollen es sogar 6,7 Milliarden werden. Pro Aktie soll es in diesem Jahr einen Gewinn von 63 Cents geben, im nächsten Jahr sogar 84 Cents. Das Orakel sagt bei der guten Geschäftsentwicklung also Gewinne voraus. Meine Milchmädchenrechnung geht so: Wenn ich mir tausend Aktien zum Ausgabepreis von durchschnittlich 30 Franken kaufe, dann kann ich mir vermutlich schon zum diesjährigen Silvester ein Sechs-Gänge-Menü für zwei im Schlosshotel Schauenstein bei Starkoch Andreas Caminada leisten. Ganz wie ein Millionär.

Mein Problem: Weder weiss ich, wo ich Facebook-Aktien überhaupt kaufen kann. Noch, was es mich kosten wird. Der Kundenberater meiner Hausbank war ehrlich: «Ich will Sie nicht foppen, Sie haben keine Chance.» In der Zeichnungsfrist vor dem 17. Mai werde es bei ihm keine Facebook-Aktien geben. Our mission is to make the world more open and connected?

Nach dem Börsegang, so mein Berater weiter, könne ich jederzeit am Handel teilnehmen und Aktien kaufen. Ich wollte aber von Anfang an dabei sein und vom fast sicheren ersten Kursanstieg profitieren. Er gab mir einen Tipp: UBS und Credit Suisse seien bei dem Börsengang ganz vorn dabei. Dort bestünde die Chance, Facebook-Aktien vor der Handelseröffnung am 17. Mai zu zeichnen, bevor die Finanzparty am New Yorker Broadway losgeht.

Mehr als 337 Millionen Stück Facebook-Aktien werden am Freitag nächster Woche auf den Markt geworfen. Ist die Nachfrage grösser als das Angebot, ist die Aktie überzeichnet. Die Vergaberegeln sind streng und die Zuteilung an Investoren sehr eingeschränkt: In der Schweiz wurden die UBS und die Credit Suisse zu exklusiven Facebook-Zeichnern erkoren. Über das ihnen zugeteilte Kontingent können sie frei entscheiden, ob und wie viele Facebook-Aktien sie ihren Privatkunden auf deren Wunsch ins Depot legen. Das kann eine Aktie sein oder auch tausend. Was also tun?

Der Grossbankentest

Ich stattete den Grossbanken am Zürcher Paradeplatz einen Besuch ab. Frau Müller* ist Kundenberaterin bei der UBS. Professionell freundlich sowie freundlich professionell bietet sie mir einen Sitzplatz in einer der Beratungskojen neben der Empfangshalle im Erdgeschoss an: «Sie möchten ein Depot eröffnen?» Ich erwiderte, ausschliesslich an Facebook-Aktien interessiert zu sein. Doch dazu braucht es offenbar jede Menge Startkapital: Zu den 1000 Stück für 30 Franken = 30'000 Franken kommen mehrere Hundert Franken Eröffnungs- und Kommissionsgebühren dazu. Unterm Strich, so eine erste Überschlagsrechnung, müsste die Aktie um deutlich mehr als zehn Prozent steigen, damit jeder meiner Geldgeber sich zumindest ein Glas Sirup kaufen könnte.

Aber ich hatte noch ein Ass im Ärmel. Ich ging zur Konkurrenz, die bestimmt günstiger wäre. Ich wurde in die holzvertäfelten Räumlichkeiten des Private Banking der Credit Suisse gebeten: Teppich, Klimaanlage und buddhistische Ruhe. Hier mussten wohl all die Yacht-Besitzer und Multimillionäre ihre Beratungsgespräche führen. Ich sollte mich nach nebenan begeben. Der Herr im Anzug an der Rezeption, den ich zuerst für meinen Kundenberater hielt, zeigte wortlos mit dem Finger auf die Sitzgruppe im Wartezimmer, ohne dabei den Kopf zu heben. Mein Fehler: Ich hatte Sportschuhe an. Frau Meier* ist Kundenberaterin bei der Credit Suisse. Sie holte mich vom Wartezimmer ab und wir gingen in einen der vielen Beratungsräume. Ein Tisch, vier Stühle, wir waren zu zweit. Immerhin mutete es einen Hauch edler an als die Empfangshalle im Erdgeschoss der UBS. Ich erklärte ihr, Facebook-Aktien kaufen zu wollen. Darauf sie: «Bei Glencore wollten auch alle mitmachen, aber die Kleinen haben nichts bekommen.»

Für welche Summe ich denn Aktien kaufen wolle, war im Gespräch nicht mehr ein Thema. Nur: Wenn ich vorhätte, ein Depot zu eröffnen, könnte ich das zwar tun, aber sie weise mich gleich darauf hin, dass es erst bei 50'000 Franken losgehen würde. Ich fühlte mich wie im Casino: Ohne Krawatte kommt niemand rein. Ab einer Million, sagt die CS-Frau, gebe es dann auch den Private Banker und die Beratung dazu.

Ich erinnerte sie an meine Absichten. Sie mich an ihre: «Ich melde mich bei Ihnen.» Wir verabschiedeten uns in aller Form. Auf dem Weg zur Lagebesprechung mit meinen Geldgebern wusste ich nicht mehr, was mich mehr störte: In den Augen der Banken vom Kunden zum Nichts zu mutieren oder von der angeblichen Du-und-du-Philosophie eines Internetdienstleisters nicht einmal ignoriert zu werden. Ob wohl einer der elf Zuckerbergs in T-Shirt und Turnschuhen eine Facebook-Aktie bekommen hätte? Kaum. Nicht einmal zu seinem Geburtstag.

*Namen von der Redaktion geändert

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