«Wir müssen grüner werden. Es geht nicht anders»

Als «Gipfelikönig» revolutionierte Fredy Hiestand das Backwarengeschäft in der Schweiz. Jetzt, mit 76, engagiert sich der erfolgreiche Unternehmer politisch.

«Ich finde, es gibt kein Alter, in dem man nicht auch noch ein Ziel haben darf»: Fredy Hiestand in seiner Brotfabrik in Baden. Foto: Samuel Schalch

«Ich finde, es gibt kein Alter, in dem man nicht auch noch ein Ziel haben darf»: Fredy Hiestand in seiner Brotfabrik in Baden. Foto: Samuel Schalch

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Die Schoggigipfeli rattern übers Förderband, in den Öfen drehen sich die Nussschnecken. Fredy Hiestand macht die Runde, begrüsst hier eine Angestellte, die frische Brötchen mit Körnern bestreut, dort einen Angestellten, der den Boden wischt. Er ist mit allen per Du – aber nicht so, wie in manchen Firmen, in denen das Du gezwungen wirkt. Fredy, wie ihn alle nennen, ist da anders. Er kennt alle Mitarbeiter persönlich, kümmert sich um ihre Befindlichkeit.

Herr Hiestand, Sie sind 76 und stehen mindestens dreimal pro Woche in der Backstube. Warum tun Sie sich das an?
Ich will geistig fit sein und noch etwas machen können. Wenn ich die Zeit nur noch im Bett verbringen müsste, dann würde ich Exit zu Hilfe holen. Die meisten Menschen haben nach 80 keine Ziele mehr. Ich finde, es gibt kein Alter, in dem man nicht auch noch ein Ziel haben darf.

Sie haben praktisch Ihr Leben lang als Bäckereiunternehmer gearbeitet. Hat es Sie gelüstet, was ganz anderes zu machen?
Eigentlich nicht. Es ist eine Leidenschaft und auch ein Hobby von mir. Ich finde es etwas Wunderbares, wenn man den Menschen etwas bieten kann, das gesund ist. Mich fasziniert das Kreative, die Weiterentwicklung. Ich will immer wieder etwas Neues probieren.

Aber warum Brot?
Weil ich das am besten kann. Ich habe meinen Kindern immer wieder ans Herz gelegt: Macht nicht zu viel Verschiedenes, macht das, was ihr macht, richtig und mit Begeisterung. Nach dieser Devise lebe ich selber auch.

Ist es Zufall, dass Sie zum Bäcker wurden?
Schon als Kind sagte ich: entweder Bäcker oder Gärtner. Ich wollte eigentlich nie was anderes.

Wie kamen Sie dazu?
Ich habe schon als Sechsjähriger, zusammen mit meiner Mutter, Brot gebacken. In unserem Dorf gab es einen Dorfofen, der mit Holz gefeuert wurde. Man musste den jeweils vorher reservieren. Einmal in der Woche ging unsere Familie dorthin.

Später haben Sie das Bäckereigeschäft in der Schweiz revolutioniert, immer wieder zum richtigen Zeitpunkt Neues erfunden: das erste tiefgekühlte Fertigbackbrötchen, dann das Frischback-Gipfeli für Tankstellen, den Laugengipfel und den Schoggigipfel. Was kommt als Nächstes?
Worauf ich ein bisschen stolz bin: Wir haben vor zwei Monaten einen veganen Gipfel lanciert, also ohne Eier, Milch und Butter, dafür mit selbst gemachter Mandelmilch und Margarine. Der Gipfel ist so gut, dass man gar nicht merkt, dass er vegan ist. Er verkauft sich gut, vor allem in Hotels und Restaurants im Raum Zürich. Hiltl ist ein guter Kunde von uns.

Befürchten Sie nicht, dass Sie einer Modewelle aufsitzen, die in ein paar Jahren wieder vorbei ist?
Nein, der Vegantrend geht tiefer. Auch mit der Bewegung Fridays for Future. Wir essen zu viel Fleisch. Nur schon wegen unserer Gesundheit sollten wir das reduzieren.

Coop und Migros verkaufen Insekten als Nahrungsmittel. Wann lancieren Sie das Insektengipfeli?
Das tue ich mir nicht an. Ich finde das ein super Produkt für die Fischzucht.

Mit Ihren Convenience-Broten und -Gipfeli waren Sie mitschuldig am Tod etlicher Bäckereien. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?
Ich sehe mich nicht als Totengräber der Bäcker. Viele Bäckereien wären auch ohne mich eingegangen, weil sie einfach nicht fortschrittlich genug waren.

Wirklich?
Viele hatten nicht mehr investiert, es waren überalterte Betriebe. Sie wollten viel zu viel selber machen. Man kann aber nicht das ganze Sortiment jeden Tag selber herstellen. Die Tiefkühltechnik war für die vielfach gar kein Thema. Die wenigsten Bäcker waren dafür eingerichtet. Und viele produzierten an den Kundenbedürfnissen vorbei. Früher konnte man ein Brötchen, das am Morgen um 4 Uhr gebacken wurde, noch am Abend verkaufen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Von einem guten Speiselokal erwarte ich am Abend ein Brot, das möglichst noch etwas warm ist.

