Wovon Alpiqs Zukunft abhängt

Konzern-Chefin Staiblin setzt auf steigende Strompreise. Diese werden von den Kosten für CO2-Emissionen beeinflusst. Und von der Atomkraft.

Im Werk Clueson-Dixence produziert Alpiq mit Wasserkraft Strom. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Im Werk Clueson-Dixence produziert Alpiq mit Wasserkraft Strom. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin ist eine zurückhaltende Person und gewährt kaum Einblicke in ihr Privatleben. Für die aktuelle «Bilanz» hat sie eine Ausnahme gemacht. Das Wirtschaftsmagazin darf mit der Managerin in ihrem BMW- Coupé mitfahren und spricht mit ihr für einmal nicht nur über die Lage des krisengeschüttelten Stromkonzerns. Sondern auch über ihr Familienleben und die Zukunft.

Anlass für diese Offenheit ist der Millionendeal, den Alpiq vor gut zwei Wochen bekannt gegeben hat. Mit dem Verkauf des Gebäudetechnikgeschäfts für 850 Millionen Franken hat Staiblin den Energiekonzern auf einen Schlag schuldenfrei gemacht. Für einmal kann sie positive Nachrichten vermelden.

Doch die Zukunft des Stromkonzerns ist alles andere als gesichert. Denn die Alpiq konzentriert sich künftig auf die Stromproduktion. Ihr Schicksal hängt damit vom Energiemarkt ab. Staiblin wettet also auf steigende Strompreise. Experten meinen: Ihre Wette könnte aufgehen. Doch die Risiken sind gross.

Die Tendenz stimmt

Bis jetzt steckt das Geschäft mit dem Schweizer Strom, auf das Alpiq nun voll und ganz setzt, in der Krise. Seit Jahren sind die Gestehungskosten für Wasserkraft und Kernenergie laut Alpiq höher als der Marktpreis für Strom. Vergangenes Jahr etwa habe der Grosshandelspreis im Schnitt bei 3,5 Rappen pro Kilowattstunde gelegen. Die Herstellung von Kernenergie und Wasserkraft habe hingegen 5,2 beziehungsweise 6,5 Rappen pro Kilowattstunde gekostet.

Alpiqs Hoffnungen auf höhere Preise beruhen nun darauf, dass der Gesamtenergieverbrauch zunehmen dürfte und in Deutschland in den nächsten Jahren mehrere AKW vom Netz gehen sollen.

Die Tendenz scheint bis jetzt zu stimmen. «Wir beobachten einen leichten Anstieg beim Energiepreis», sagt Oliver Meyhack, Geschäftsleiter des Energie­beratungsunternehmens Ompex. Für die nächsten drei Jahre werde für die Schweiz ein Grundlastpreis von 43 bis 45 Euro pro Megawattstunde prognostiziert – also 5 bis 5,3 Rappen pro Kilowattstunde. Danach soll es weiter aufwärtsgehen: von 47 Euro im Jahr 2022 auf 48 Euro im Jahr 2027. Das wären rund 5,7 Rappen pro Kilowattstunde – und damit etwas mehr als die Gestehungskosten von Wasserkraft, die Alpiq angibt. «In der Vergangenheit haben die Wasserkraftproduzenten bei solchen Preisen jedenfalls nicht gejammert», sagt Meyhack.

Hinzu kommt: Seit diesem Jahr erhalten sie eine Prämie für Strom aus Schweizer Grosswasserkraft, der am Markt unter den Gestehungskosten verkauft werden muss. Der Zuschuss ist auf fünf Jahre begrenzt. Ab 2027 sind laut den Ompex-Schätzungen Preise um 7 Rappen möglich. Damit wäre nach Alpiqs Rechnung sogar die Kernenergie wieder profitabel.

Das heisst aber auch: Die Durst­strecke wird noch einige Zeit andauern – und die Alpiq braucht genug finanzielle Mittel, um sie zu überbrücken.

