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Wie sich Firmen von Science-Fiction inspirieren lassen

Unternehmen wie Nike, Boeing und Google arbeiten mit Science-Fiction-Autoren zusammen, um Zukunftsszenarien zu erstellen.

Inspirierte die Touchscreens von heute: Szene aus dem Film «Minority Report».
Inspirierte die Touchscreens von heute: Szene aus dem Film «Minority Report».
Youtube/Screenshot

Fliegende Autos, Gesichtserkennung, E-Books: Unternehmen lassen sich bei der Produktentwicklung und der Prognose von zukünftigen Trends auch von Science-Fiction-Filmen und -Geschichten inspirieren. Einige heuern sogar Science-Fiction-Autoren an, um eigene Szenarien zu erstellen.

Aus diesem Prozess, auch «Design Fiction» genannt, ist nun eine eigene Industrie entstanden: Eine Reihe von Science-Fiction-Beratungen erstellt für den Kunden Prototypen einer möglichen Zukunft, inklusive der Charaktere, die in dieser spekulativen Welt leben würden, und Risiken, die dort lauern würden.

Fussgänger erobern die Strasse zurück

Eine dieser Firmen leitet Alex McDowell. Er war zuvor Szenenbildner und arbeitete mit digitalem Design an Filmen wie «Fight Club», «Charlie und die Schokoladenfabrik» und «Minority Report». Heute baut er in Los Angeles mit seiner Firma Experimental.Design Welten für Unternehmen auf.

Für den Autobauer Ford etwa baute er laut dem US-Portal «Medium» die «Stadt von morgen», in der smarte Autos und autonome Carsharing-Systeme den Fussgängern ausweichen. Diese Fantasiestadt basiert auf der Idee, dass Menschen die Strassen zurückerobern, Stau und Unfälle der Vergangenheit angehören.

Welt für Nike erstellt

Für Nike erstellte McDowells Firma ein Szenario, in dem Nutzer auf einer Website dem Fussballer Mateo durch eine Welt folgen können, die vom Klimawandel getroffen wird und in der die Gesundheit der Menschen permanent durch Technologien überwacht und ausgewertet wird. Zudem hat McDowell für Boeing und General Motors gearbeitet.

Das sogenannte Worldbuilding unterscheidet sich derweil entscheidend von der Arbeit von Zukunftsforschern. «Wir arbeiten nicht mit Vorhersagen oder Trends», sagt McDowell zu «Medium». In der ersten Phase des Prozesses werden verschiedene Interessenvertreter zusammengebracht und über die Zukunft befragt. Daten werden gesammelt und in eine Software eingespiesen. Daraus wird dann die Geschichte verfasst. Diese Phase dauert mindestens drei Monate und kostet pro Monat 100'000 Dollar. «Wir sagen den Kunden nie ein Ergebnis voraus, und wir ermutigen sie, offen dafür zu bleiben, dass etwas völlig Unerwartetes dabei herauskommt», so McDowell.

Terroristen schmuggeln Bombe in Stadt

Eine weitere US-Firma, SciFuture, bietet ihren Kunden massgeschneiderte Science-Fiction-Stories und -Szenarien. Diese werden von den rund 200 Autoren erstellt, auf welche die Firma zurückgreift. Für den Preis von 50'000 Dollar schreiben je rund 30 Autoren Geschichten für den Kunden. Am Ende werden ein paar wenige Stories rausgesiebt und weiterentwickelt. Kunden waren unter anderem der Schokoladenhersteller Hershey's oder Visa.

In Science-Fiction-Welten können auch Dystopien gebaut werden, also negative Welten. Solche haben etwa der US-Professor Brian David Johnson in Zusammenarbeit mit dem US-Army Cyber Institute, der Citibank, der IT-Firma Cisco und dem New Yorker Polizeidepartement entwickelt. Johnson, der zuletzt als Chef-Futurist bei Intel angestellt war, gilt als Gründer der Methode dieses sogenannten Science-Fiction Prototyping.

