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«Wir haben so viele Fehler gemacht»

Jake Burton hat das Snowboarden gross gemacht. Er will die Firma noch lange führen, auch wenn es bereits einen Plan für die Zeit nach seiner Ära gibt.

Jake Burton im Jahr 1981 im kalifornischen Wrightwood am Boarden. Foto: Burton Snowboards
Jake Burton im Jahr 1981 im kalifornischen Wrightwood am Boarden. Foto: Burton Snowboards

Vor zwei Jahren erkrankten Sie am Miller-Fisher-Syndrom, einer Autoimmunkrankheit. Sie wurden künstlich beatmet und konnten zeitweise nur die Hände bewegen. Wie geht es Ihnen heute? Es geht mir sehr gut. Aber ich habe immer noch einen weiten Weg vor mir. Wenn man so lange an einem Beatmungsgerät hängt, werden die Lungen träge. Ich war gerade mit meinen drei Söhnen am Burning-Man-Festival in Nevada, der Jüngste wurde 21. Es war ein unglaublicher Trip. Aber nicht sehr gesund, in der Wüste, von Rauchern umgeben.

Haben Sie sich durch die Krankheit verändert? Sie hat mich gelehrt, jede Minute des Lebens zu schätzen. Ich habe gegenüber meinen Kindern von Selbstmord gesprochen, so schlecht ging es mir. An diesem Punkt zu sein und wieder zurückzukommen, ist so ein Glück.

Sie erkrankten, kurz nachdem Sie den Krebs besiegt hatten. Fragten Sie sich, warum es schon wieder Sie trifft? Ich habe mich eher gefragt: Warum bin ich es, der nicht sterben muss? (lacht) Meine Frau Donna sagt, ich habe neun Leben. Es ist interessant: Nie – auch nicht, als ich als Kind meinen Bruder in Vietnam verlor oder kurze Zeit später meine Mutter – fragte ich mich, warum das nicht jemand anderem passiert ist. Vielleicht denke ich über mich selbst einfach nicht im Vergleich zu anderen Menschen nach.

Was hat Ihnen geholfen, die Krankheit zu überstehen? Das waren sicher meine Familie, meine Frau. Sie ist zur Krankenschwester geworden. Sie hat gelernt, mich zu pflegen, weil ich unbedingt nach Hause wollte. Ich denke auch, dass irgendwo in mir drin ein Lebenswille ist, den ich nicht einmal benennen kann, im Unbewussten. Meine Familie kann ich aber benennen, sie ist real, und sie war unglaublich.

Können sie schon wieder snowboarden? Ja. Ich will jedes Jahr mindestens 100 Tage auf dem Snowboard stehen, das habe ich auch letztes Jahr geschafft. Nicht immer den ganzen Tag, doch wo ich lebe, in Vermont, kann ich zwei oder drei Fahrten machen und dann zur Arbeit gehen. Die 100 Tage machen mich glücklich, aber sie sind auch ein Ziel. Ich bin ein sehr zielorientierter Mensch.

Sie sind jetzt 63 Jahre alt. Denken Sie darüber nach, wie lange Sie dieses Ziel noch erreichen können? Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, als ich krank war. Wenn es nicht mehr geht, geht es nicht mehr. Aber ich werde immer versuchen, die 100 Tage zu fahren. Darum bin ich die richtige Person, um meine Firma zu führen und die Rolle zu spielen, die ich spiele. Wenn ich es nicht mehr versuche oder es mich nicht mehr interessiert, sollte ich das vielleicht auch nicht mehr tun.

