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Wie viel kostet dein Sitz?

Ein Passagier von United Airlines wurde rabiat aus dem Flugzeug geschleift. Dabei gäbe es durchaus bessere Methoden.

Ein wenig wie das Vieh auf dem Weg zum Schlachter: Passagiere in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)
Ein wenig wie das Vieh auf dem Weg zum Schlachter: Passagiere in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Szene, millionenfach weltweit auf allen Bildschirmen zu sehen, ist herzzerreissend. Ein Mann, der sich in Chicago eben noch auf seinem Sitzplatz in einer Maschine von United Airlines zum Abflug bereit gemacht hatte, wird gepackt und an den Armen durch den Gang geschleift. Er schreit, man sieht sein verstörtes Gesicht. Eine Frau ruft erschrocken: «O mein Gott, o mein Gott.» Der verhinderte Passagier muss mit Blessuren in Chicago ausharren.

Die Versuche des United-CEO, den Fall wegzudeuteln, indem er den Passagier als renitent hinstellt, machen das PR-Desaster für die Fluggesellschaft komplett. Die sozialen Medien haben lieber Schuldige in Sack und Asche als sachliche Erklärung. Und die übrige Welt kann sich der Dynamik nicht entziehen. Der Aktienkurs von United stürzt ab.

Erstaunlich friedliche Pechvögel

Weil er die Maschine nicht verlassen wollte, wurde der Arzt mit Gewalt aus dem Flugzeug gezerrt. (Video: Tamedia, Twitter)

Der Fall scheint klar zu sein: Das Fliegen im Linienflugzeug, einst ein Vergnügen, ist zum freudlosen Transport verkommen. Das Gefühl, mehr Vieh auf dem Weg zum Schlachthof zu sein als ein geschätzter Fluggast, beginnt schon im Flughafen, wenn der Scanner piepst und wir uns von oben bis unten abtasten lassen müssen.

Die Praxis der Airlines, ihre Flüge konsequent zu überbuchen, sodass regelmässig Passagiere am Startort zurückbleiben, komplettiert den Eindruck, dass man heute als zahlendes Stückgut in der Fliegerei bestenfalls geduldet ist. Ausser man reist als Globalisierungsgewinnler im Privatflugzeug. Der eiskalte Markt, so der Eindruck, hat beim Fliegen die Romantik durch rabiate Effizienz ersetzt. So gesehen, ist der United-Passagier von Chicago der bedauernswerte Held, der sich das nicht mehr bieten lassen wollte, auf seinem Sitzplatz beharrte und dafür von der übermächtigen Fluggesellschaft brutal abgestraft wurde. Der populistische Reflex auf den Vorfall wäre nun, das Überbuchen zu verbieten.

United Airlines ist eine Wiederholungstäterin. Video: Tamedia

Aber: Mehr Passagiere einen Flug buchen zu lassen, als das Flugzeug Plätze hat, ist weltweit eine legale, gängige und vor allem sinnvolle Praxis. Auf Linienflügen taucht, statistisch gesehen, jeder Zehnte, der gebucht hat, nicht am Gate auf. Statt mit leeren Sitzen zu fliegen, ist es ökonomisch, ökologisch und auch aus Kundensicht sinnvoller, durch Überbuchung den Jet dennoch zu füllen. Weil die Statistik aber nicht in jedem einzelnen Flug zutrifft, kommt es vor, dass Passagiere mit bezahltem Ticket am Gate zurückbleiben. In den USA war das letztes Jahr bei 41'000 Fluggästen der Fall. Das passiert auch bei der Swiss, die aber nicht sagt, wie oft.

Die Entschuldigung des United-Airlines-Chefs. Quelle: Twitter

Zwar ist es laut einer Sprecherin noch nie vorgekommen, dass Swiss-Passagiere gewaltsam am Flug gehindert werden mussten. Aber angesichts der Regeln, nach denen die Airlines diese Pechvögel aussuchen, verhalten sie sich erstaunlich friedlich: «Bei der Platzzuweisung auf einem überbuchten Flug haben unbegleitete Minderjährige und kranke oder invalide Fluggäste den Vorrang. Den übrigen Fluggästen weisen wir Plätze in der Reihenfolge ihres Eincheckens für den Flug zu.» Kein Wort steht in den Bestimmungen davon, wie dringlich jemand darauf angewiesen ist, diesen bestimmten Flug zu nehmen. Wie alt und wie behindert eine Person ist oder wann sie eingecheckt hat, sind jedenfalls als Kriterien ungeeignet.

Besser ist ein Vorschlag des Ökonomen Julian Simon: Man fragt die Passagiere, für welchen Betrag sie bereit sind, aufs Mitfliegen zu verzichten. Ein Vater, der zur Hochzeit der Tochter fliegen will, wird um keinen Preis zurückbleiben wollen. Aber eine Geschäftsfrau ohne Anhang, die nach dem Businesstrip noch einen entspannten Tag anhängen könnte, lässt sich das vielleicht gern mit ein paar Hundert Franken finanzieren. Eine solche Auktion, also mehr Markt, würde die Flugzeuge füllen und mehr zufriedene Fluggäste schaffen als jedes neue Gesetz.

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