Schweizer finden Schweizer Brot am besten, Deutsche finden es langweilig. Welches Land macht aus Ihrer Sicht das beste Brot?
Die Franzosen. In der Schweiz und in Deutschland gibt es zwar eine viel grössere Auswahl. Aber die Franzosen haben eine eigene, hochstehende Brotkultur. Ich wurde mit meiner ehemaligen Firma von Finanzanalysten kritisiert, weil wir nach Deutschland, Polen und Japan gegangen sind, aber nicht nach Frankreich. Dorthin würde ich auch heute noch nicht gehen. Da würde es für uns ganz eng.

Sie verwenden seit diesem Jahr nur noch Getreide, das ohne Pflanzenschutzmittel angebaut wurde. Das machen Sie bestimmt nicht nur aus Nächstenliebe, sondern weil Sie aufgrund der steigenden Nachfrage nach gesunden, naturnahen Produkten ein gutes Geschäft wittern.
In diesem Fall ist es nicht ganz so. In erster Linie habe ich es gemacht, weil ich meinen Kunden nicht zumute, dass sie pestizidverseuchte Lebensmittel essen. Keine Mutter würde ihrem Kind bewusst Gemüse geben, das pestizidbelastet ist. Den Aufpreis von 15 Franken pro 100 Kilogramm Mehl übernehmen wir vollständig. Ich kann das nicht auf die Kunden überwälzen.

Sie verwenden Getreide mit dem IP-Suisse-Standard. Warum nicht gleich richtig, nämlich Bio?
Das würde ich sehr gerne. Die Zukunft muss sowieso in diese Richtung gehen. Aber für Biomehl würde ich 60 Franken mehr pro 100 Kilogramm zahlen. Das können wir uns momentan nicht leisten. Aber wir haben schon jetzt vereinzelte Bioprodukte. Lidl verkauft ein Biobrötchen von uns.

Sie unterstützen die Trinkwasserinitiative, die verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, die auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichten. Warum?
Weil ich finde, dass wir gar keine andere Chance haben, als endlich aufzuhören mit diesen Pestiziden. Da geht es um unsere Gesundheit. Die Biodiversität schwindet dramatisch. Pestizide sind eine Zeitbombe. Ich sehe das in meinem eigenen Betrieb: Wir brauchen sehr viele Sultaninen und haben diese aus der Türkei bezogen. Da sind 14 verschiedene Pestizide drin, davon zwei, die in Europa verboten sind. Es ist verrückt. Jetzt nehmen wir Biosultaninen.

«Die Wahlen im Oktober waren ein klares Ja für eine schnellere Bewegung in der Klimapolitik»: Fredy Hiestand. Foto: Samuel Schalch

Der Bauernverband sagt, die Initiative würde die einheimische Produktion praktisch verunmöglichen.
Das ist Unsinn. Die Trinkwasserinitiative ist liberal, sie verbietet nichts. Wenn ein Bauer weiterhin spritzen will, wird es nicht verboten, aber er bekommt keine Subventionen. Markus Ritter, der Bauernpräsident, ist Biobauer und behauptet in allem Ernst, es gehe nicht ohne Pestizide. Wieso geht es dann auf seinem eigenen Hof? Oder in Mals im Südtirol, das als erstes Dorf in Europa Pestizide verboten hat?

Sie gehören auch dem «Wirtschaftskomitee für verantwortungsvolle Unternehmen» an, das die Konzernverantwortungs-­initiative unterstützt. Weshalb sind Sie dafür?
Mir tun die Arbeiter in den Minen leid, die ausgebeutet werden. Und die Menschen, die aus ihren Dörfern vertrieben werden, damit Tagebauminen und riesige landwirtschaftliche Monokulturen entstehen können. Man muss den grossen Konzernen, die dafür verantwortlich sind, auf die Finger schauen.

Die Verbände Economiesuisse und Swissholdings befürchten jedoch, dass nach einem Ja zur Initiative eine «erpresserische Klagewelle» auf Schweizer Unternehmen zukommt.
Diese Befürchtung ist sicher übertrieben. Keine Initiative wurde so streng umgesetzt, wie es der Verfassungstext verlangt. Das Parlament wird die Volksinitiative bestimmt so umsetzen, dass es den Konzernen nicht schadet. Klar, es könnte sein, dass der eine oder andere Konzern aus der Schweiz wegzieht. Aber die Schweiz bietet noch viele Vorteile.

Kürzlich haben Sie dem Parlament einen offenen Brief gesandt, in dem Sie es aufforderten, die geplante Treibstoffpreiserhöhung um 10 bis 12 Rappen pro Liter nicht wie vorgesehen einem Teil der Bevölkerung zurückzugeben. Was treibt Sie da an?
Die Wahlen im Oktober waren ein klares Ja für eine schnellere Bewegung in der Klimapolitik. Eine Treibstoffpreiserhöhung wäre ein wichtiger und konkreter Beitrag zur Klimafinanzierung. Statt jedoch das Geld mit viel Bürokratie wieder an die Bevölkerung umzuverteilen, sollte sich die Schweiz verstärkt für Klimaziele in Afrika und in anderen besonders klimasensiblen Regionen der Welt engagieren.

