«Zeig doch deine Assets ;-) ;-)»

#MeToo bei Ernst & Young: Ein Kader-Mitarbeiter soll jüngere Kolleginnen sexuell belästigt haben. Die Firma weist die Vorwürfe zurück.

Zeichnung: Ruedi Widmer

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Es rumort im Glaskubus am Fuss des Zürcher Prime Tower, seit Wochen schon. «Builders of a better working world» ist der Slogan der Buchprüfungsfirma Ernst & Young (EY), und wahrscheinlich hat der Slogan schon besser gepasst. Es geht um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, im Zentrum stehen ein Mitarbeiter auf Partnerstufe und sein Umgang mit jungen Mitarbeiterinnen. Ein Fall aus dem Jahr 2016 ist aktenkundig, wie Recherchen dieser Zeitung ergaben. Es ist das Bild eines klassischen Falls von sexueller Belästigung: Ein Chef macht einer Untergebenen Avancen. Sie weist ihn zurück, worauf er sie zu mobben beginnt. Schliesslich verlässt sie das Unternehmen.

Er nannte sie «Barbie», und sie fand das nicht besonders lustig. Zunächst aber auch nicht besonders alarmierend. Sie ist jung, blond, attraktiv, damals eine 29-jährige Associate bei der Firma. Er ein Mitarbeiter auf Partnerstufe, damals im Zuge eines Machtwechsels gerade befördert worden, 13 Jahre älter als sie. Nennen wir ihn hier einfach «Chef». Bis heute ist er verantwortlich für Personal-, Beförderungs- und Bonusprozesse, eine Funktion, in der er viel mit jungen Menschen zu tun hat. Die junge Frau, die wir hier X. nennen, arbeitete im Mai 2016 seit knapp eineinhalb Jahren im Unternehmen. 

Im Frühling 2016 beginnt sie, indirekt «Chef» zuzuarbeiten. Als attraktive junge Frau kennt X. Annäherungsversuche, weiss auch, wie man höflich pariert. Normalerweise reicht das, aber nicht bei «Chef». Es beginnt mit Komplimenten, Einladungen auf sein Boot auf dem Zürichsee, Bemerkungen über ihre Figur, ihren Teint, ihre «Assets», auch vor Kollegen. Zum Beispiel bemerkt er in der Kantine, als sie sich ein Sandwich nehmen will, sie solle aufpassen: «Deine Figur ist noch nicht bikinireif.» Am 24. Mai 2016 bestellt er sie per Textnachricht in ein Café am Hauptbahnhof, es geht um Dokumente, die sie ihm übergeben soll. Da er im Büro nebenan sitzt, bringt X. ihm die Papiere gleich direkt vorbei. «Chef» reagiert verärgert, was X. einschüchtert. Sie will sich an die Regeln halten, sie will keinen Stress. Doch er fordert sie wiederholt auf, ihm Unterlagen nach Büroschluss in einer Bar zu übergeben, und das tut sie. Sie schreibt ihm zum Beispiel: «Ich werde keine Zeit für Kaffee haben, aber keine Sorge, ich bringe die Dokumente.»

«Assets = Brüste»

Im Mai beginnt er, sie über ihr Mobiltelefon zu kontaktieren, in ihrer Freizeit, auch spätnachts. Er ruft sie zum Beispiel aus einem Taxi in Hongkong an und fordert sie auf, mit ihm zu sprechen, ihn zu unterhalten, sonst werde er dazu eine andere Mitarbeiterin anrufen. Sie antwortet, sie habe viel zu tun, wolle sich aber nicht beklagen, es sei Sommer, 25 Grad. Darauf er: «25 Grad, eine perfekte Gelegenheit, deine ‹Assets› in einem Rock zu zeigen ;-) ;-)» Der Untersuchungsbericht von EY, in den Tagesanzeiger.ch/Newsnet Einblick hatte, bestätigt den Vorwurf. Dort heisst es erklärend: «Assets = Brüste».

Anfang Juni beginnt die Situation X. immer mehr zu belasten. Sie versucht «Chef» höflich klarzumachen, sie wünsche keinen unangemessenen Kontakt. Das macht die Situation doppelt heikel: Der Vorwurf der sexuellen Belästigung wiegt schwer. EY deklariert denn auch, eine Nulltoleranz-Policy zu pflegen, was sexuelle Belästigung angeht.

Als «Chef» zu begreifen beginnt, dass sich X. belästigt fühlt, ändert er sein Verhalten. Nicht zum Guten. Anfang Juni 2016 zitiert «Chef» X. in sein Büro, um sie zu warnen: «Versuche ja nicht, meine Reputation zu zerstören. Wenn jemand EY verlassen wird, dann bist das du, nicht ich», droht er ihr laut Untersuchungsbericht. Wiederholt stürmt sie weinend aus seinem Büro, das belegt mindestens eine Quelle. Das unprofessionelle Verhalten geht laut Bericht trotzdem weiter. «Chef» bestellt sie zu informellen und privaten Meetings, wo Sätze fallen wie: «Übrigens finde ich es unglaublich, dass du keinen Sex mit mir haben willst.» Oder: «Ich könnte dich sofort mit irgendeiner anderen Mitarbeiterin ersetzen.» So der Vorwurf im Untersuchungsbericht.