Jake Burton 2014 in der Adamant Lodge in British Columbia, Kanada. Foto: Jeff Curtes
Jake Burton 2014 in der Adamant Lodge in British Columbia, Kanada. Foto: Jeff Curtes

Haben Sie also keine Angst vor dem Alter? Es gibt Aspekte des Älterwerdens, die hart sind. Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal eine Lesebrille brauchte – das hat mich wirklich aus der Fassung gebracht. Ich hatte immer sehr gute Augen, mein ganzes Leben lang. Jetzt trage ich einfach Kontaktlinsen. Viele dieser körperlichen Aspekte sind überwindbar, zum Beispiel durch Sport. Ich trainiere jeden Tag, ich wandere, hebe Gewichte, gehe schwimmen oder mache Yoga. Ich snowboarde mit den besten Kids der Welt. Vielleicht bin ich nicht auf ihrem Level, manchmal müssen sie auf mich warten, aber ich habe genauso viel Spass wie sie.

Welche positiven Seiten hat das Älterwerden? Ich freue mich nicht darauf, aber ich schaue auf Dinge zurück, die ich nicht nochmals machen will. Ich will niemals wieder zur Schule gehen, zur Universität, ich will nicht mehr ganz kleine Kinder haben. Solange sich das Leben verändert und du versuchst, es zu verbessern, freust du dich auf die Zukunft. Wie alt sind Sie?

Ich bin 31. Gott sei Dank bin ich nicht mehr 31. Ich habe damals so viel gearbeitet, 20 Stunden pro Tag. Es war die Zeit, als wir von der Ski-Industrie abgelehnt wurden. Als es nicht erlaubt war, in den Bergen zu snowboarden. Wir waren Vorkämpfer mit unserer Firma, und wir haben so viele Fehler gemacht. Aber wir haben nie denselben Fehler zweimal gemacht. Das ist ein Grund, warum Burton so erfolgreich ist.

Was war Ihr grösster Fehler? Bei vielen ging es um die Produkte. Zum Beispiel in den 80ern, als wir ein Problem mit den Schrauben hatten, mit denen man die Snowboard-Bindung auf dem Brett montiert. Die Einlagen im Brett, an denen die Schrauben befestigt sind, fielen aus jedem Brett heraus. Das war eine Katastrophe, wir mussten einen Rückruf starten. Schrecklich.

Grosser Erfolg: Burton war eine der führenden Marken der Branche. Foto: Gian Ehrenzeller/ Keystone
Grosser Erfolg: Burton war eine der führenden Marken der Branche. Foto: Gian Ehrenzeller/ Keystone

Trotz allem ist Ihre Firma zu einer der grössten der Branche geworden. Das Geschäft hat aber in den letzten Jahren sehr gelitten. Wie sieht es bei Ihnen aus? Unser Problem war nicht der Schwund beim Snowboarden, sondern die Rezession 2008/2009. Dass die Arbeitslosenrate bei den Unter-25-Jährigen in für uns wichtigen Märkten wie Italien oder Spanien so stark gestiegen ist, hat auch uns beeinflusst. Bis dahin haben wir unser Geschäft jedes Jahr verdoppelt, 20 Jahre lang. Dann verzeichneten wir einen Rückgang. Aber jetzt wachsen wir wieder.

Das Snowboarden ist jedoch längst nicht mehr so populär wie zur Jahrtausendwende. Das hat mehrere Gründe. Snowboarden ist nicht mehr so neu, wie es mal war. Und die Skiindustrie hat viel von dem übernommen, was wir mühsam entwickelt hatten, zum Beispiel die Taillierung. Auch die Kleider passten sich unseren an. Snowboarden war plötzlich nicht mehr so radikal anders, und einige gingen zum Skifahren zurück. Das war schwierig.

Wie ist die Situation heute? Während wir uns unterhalten, lancieren wir eine neue Step-on-Bindung. Sie könnte die Art und Weise revolutionieren, wie Menschen auf dem Brett stehen. Und: Snowboarden ist immer noch ein Lifestyle. Das wird es bleiben, egal wie gross oder klein der Markt ist.