Was schwebt Ihnen da vor?
Das Ziel müsste sein, in diesen Ländern dringend benötigte Arbeitsplätze zu schaffen und durch eine breite Aufforstung CO2 zu binden. Ich selber mache das auch, in der Elfenbeinküste. Dort betreibe ich eine Plantage, auf der wir Kakao, Früchte, Kautschuk und Ölpalmen anbauen. Vor fünf Jahren pflanzten wir dort Bäume an, die heute einen Durchmesser von 41 Zentimetern haben.

Gegner behaupten, dass eine Treibstoffpreiserhöhung sich auf einen Teil der Schweizer Bevölkerung existenz-­bedrohend auswirken könnte.
Diese Meinung teile ich nicht. 2012 zahlten wir noch höhere ­Literpreise für das Benzin, und niemand fühlte sich deswegen in seiner Existenz bedroht.

Höhere Benzinpreise, Konzernverantwortungs-­initiative, pestizidfreie Landwirtschaft: Wieso engagieren Sie sich dermassen politisch?
Weil ich nicht will, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgeht und die Menschen und die Umwelt so ausgebeutet werden.

Ist das eine Form von Altersradikalität?
Ich glaube schon. Einzelne Personen können etwas bewegen. Das sieht man bei Greta Thunberg. Es ist unglaublich, was sie schon alles erreicht hat.

Bewundern Sie sie?
Die einen belächeln sie, aber ich finde es toll, was Greta Thunberg bewegt. Jetzt müssen nur noch mehr Taten folgen. Nicht so wie am Klimagipfel in Madrid, der ohne konkrete Ergebnisse geendet hat.

Sind Sie politisch gesehen ein Grüner?
Ich denke schon. Für mich steht ausser Zweifel: Wir müssen grüner werden. Es geht nicht anders.

Wie stark haben Sie sich gefreut, dass die Grünen und die Grünliberalen die Sieger der nationalen Wahlen waren?
Ich habe mich gefreut, obwohl ich in meiner Gemeinde FDP-Mitglied bin. Aber mittlerweile stehe ich den Grünliberalen näher.

Ihr Parteikollege, der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser, hat kürzlich verhindert, dass es einen griffigen Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungs-­initiative gibt. Wie wohl fühlen Sie sich in einer solchen Partei?
Ich bin nicht begeistert. Es gibt ein Sprichwort: Leiden ist einfacher als Handeln.

Das heisst, Sie sind nur noch aus Gewohnheit in der FDP?
Ja. Wenn mich jemand von den Grünliberalen bearbeiten würde, dann könnte ich schwach werden.

Energisch werden Sie auch, wenn man Sie auf den Backwarenkonzern Aryzta anspricht, in dem Ihre ehemalige Firma Hiestand aufgegangen war. Sie haben die Millionenlöhne für das Topmanagement als «unerklärlich, beschämend und keinesfalls gerechtfertigt» bezeichnet. Gleichzeitig kommt Aryzta nicht vom Fleck. Was läuft aus Ihrer Sicht schief?
Aryzta akquirierte auf Teufel komm raus, statt neue Geschäfte aus eigener Kraft aufzubauen. So sind entkräftete Firmen zusammengekauft worden. Die haben einen riesigen Abschreibungsbedarf.

Aryzta war 2008 aus der Fusion von Hiestand mit der irischen IAWS entstanden. Das war nur möglich, weil Sie Hiestand an die Börse gebracht hatten. Würden Sie das heute wieder tun?
Nein. Rückblickend war es ein Fehler, an die Börse zu gehen. Aber damals war ich überzeugt, dass es eine gute Sache sei. Nicht unbedingt, weil wir Kapital brauchten. Ein etwas bescheideneres Wachstum hätte ich aus eigener Kraft stemmen können. Aber die Nachfolgeregelung ist einfacher, wenn man Aktien verteilen kann.

Hand aufs Herz: Sie wollten Geld sehen.
Bis zum Börsengang habe ich nie Dividenden rausgezogen. Ich hatte schon einen anständigen Lohn, aber nie eine Dividende. Nach so vielen Jahren wollte ich auch einmal etwas von meinem Lebenswerk haben.



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Erstellt: 11.01.2020, 21:03 Uhr

Der Pionier

Fredy Hiestand, 76, gilt als Erfinder des Tiefkühlgipfelis. 1997 brachte er seine Industriebäckerei Hiestand an die Börse. Etwas später zog er sich zurück und gründete mit Fredy’s ein neues Bäckereiunternehmen. Seit vier Jahren betreibt er in der Elfenbeinküste eine biologische Farm, auf der er u.a. Kakao anpflanzt. Die einstige Hiestand ist mittlerweile im Aryzta-Konzern aufgegangen. Hiestand ist Vater dreier Kinder. Er lebt mit seiner dritten Frau Tina im Kanton Zürich.

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