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Wie Raj Rajaratnam Millionen ertrog

Er hat den bislang grössten Insiderskandal der Wallstreet ausgelöst. Wie der Hedgefondsmanager Rajaratnam sein Netz spannte – und schliesslich von einem Schulfreund belastet wurde.

Angeklagt hatte Rajaratnam der Bundesanwalt Preet Bharara – wie viele der Beschuldigten hat er Wurzeln in Indien.
Angeklagt hatte Rajaratnam der Bundesanwalt Preet Bharara – wie viele der Beschuldigten hat er Wurzeln in Indien.
Reuters
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Am 24. Oktober 2008 greift Raj Rajaratnam zum Telefon. «Ich habe gestern von jemandem im Verwaltungsrat von Goldman Sachs gehört, dass sie 2 Dollar pro Aktie verlieren werden», sagt er in den Hörer. «An der Street geht man von einem Gewinn von 2,50 Dollar aus.» Rajaratnam legt auf. Bald werden die Quartalsergebnisse von Goldman Sachs erwartet. Als Goldman Sachs im Dezember einen Quartalsverlust von über 2 Milliarden Dollar bekannt gibt, hat Rajaratnam seine Aktien längst verkauft.

Es sind Telefongespräche wie dieses, die Rajaratnam in der Nacht auf heute den Kopf gekostet haben. 45 mitgeschnittene Gespräche hörte sich ein Geschworenengericht in New York in den letzten 12 Tagen an, bis es am Mittwoch um 16 Uhr Schweizer Zeit sein Urteil fällte: schuldig des Insiderhandels in neun Fällen und der Anstiftung zum Insiderhandel in fünf Fällen. Das Netz, das Rajaratnam über Jahre sorgsam aufgebaut hat – und mit dem er laut Anklage rund 63 Millionen Dollar verdient hat –, ist gerissen. Rajaratnam ist gefallen.

Die Schulfreunde lieferten die Informationen

Mit ihm fällt eine ganze Reihe illustrer Figuren. Nach Aussagen der Ermittler versorgten Rajaratnams Schulfreunde Rajat Gupta (Goldman Sachs), Rajiv Goel (Intel) und Anil Kumar (McKinsey) ihn regelmässig mit vertraulichen Informationen. Für Neuigkeiten aus weiteren Kreisen sorgten die Händler Roomy Khan, die sich bei Google und Hilton Hotels auskannte, Danielle Chiesi, die Kontakte zu IBM und Sun Microsystems hatte, sowie Zvi Goffer, der angeblich frühzeitig von Blackstones Übernahme der Hilton Hotels erfuhr. Was Rajaratnam nicht selber erfuhr, fanden seine Mitarbeiter Adam Smith, Michael Cardillo und Gary Rosenbach heraus. Mit Ausnahme von Rajat Gupta und Gary Rosenbach mussten oder müssen sich sämtliche Informanten ebenfalls vor Gericht verantworten: 26 Personen sind angeklagt.

Seine Konspiranten bezahlte Rajaratnam in gleicher Währung zurück. So zeigt eines der aufgenommenen Gespräche, wie Kumar von Rajaratnam profitierte: «Sie haben soeben Hände geschüttelt», sagte Rajaratnam gemäss Gerichtsprotokoll in der «Financial Times» zu Kumar. «Du kannst jetzt einfach kaufen.» Die Information bezog sich auf eine Übernahme, die den Kurs von Advanced Micro Devices AMD wenige Tage später in die Höhe treiben sollte.

«An der Spitze einer ganzen Nahrungskette aus Informationen»

Zur Händlerin Chiesi sagte Rajaratnam etwa: «Es wäre gut für uns zu kaufen, bevor sie ihre Quartalszahlen bekannt geben» – kurz bevor AMD gute Zahlen präsentierte. Eine andere Aufnahme gibt folgende Sätze der Händlerin wieder. «Ich habe gerade einen Anruf von meinem Jungen erhalten», sagte Chiesi im Juli 2008 zu Rajaratnam. «Ich habe mit ihm gespielt wie auf einem gut gestimmten Klavier. (...) Weisst du, Schätzchen, ich könnte das Ganze gut ohne dich durchziehen. Aber das würde ich nie tun, weil wir alles teilen.» Rajaratnam, so beschreibt es das «Wall Street Journal», stand «an der Spitze einer ganzen Nahrungskette aus Informationen».

Es war schliesslich ausgerechnet sein Schulfreund Kumar, der als Hauptzeuge gegen Rajaratnam auftrat. Der McKinsey-Partner hatte mit Rajaratnam an der Pennsylvania Wharton Business School studiert. Als Ermittler auf den Spuren Rajaratnams auch ihn verhafteten, packte Kumar aus. Er erzählte den Geschworenen gemäss «Financial Times», wie sein Schulfreund ihn an einer Party in New York zur Seite nahm und ihm anbot, ihn für verlässliche Informationen über Unternehmen zu bezahlen. Wie die beiden Freunde gemeinsam an Bord einer Jacht gesessen seien, als Rajaratnam über sein Handy erfuhr, dass ihm das FBI auf der Spur war. Wenige Tage später wurden beide festgenommen. Bis heute ist nicht öffentlich bekannt, wer Rajaratnam verraten hatte – klar ist nur, dass ein Informant namens David Slaine zeitweise von den Behörden verkabelt worden war.

Den Durchbruch aber, so sind sich sämtliche Wirtschaftsmagazine heute einig, brachte das Abhören der Telefongespräche, das den Ermittlern Anfang 2008 von einem Richter erlaubt wurde. Es ist das erste Mal, dass diese Methode in einem Fall von Insiderhandel eingesetzt worden ist – ein Durchbruch. «Dieses Urteil ist wichtig, und es ist willkommen», schreibt etwa die «Financial Times» in einem Kommentar zum Prozess. «Es ist deshalb willkommen, weil es nun vorbei sein dürfte mit der Vorstellung, dass Gerichte keine Chance haben, wenn es um komplexen Betrug geht.»

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