Wie viel verdient ein Uber-Fahrer wirklich?

Berechnungen zeigen: Reich werden die Chauffeure mit dem Fahrdienstanbieter nicht. Auch, weil sie ihre Sozialabgaben selber zahlen.

Die Uber-Fahrer können via App bestellt werden. Das spart im Vergleich zu Taxis Administrativaufwand. Foto: Doris Fanconi

Die Uber-Fahrer können via App bestellt werden. Das spart im Vergleich zu Taxis Administrativaufwand. Foto: Doris Fanconi

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Der Entscheid der Suva dürfte Uber noch lang ärgern. In einem Schreiben, das die SRF-Sendung «Rundschau» publik machte, stuft die Unfallversicherung einen Fahrer des Taxidienstes als nicht freischaffend ein. Uber selbst bezeichnet die Fahrer als selbstständig, weshalb sie selber für ihre Unfall- und Sozialversicherungskosten aufkommen müssen. Wären sie bei Uber angestellt, müsste die Firma diese Abgaben leisten.

Bei den 1000 Fahrern, die allein in Zürich für Uber unterwegs sind, könnten schnell Sozialabgaben im «fünf- bis sechsstelligen Bereich» zusammenkommen, sagt Anwalt und Arbeitsrechts­experte Martin Farner. Kein Wunder, beharrt Uber auf seiner Sicht der Dinge. «Unsere Partner sind Selbständigerwerbende, keine Angestellten», bekräftigt Uber-Schweiz-Chef Rasoul Jalali in einem Interview mit dem TA. «Sie verdienen genug, damit sie die Kosten­abdeckungen selbst machen können.» Gewerkschaften und Zürcher Taxiverbände wiederum wehren sich vehement gegen diese Darstellung. Sie bezeichnen das Uber-System als Ausbeutung.

Weniger als der Mindestlohn

Doch wie viel kann ein Uber-Fahrer überhaupt verdienen in einer Stunde? Bei der Version Uber X etwa fährt der Gast mit einem lizenzierten Chauffeur. Der Grundpreis pro Fahrt beträgt 3 Franken, hinzu kommen 30 Rappen pro gefahrene Minute und 1.80 Franken pro gefahrenen Kilometer. Werden die von ­Taxis bekannten Werte auf Uber-Chauffeure übertragen, kommt man zum Schluss, dass diese – sehr grosszügig gerechnet – in einer Stunde etwa vier Fahrten absolvieren können. Daraus resultiert ein Umsatz pro Stunde von 51 Franken. 25 Prozent liefern die Fahrer als Provision an Uber ab. Nach Abzug der Fahrtkosten resultiert ein Netto-Umsatz von 26 Franken. Von diesem müssen nochmals mindestens 15 Prozent abgezogen werden, weil die Fahrer die Sozial­abgaben eben selbst leisten. Übrig bleibt ein Verdienst von 22.30 Franken.

Etwas anders sieht es bei der Billig-Version Uber Pop aus. Mit dem tieferen Pop-Tarif resultiert ein Brutto-Verdienst von 21 Franken. Zum Vergleich: Die Mindestlohninitiative, die 2014 an die Urne kam, ging von einem Brutto-Lohn von 22 Franken aus.

Bei Uber-Pop-Fahrern handle es sich allerdings um Privatpersonen, die keinen wirtschaftlichen Erfolg erzielen dürften, betont Uber-Chef Rasoul Jalali. Genau deswegen seien die Tarife auch so tief. Roman Künzler von der Unia sagt hingegen, dass die meisten Fahrer für Uber Pop gewerbsmässig unterwegs seien. «Die Erfahrungen in Basel zeigen, dass etwa zwei Drittel aller verkehrenden Uber-Autos zum Pop-Tarif fahren.» Teilweise fahren die Chauffeure laut Künzler «ganze Nächte durch».

Uber-Chef Jalali wiederum sagt, dass die berechneten Zahlen falsch seien. Denn die Basis dieser Zahlen entspreche nicht der Realität der Partner. «Bei normalen Taxifahrten zahlt der Kunde auch für Stillstandzeiten und den ineffizienten Matching-Prozess – also den Anruf vom Kunden, den Funkspruch und die Koordination. Unsere Technologie ist da viel schneller, deswegen können wir den Chauffeuren mehr Fahrten pro Stunde vermitteln», sagt Jalali. Hinzu komme die zusätzliche Nachfrage, die Uber durch die tieferen Preise und die App aktiviere. Zudem müsse der Multiplikator-Effekt in die Berechnungen einfliessen. Dieser tritt bei Uber X in Kraft, sobald die Nachfrage das Angebot übersteigt. In solchen Spitzenzeiten können die Tarife höher sein.

Steigende Preise

Tatsächlich sieht die Lohnbilanz ­besser aus, wenn der Uber-Preis beispielsweise um das 1,3-Fache erhöht wird. Der X-Fahrer streicht dann 31.70 Franken ein. Beim Grossteil der Chauffeure handelt es sich laut Jalali ohnehin um normale Taxifahrer, die in ihren Stillstandzeiten auf Uber X Geld dazuverdienen. Dem widerspricht wiederum Unia-Mann Roman Künzler: «Unseres Wissens hat nur eine Minderheit der Uber-Chauffeure eine Zulassung.»

So oder so würden die Uber-Preise wohl steigen, wenn der Konzern für die Sozialabgaben der Fahrer aufkommen müsste. Ob es tatsächlich so weit kommt, ist allerdings noch nicht klar. Denn der Entscheid der Suva ist nicht automatisch auf alle Uber-Fahrer anwendbar, da die Behörde jeden Fall individuell beurteilt. Rechtsanwalt Martin Farner hält es jedoch für «sehr wahrscheinlich», dass Uber die Abgaben schliesslich bezahlen muss. Denn aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht seien einige Kriterien nicht erfüllt, welche Uber-Fahrer zu Selbstständigen machen würden. So tätigen sie etwa keine erheblichen eigenen Investitionen oder können die Preise nicht selber festlegen.

Uber-Chef Jalali hat bereits angekündigt, das Gericht einzuschalten, sollte seine Plattform als Arbeitgeberin klassifiziert werden. Derzeit deutet alles darauf hin, dass am Schluss tatsächlich die Richter über den Fall Uber entscheiden.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wird der Multiplikator-Effekt auch für Uber Pop berechnet. Bei diesem Dienst existiert er aber nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2016, 23:35 Uhr

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