Und die Unsicherheiten sind gross. «Der wichtigste Treiber der künftigen Energiepreise ist CO2», erklärt Experte Meyhack. «Je teurer der Ausstoss, desto teurer wird auch die Energie.» Seit 2005 müssen Firmen in EU-Ländern für jede Tonne Kohlenstoffdioxid, die sie zusätzlich ausstossen, ein Zertifikat kaufen. Viele Jahre war der Preis für diese Zertifikate jedoch so tief, dass die Kosten für diese Verschmutzungsrechte für die Industrie keine Rolle spielten. In den vergangenen Monaten ist der Preis nun von 6 auf 12 Euro pro Tonne gestiegen.

CO2-Preis ist entscheidend

Wohin der Preis für die Tonne CO2 gehen wird, darüber gehen die Prognosen weiter auseinander: Die Spanne reicht von 20 bis 60 Euro pro Tonne. «Es könnte aber auch deutlich weniger sein, wenn sich das europäische CO2-Zertifikats­system nicht wie geplant entwickelt», sagt Meyhack. Dann hätte Alpiq ein erns­tes Problem.

Enormen Einfluss auf die zukünftigen Marktpreise werde die Politik im In- und Ausland haben, sagt Thomas Geissmann, Energieexperte am Massachusetts Institute of Technology. Entscheidend werde etwa sein, ob das Strom­abkommen zwischen der Schweiz und der EU zustande komme, mit dem die Schweiz Zutritt zum europäischen Markt bekäme. Und wie lange die Wasserkraft finanziell gefördert werde.

Ein grosses Fragezeichen stehe zudem hinter der Kernkraft. So schätzt das Eidgenössische Nuklearsicherheits­inspektorat Ensi die Kosten von Still­legung, Rückbau und Entsorgung heute um einiges höher als noch vor fünf Jahren. «Die Kernkraft ist im Schnitt teurer als die Wasserkraft. Bei der Alpiq macht sie aber einen grossen Teil der Stromproduktion aus», sagt Geissmann. «Hier liegt ebenfalls ein erhebliches Problem.»

Sollten die Rückbaukosten weiter ansteigen, die CO2-Preise aber tief bleiben, dürfte Alpiq-Chefin Staiblin die Lust auf weitere People-Storys bald vergehen.

Erstellt: 07.04.2018, 10:37 Uhr

Wasserzinsen

«Kampfansage ans Unterland»

Der Streit um die Wasserzinsen hat sich zu einem Kampf zwischen Gebirgskantonen und dem Unterland entwickelt. Das Bundesamt für Energie schätzt, dass die Gestehungskosten für bestehende Wasserkraftwerke bei 4,7 bis 6,9 Rappen pro Kilowattstunde liegen. Die Wasserzinsen machen im Schnitt 1,6 Rappen davon aus.

Die Stromunternehmen zahlen diesen Betrag an die Standortkantone ihrer Kraftwerke für die Nutzung des Wassers. Für die Gebirgskantone stellen die Gelder aus den Wasserzinsen eine wichtige Einnahmequelle dar. Daher ist der Streit um dieses Instrument ein hochpolitischer.

2019 läuft die aktuelle Wasserzinsregelung aus. Die Verhandlungen über die neue Regelung sind schwierig. Die sogenannte Wasserzins-Allianz, zu der unter anderen der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der Gewerbeverband und der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen gehören, setzt sich für eine flexible Lösung ein. Die Zinsen sollen künftig aus einem fixen Sockelbeitrag bestehen, der um einen variablen Teil ergänzt wird, wenn die Strompreise am Markt über eine gewisse Schwelle steigen. Der Vorschlag führte zu einem Aufschrei in den Gebirgskantonen. Die Interessengemeinschaft Bündner Konzessionsgemeinden (IBK) will ab 2019 einen kleinen Teil der Wasserzinserträge auf die Seite legen, um die Vorlage zur neuen Wasserzinsregelung im Notfall an die Urne bringen und einen Abstimmungskampf führen zu können.

IBK-Präsident Not Carl fühlt sich durch die neue Strategie der Alpiq in seinem Vorhaben nun bestärkt, in Sachen Wasserzins hart zu bleiben. Denn Alpiqs neues Kalkül zeige, dass der Konzern in Zukunft voll auf die Schweizer Wasserkraft setze. «Die Alpiq rechnet also ebenfalls mit steigenden Preisen – weshalb es keinen Grund gibt, jetzt die Wasserzinsen zu senken», argumentiert er. (fko)

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