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Wie Tiktok die Nutzer überwacht

Tiktok ist die Trend-App bei Jugendlichen. Nun werden Diskussionen entfacht über Meinungsfreiheit und Datenschutz.

Die Stadtpolizei Winterthur nutzt Tiktok versuchsweise selbst, um Teenagern Präventionstipps zu geben. Rahel Egli ist das Gesicht dieser Kampagne. Foto: Reto Oeschger
Die Stadtpolizei Winterthur nutzt Tiktok versuchsweise selbst, um Teenagern Präventionstipps zu geben. Rahel Egli ist das Gesicht dieser Kampagne. Foto: Reto Oeschger

Scherze, Tanzschritte, lustige Filmchen: Die Videoplattform Tiktok ist vor allem bei Jugendlichen derzeit der Hit. Weltweit sind einem internen Dokument zufolge rund 800 Millionen Nutzer registriert. Und Tiktok ist das erste soziale Netzwerk seit langem, das Facebook (weltweit 1,9 Milliarden aktive Nutzer) und Instagram (eine Milliarde) ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Aber zugleich ist eine öffentliche Debatte über den Dienst entbrannt. Denn Tiktok gehört der chinesischen Firma Bytedance, in Sachen Meinungsfreiheit setzt sie Nutzern offenbar Grenzen.

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Video: So funktioniert Tiktok

Der Schweizer Tiktoker Brian Havarie erklärt, wie man die App einsetzt. Video: Tamedia

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Zunächst hatte die Plattform das millionenfach aufgerufene Video einer Nutzerin zwischenzeitlich gelöscht, die die Verfolgung muslimischer Uiguren in China anprangerte – wegen einer Verletzung der Richtlinien. Anschliessend entschuldigte sich Tiktok für den Schritt und teilte mit, der Clip sei aufgrund eines «menschlichen Fehlers» vorübergehend entfernt worden und schnell wieder verfügbar gewesen.

Anfang der Woche legte das Portal Netzpolitik.org offen, dass Tiktok in der Vergangenheit laut internen Dokumenten Videos von Nutzerinnen und Nutzern mit Behinderung sowie dicken oder queeren Menschen versteckt, also in ihrer Reichweite beschränkt haben soll.

In den Moderationsregeln der Plattform wird das demnach als Schutzmassnahme deklariert: Man müsse annehmen, dass es sich um Leute handle, bei denen man «auf Basis ihrer physischen oder mentalen Verfassung» davon ausgehen müsse, dass sie zum Ziel von Mobbing würden. Überdies prüft die US-Regierung derzeit, wie stark der Einfluss der chinesischen Regierung auf die Nutzerdaten ist.

Wie vertrauenswürdig ist Tiktok also?

Um der Frage nachzugehen, hat diese Zeitung den Datenverkehr von Tiktoks App und Website mitgeschnitten und ausgewertet. Die App verlangt zwar keine Anmeldung. Anonym ist man dort dennoch nicht unterwegs: Auf fast jedem Smartphone gibt es Identifikationsnummern, die von den Apps ausgelesen werden. Meist sind es die Werbe-IDs von Google oder Apple. So wird der unangemeldete Nutzer zu einer Nummer, Tiktok enthält zudem die Software anderer Unternehmen, die auf die Analyse von Nutzerverhalten im Netz spezialisiert sind: Facebook und Appsflyer.

Diese Firmen erhalten beständig Daten von der App: etwa Start und Ende der Nutzung, jedes angeschaute Video, die abonnierten Kanäle. Sogar in Tiktok eingegebene Suchbegriffe landen mit der Werbe-ID bei Facebook und können einem Facebook-Nutzer zugeordnet werden. Aus diesen zentral angereicherten Daten aller genutzten Apps kann man über die Zeit statistische Vorhersagen erstellen: Wohlstand, Lieblingsschuhmarke, politische Gesinnung.

Wo aber landen die Daten?

Appsflyer nennt mehr als 4500 mögliche Partnerfirmen, mit denen Daten für Kampagnen geteilt werden können. Das ist fragwürdig – aber verbreitet. Viele Plattformen, Onlineshops und Netzwerke, die mit Werbung Geld verdienen, verfahren so. Im Fall von Tiktok aber ist da noch die Sache mit China. Wie netzpolitik.org berichtet, kann Tiktok sein Moderationssystem auch nutzen, um Inhalte zu unterdrücken und zu lenken. Laut Bericht werden so auch Videos von Protesten und Demos gedrosselt.

Ist Tiktoks Umgang mit den Daten seiner meist jungen Nutzer rechtmässig? Der deutsche Jurist und Fachmann für Datenschutzrecht Malte Engeler bezweifelt das: Zum einen fehle bisher die nötige Transparenz, um zu erkennen, an wen die Daten nach der Weitergabe an Appsflyer gehen. Bytedance sagt dazu, dass die Datenweitergabe in den Datenschutzbestimmungen erläutert sei, aber über vertragliche Details keine Auskunft gegeben werden könne.

Noch schwerer wiegt für den Juristen Engeler aber die Übertragung der Nutzerdaten ins Ausland. Der Standort der Server, auf denen die Daten lagern (Japan und USA) sei zweitrangig, sagt er: Entscheidend sei, wo der Sitz der Firma ist, die tatsächlich über die Daten bestimmt. Appsflyer sitzt nahe Tel Aviv, Bytedance in Peking: «In China muss man mit dem unbeschränkten und anlasslosen Zugriff der Behörden auf die Daten rechnen. Damit ist der Wesensgehalt des Grundrechts auf Achtung des Privatlebens verletzt.»

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Video: Stadpolizei hat neues Social-Media-Konzept

Über 70’000 Personen schauen zu, wenn die Winterthurer Stadtpolizistin Rahel Egli auf der Social-Media-Plattform Tiktok Kurzfilme veröffentlicht. Video: Tamedia

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Tiktok wird vor allem als App genutzt, doch wenn die Videos über Messenger oder soziale Netzwerke geteilt werden, verbirgt sich hinter den geteilten Kurzadressen die Nutzer-ID. Dadurch weiss Tiktok immer, wer ursprünglich ein Video verbreitet hat. Und auch Nutzer, die das geteilte Video dann anschauen, werden verfolgt: mit einem «Fingerprinting-Skript».

Damit liest Tiktok zahlreiche Daten aus Browser und Hardware des Besuchers aus, wie installierte Schriftarten oder Besonderheiten der Grafik- und Audioausgabe. In Kombination sind die Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit einzigartig. Selbst wenn der Besucher in seinem Browser die Cookies löscht, jene kleine Dateien, die Websites auf seinem Computer hinterlegen, kann die Website ihn beim nächsten Besuch am Fingerprint wiedererkennen.

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Video: Auch Ueli Maurer tanzt auf Tiktok

Der Bundespräsident besuchte auf seiner China-Reise das soziale Trendportal Tiktok und zeigt, was er kann. Video: Tamedia

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Die Analyse der Datenströme zeigt, dass Tiktok in seiner Logik kein Überwachungsnetzwerk aus dem kommunistischen Politbüro ist, sondern einem sehr westlichen, kapitalistischen Konzept folgt. Kritiker nennen das Geschäftsmodell «People Farming»: Leute werden mit psychologischen Tricks möglichst lang auf einer Plattform gehalten und schauen Inhalte, die sie im Idealfall selbst erstellt haben. Dann wird ihnen Werbung angezeigt, die anfallenden Daten über sie werden weitervermarktet. Dazu passt, dass Tiktok eine eigene Vermarktungsplattform gegründet hat.

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