Wir wollen keine ungleichen Spiesse

Die Argumente gegen das vorgeschlagene Verbot von Bargeldkäufen über 100'000 Franken tönen sonderbar.

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Da reibt sich der Normalverdiener die Augen. Wie kommen fast alle bürgerlichen Nationalräte dazu, das von der Regierung vorgeschlagene Verbot von Bargeldkäufen von über 100'000 Franken zu verwerfen?

Die Argumente der Gegner tönen sonderbar. Es gebe keine Beweise, dass in der Schweiz systematisch Geldwäscherei betrieben werde. Hingegen würde verhindert, dass Touristen spontan teuren Schmuck und Uhren kauften, weil nicht jeder ein Konto besitze. Schweizer Transportunternehmen, die ihre gebrauchten Lastwagen an bar zahlende Araber verkauften, würden einen unerträglichen bürokratischen ­Aufwand erleiden. Die Pflicht zur Banküberweisung sei die Vorstufe zum totalitären Überwachungsstaat. Jetzt gehe es ans Eingemachte. Die Freiheit des ­Bürgers insgesamt sei bedroht.

Im Zeitalter, in dem selbst ein Schinkengipfel für 2.90 am Take-away per Karte bezahlt werden kann, ist es nicht einleuchtend, weshalb beim Kauf eines Colliers für 130'000 Franken die Rechnung nicht per Kreditkarte oder Überweisung beglichen werden könnte. Die Absicht des bürgerlich dominierten Bundes­rats in der Bekämpfung von Geldwäscherei ist ­klar: Die Schweiz will künftig keine hohen Barzahlungen mit Geld akzeptieren, das aus der organisierten Kriminalität oder zur Finanzierung von Terrorismus stammt. Beträge über 100'000 Franken sollten ausschliesslich per Bank überwiesen werden. In den Banken sind Spezialisten am Werk, die die Identität des Käufers und die Herkunft des Geldes überprüfen.

Gerade Wirtschaftsvertretern müsste viel daran liegen, den Zufluss von Geldern aus dubioser Herkunft zu verhindern. Denn Geld, das gewaschen wird, erwartet keine Rendite. Im Gegenteil, der Mafioso gibt sich mit einem Abschlag zufrieden. Wenn 10 Millionen investiert werden, sind 8 Millionen «sauberes Geld» ein Erfolg. Sie kaufen in der Schweiz Gebäude und ­Firmen, die im Wettbewerb zur legalen Schweizer Wirtschaft stehen. Letztere müssen aber jährlich Geld verdienen, um Investitionen zu tätigen und eine ­Rendite zu erzielen. Sie sind die Lackierten. Das führt zu ungleich langen Spiessen, die wir nicht wollen.

Erstellt: 19.06.2014, 00:04 Uhr

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