In diesem düsteren Szenario «Zwei Tage nach Dienstag» werden Häfen und die digitale Infrastruktur New Yorks von Terroristen gehackt. Diese nutzen die entstandene Verwirrung, um eine Bombe in die Stadt zu schmuggeln. Sie explodiert, es gibt Tote, die Märkte brechen zusammen, Chaos herrscht. Am Ende, so die Schlussfolgerung des Szenarios, arbeiteten Unternehmen wie Cisco daran, die Welt von morgen zu retten.

Das US-Militär, welches an dem Dienstags-Szenario beteiligt war, ist laut «Medium» eine der grössten Organisationen, die Geld für Science-Fiction-Prototypen ausgeben. «Die Armee nutzt Sci-Fi-Prototyping als Mittel, um Kadetten und Führungskräfte dazu zu bringen, über Cybersicherheitsbedrohungen nachzudenken», sagte Johnson dem Portal.

iPhone von «Minority Report» inspiriert

Prägend war für Unternehmen in der Vergangenheit vor allem eine Geschichte: «Minority Report». Der Film von Steven Spielberg basiert auf einer Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, einem der bedeutendsten Schreiber dieses Genres. Auf seinen Texten basieren unter anderem auch die Filme «Blade Runner» oder «Total Recall».

Seitdem «Minority Report» herausgekommen ist, sind Dutzende Patente für Konzepte, die im Film gezeigt werden, angemeldet worden. Vor allem das im Film dargestellte sogenannte Gestik-basierte System hatte einen grossen Einfluss auf die Entwicklung verschiedener Produkte. Im Film wischt Tom Cruise über Screens, wie man es heute beim iPhone tut, und verschiebt Objekte auf den Bildschirmen, wie es heute auf dem Macbook möglich ist. Diese Funktionsweise ist damit gemeint:

Apples Chefdesigner für das erste iPhone sagte gegenüber dem Portal «Medium», dass seine Arbeit davon inspiriert gewesen sei.

Klapp-Handys bei «Star Trek»

Auch der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt verwies bereits 2012 darauf, dass Science-Fiction bereits Wirklichkeit werde. «Denkt man an ‹Star Trek› oder meinen Favoriten, ‹Per Anhalter durch die Galaxis›: Viel davon, was die Autoren sich damals vorstellten, ist heute möglich», sagte Schmidt und verwies auf Funktionen wie Stimmerkennung, automatische Übersetzung oder elektronische Bücher.

Captain Kirk mit Klapp-Telefon in «Star Trek»:

In der Serie «Star Trek» wurden bereits in den 1960er-Jahren Klapp-Handys, künstliche Intelligenz, iPad-ähnliche Tablets und Smartwatches gezeigt – Jahrzehnte bevor diese in die Läden kamen. Das erste Klapp-Handy der Welt wurde 1996 von Motorola unter dem Namen StarTAC lanciert.

Unternehmen wie Google und Microsoft sollen Smithsonian.com zufolge Science-Fiction-Autoren für Vorträge eingeladen haben. Danach sollen diese sich mit den Entwicklern und Forschungsabteilungen getroffen haben.

Sci-Fi wird zu Sci-Fact

«Die Lücke zwischen Sci-Fi, was man sich einmal vorstellte, und Sci-Fact, was heute Realität ist, wird immer kleiner», sagte Josh Wolfe, der in Firmen investiert, die explizit eine Sci-Fi-Zukunft anstreben, dem US-Magazin «Fortune». Die Unternehmensberater von PricewaterhouseCoopers gaben 2017 einen Bericht zum Thema heraus, in dem stand: «Mit ähnlichen narrativen Fiktionen (wie in Science-Fiction) können Organisationen eigene Ideen für ihre Innovationen entwickeln. Fiktive Welten ermöglichen es, neue Produkte und deren Verwendung zu erforschen, ohne die monetären oder technologischen Zwänge, welche die Kreativität behindern.»

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