Könnte der Einbruch auch positiv sein für den Sport? Viele beklagen ja, dass er Mainstream geworden ist. Ein Teil unserer DNA ist Respektlosigkeit. Wir haben zum Beispiel Snowboards mit dem «Playboy»-Magazin gemacht. Einige Leute fragten nachher, ob wir das nicht bereuten. Ich sagte: Natürlich nicht! Wir bewegen uns immer an den Grenzen, und manchmal überschreiten wir eine und bekommen Probleme. Aber das ist besser, als nicht einmal zu wissen, wo die Grenzen sind. Diesen Teil unserer DNA dürfen wir nicht verlieren. Rund um das Snowboarden hat sich eine Ekstase entwickelt – in Japan haben sie Snowboards gekauft, nur um sie auf die Autodächer zu packen. Jetzt ist alles viel realer. Die Menschen kaufen Snowboards, um sie zu benützen, und sie zu schätzen.

«Snowboarden ist ein Lifestyle. Egal, wie gross der Markt ist.»

Trotzdem entfernen Sie sich jetzt von Ihren Wurzeln und verkaufen auch Camping-Ausrüstung. Von unseren Wurzeln entfernen? Wissen Sie, wie viel Geld wir in diese neue Bindung investiert haben? Wir haben das nicht einmal ausgerechnet, weil wir immer noch investieren. Wir entfernen uns von gar nichts. Wir expandieren. Und wir haben gelernt, dass wir unser Erbe verwenden können, um andere Produkte zu verkaufen. Wir sind befugt, coole Sweatshirts oder Freizeitkleider herzustellen. Die Leute mögen das. Wir fangen ja nicht an, Tennisschläger oder Skis zu verkaufen.

Aber Camping-Ausrüstung. Wir sind immer unseren Fahrern gefolgt. Die Fahrer lenken unseren Sport. Camping ist wieder cool und zu einem Teil ihres Lebens geworden, zum Beispiel bei Festivals. Wir wollen dabei bleiben und eine eigene Perspektive hineinbringen. Wir können in diesem Bereich viel anbieten.

Sie haben also keine Angst, ihre Marke zu verwässern? Nein. Aber es ist lustig, sogar im Unternehmen gab es immer diese leise Stimme. Am Anfang machten wir nur Snowboards, Bindungen und Schuhe. Als wir angefangen haben, Kleider oder Funktionswäsche herzustellen, haben einige gesagt: Wir machen Unterwäsche? Wirklich? Und jetzt ist es ein wichtiges Geschäft für uns. Weil wir viel davon verstehen. Dasselbe gilt für das Camping.

Sie haben die ersten Snowboard-Prototypen selbst ausgetüftelt und gebaut. Ursprünglich haben Sie aber Wirtschaft studiert. Wie passt das zusammen? Ich habe Wirtschaft studiert, weil mein Vater es liebte. Er arbeitete im Investment-Bereich in New York. Als Junge versucht man wohl, seinem Vater zu folgen, so gut es geht. Bis man an einen Punkt kommt, an dem man realisiert: Hier will ich in eine andere Richtung gehen. Das habe ich getan.

Am Ende sind Sie aber trotzdem Unternehmer geworden. Das stimmt. Ich bin kein guter Buchhalter, ich kenne den Unterschied zwischen Soll und Haben immer noch nicht. Aber ich habe eine gute Intuition, wenn es ums Geschäftliche geht. Das hat uns geholfen, einige gute Entscheidungen zu treffen. Entweder man hat das, oder man hat es nicht. Viele meiner Freunde sprachen davon, ihr eigenes Geschäft zu starten. Aber sie haben es nie getan. Sie waren nicht faul, sie hatten einfach nie den Mut, den Schalter umzulegen.

Denken Sie darüber nach, was mit der Firma nach ihrer Ära passiert? Sie meinen, falls ich morgen von einem Lastwagen überfahren werde?

Zum Beispiel.(lacht) Darüber denke ich nicht oft nach. Wir haben das sorgfältig vorbereitet. Wenn Donna und ich morgen bei einem Flugzeugabsturz sterben, müsste die Firma nicht verkauft werden. Was den Sport und die Industrie betrifft: Ich werde die Fackel einfach weitergeben müssen, und ich hoffe, dass dann die richtigen Leute da sind. Mir wird das scheissegal sein, wenn ich zwei Meter unter der Erde liege.

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