Wie sich Schweizer Firmen auf einen «harten» Brexit vorbereiten

Lager füllen, Lieferketten sichern: Hiesige Exportfirmen rechnen mit gravierenden Folgen, falls die Verhandlungen Brüssels mit London scheitern.

Der britische Schokoladehersteller Cadbury hat damit begonnen, Vorräte für Zutaten seiner Produkte anzulegen.

Der britische Schokoladehersteller Cadbury hat damit begonnen, Vorräte für Zutaten seiner Produkte anzulegen. Bild: Keystone

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In Grossbritannien geht die Sorge um vor einem «harten» Brexit, also dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union im Jahr 2019 ohne Handelsabkommen. Profi-Fussballer der Premier League haben damit begonnen, ihre Einkommen ins Ausland zu verschieben. Damit wollen sie ihr Geld vor einer Abwertung des Pfunds durch den Brexit zu schützen.

Wie die «Financial Times» berichtet, überweisen ausländische Spieler, die nach Grossbritannien gezogen sind, ihre Löhne ins Heimatland oder kaufen Vermögenswerte im Ausland. Dieses sogenannte Hedging sichert das Geld gegen jeden weiteren Wertverlust des Pfunds. Der Kurs der britischen Währung stürzte unmittelbar nach der Brexit-Abstimmung im Jahr 2016 ab und hat sich seitdem nicht mehr erholt. Das Pfund notiert 14 Prozent niedriger als vor der Volksbefragung.

Importgüter im Wert von 40 Milliarden Pfund

Britische Unternehmen wie Cadbury treffen ebenfalls Vorbereitungen für den Fall der Fälle. Die «Times of London» schreibt, dass der Schokoladenhersteller Vorräte für Zutaten seiner Produkte anlegt. Dazu gehören nicht nur Konfekt und Backzutaten, sondern auch Biskuits.

«Das Vereinigte Königreich ist in Bezug auf Lebensmittelzutaten wirtschaftlich nicht vom Ausland unabhängig, sodass dies eine Herausforderung werden könnte», sagte Hubert Weber, Europachef des Cadbury-Mutterkonzerns Mondelez. Bislang importiert Grossbritannien rund die Hälfte seiner Lebensmittel aus dem Ausland. Toblerone gehört ebenfalls zu Mondelez.

Die britische Denkfabrik Centre for Economics and Business Research rechnet damit, dass die einheimische Wirtschaft mit Blick auf einen «harten» Brexit Importgüter im Wert von 40 Milliarden Pfund als Vorrat lagern wird. Die Ratingagentur Moody's befürchtet bei einem No-Deal-Brexit, dass das Land «sehr schnell» in eine Rezession verfällt.

Autoneum befürchtet mehr Bürokratie

Ein mögliches Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU ohne Zugang zum Gemeinschaftsmarkt haben auch Schweizer Firmen auf dem Radar, die auf der Insel produzieren. Der Winterthurer Automobilzulieferer Autoneum rechnet in erster Linie mit deutlich höherem administrativem Aufwand beim Import und Export von Waren. Entsprechend bereitet sich das Unternehmen darauf vor. «Dieser höhere Aufwand ist mit Kosten für Autoneum und seine Kunden verbunden», sagte Firmensprecherin Anahid Rickmann auf Anfrage.

Im Vereinigten Königreich produziert Autoneum überwiegend für lokale Fabriken britischer und japanischer Automobilhersteller. Das Unternehmen exportiere nur in geringem Umfang Materialien und Komponenten von Produktionsstandorten in EU-Ländern nach Grossbritannien, hält Rickmann dazu fest. Autoneum stellt Lärm- und Hitzedämmungen her.

Der Kakaoverarbeiter Barry Callebaut mit Sitz in Zürich verfolge die Brexit-Verhandlungen «aufmerksam», sagte Firmensprecher Frank Keidel: «Als Unternehmen, das in Ländern auf der ganzen Welt tätig ist, erarbeiten wir jeweils solide Pläne zur Fortführung des Geschäftsbetriebs unter widrigen Umständen.» So stelle Barry Callebaut sicher, dass es die Produktion für die Kunden auch unter sich rasch verändernden Bedingungen fortsetzen könne. Das Unternehmen betreibt im englischen Banbury eine Produktionsstätte.

Der Basler Agrochemiekonzern Syngenta wird bis zum EU-Sondergipfel zum Brexit im November keine Entscheidungen über Änderungen an Lagerbeständen oder Produktion treffen.

Erst ab diesem Zeitpunkt würden alle Optionen geprüft, um eine Kontinuität der Lieferung von Produkten an die Kunden zu gewährleisten, so Firmensprecherin Carolin Strunz: «Wir beobachten die Diskussionen über Brexit aufmerksam und fordern ein Ergebnis, das eine beständige Produktion und Lieferung von Waren ermöglicht.» Syngenta ist mit sechs Standorten in Grossbritannien vertreten.

Pharmakonzerne stocken auf

Die Basler Pharmakonzerne Novartis und Roche planen eine Aufstockung ihrer Medikamentenlager, wie sie gegenüber der Nachrichtenagentur AWP bestätigten. Novartis hat vor, im Vorfeld von Ende März 2019 erhöhte Lagerbestände über das ganze Portfolio der Medikamente von Novartis und Sandoz zu halten.

Roche will sämtliche Risiken für die Lieferketten vermeiden und sicherstellen, dass Patienten in Grossbritannien wie in Festland-Europa weiterhin Zugang zu Medikamenten haben.

Unmittelbar nach dem Brexit-Entscheid im Juni 2016 bekamen Schweizer Marken die Folgen des Referendums bereits zu spüren. So büsste die in Grossbritannien verkaufte Toblerone an Statur ein. Die Riegel der in Bern entwickelten legendären Schokolade verloren in der Standardausführung drei von zwölf Zacken. Zudem lagen die ans Matterhorn erinnernden süssen Berggipfel neu deutlich weiter auseinander.

Grossbritannien ist sechstwichtigster Abnehmer

Britische Toblerone-Fans reagierten empört. In sozialen Netzwerken sorgte die neue Form für viele wütende Kommentare. Statt den Riegel zu verkleinern, sei das Markenprodukt verunstaltet worden. Konsumentenschützer sprachen von einer versteckten Preiserhöhung.

Hersteller Mondelez begründete die Massnahme damit, dass die Preise für die Zutaten spürbar gestiegen seien. Um nicht die Verkaufspreise an­heben zu müssen, reduzierte Mondelez die Schokoladenmenge. Der Zorn der Geniesser scheint gewirkt zu haben: Im Juli teilte das Unternehmen mit, die ursprüngliche Version der Toblerone wieder einführen zu wollen.

Aus Sicht der exportorientierten Schweizer Wirtschaft ist Grossbritannien der sechstwichtigste Abnehmer. Im Jahr 2017 erreichten die Ausfuhren von «Swiss made»-Produkten auf die Insel einen Wert von 16,6 Milliarden Franken, wobei Edelsteine und Medikamente der Exportschlager sind.

Erstellt: 17.09.2018, 14:45 Uhr

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