Auch das ist ein klassischer Verlauf für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Werden die Avancen nicht erwidert, kippt das Verhalten schnell ins Mobbing, die Mitarbeiterin wird schlechtgemacht. In der Folge versucht es X. zu vermeiden, allein mit «Chef» im Büro zu sein, und wenn, dann nur mit geöffneter Glastür.

Mitte Juli 2016 hält es X. nicht mehr aus und geht zum Psychiater. Ein Attest, in das Tagesanzeiger.ch/Newsnet Einblick hatte, bestätigt eine starke psychische Belastung, die es der Patientin aus medizinischen Gründen nicht erlaube, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Jedoch: «An einer anderen Arbeitsstelle wäre Frau X. 100% arbeitsfähig.» Im August 2016 wendet sich X. an die für solche Fälle zuständige Stelle, die Abteilung Human Resources (HR), Ende August leitet EY eine Untersuchung ein. Betraut wird damit der eben erst im August eingesetzte HR-Chef. Als eine der ersten Amtshandlungen soll dieser die Vorwürfe gegen seinen Vorgesetzten klären, der ihn auf diese Position geholt hat.

Relevant ist der Fall deshalb, weil «Chef» laut verschiedenen Berichten auf dem Blog «Inside Paradeplatz» Frauen weiterhin zu nahe getreten sein soll und es noch mehr Vorfälle gegeben habe. Die Berichte wurden nach ihrem Erscheinen im Oktober 2018 fleissig kommentiert, mit Hunderten von Kommentaren, offensichtlich auch von EY-Mitarbeitern. Es existiert auch ein anonymer Whistleblower-Brief, der Probleme mit diesem Mitarbeiter bestätigt und in dem EY-Schweiz-Chef Bruno Chiomento aufgefordert wird, endlich etwas zu unternehmen.

Einvernehmlich?

EY streitet den Fall nicht ab. In diversen Gesprächen, welche Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit der Medienstelle geführt hat – eines davon auch mit «Chef» –, tauchten unterschiedliche Erklärungsstrategien auf. Zunächst hiess es, der Fall sei eine «einvernehmliche Affäre unter Erwachsenen» gewesen. Natürlich sei die Frau in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden, aber es sei nicht die Aufgabe des Unternehmens, hier einzuschreiten.

Dann korrigierte man, es sei keine Affäre, sondern lediglich «gegenseitige Kommunikation» gewesen. Auch was die Abgangsvereinbarung betrifft, gibt es verschiedene Versionen. Das offizielle Statement lautet: «EY geht zugetragenen internen und externen Meldungen in jedem Fall nach. Gerade als amerikanisch geprägte Netzwerkgesellschaft nehmen wir Anschuldigungen betreffend sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sehr ernst. Im angesprochenen Fall haben wir eine fundierte forensische Untersuchung durchgeführt, in deren Ergebnis keine Fragen offengeblieben sind und sich der Belästigungsvorwurf als falsch erwiesen hat.»

Mittlerweile sind nicht mehr nur die Vorwürfe von sexueller Belästigung ein Thema, sondern auch die Art, wie man bei Ernst & Young damit umgeht. Nachdem «Inside Paradeplatz» Mitte Oktober erstmals über die Vorwürfe gegen «Chef» berichtet und es Hunderte Kommentare dazu gegeben hatte, sperrte EY seinen Mitarbeitern den Zugang zum Blog und verklagte den Journalisten. Intern kommunizierte EY gegenüber seinen Partnern, die Geschichte sei eine einvernehmliche Affäre zwischen Erwachsenen gewesen.

Mitte Oktober 2016 war die Untersuchung im Fall X. abgeschlossen. Der Untersuchungsbericht hält fest: «Was zweideutige und unangemessene Textnachrichten betrifft, fehlte es von beiden Seiten an vorbildlichem Verhalten.» X. kehrte nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück, weil das für sie nicht möglich sei, solange «Chef» dort arbeite. Im September 2016 bot man ihr bei einem Abgang sechs Monatslöhne an. Sie verlangte dazu noch vier zusätzliche Monate, als «compensation for personal suffering and satisfaction».

Die Firma zahlte per Ende 2016 dann tatsächlich zehn Monatslöhne plus Ferienentschädigung aus – ein sehr grosszügiges Abgangspaket für eine Mitarbeiterin, die kaum zwei Jahre in der Firma arbeitete. Die Firma hatte für die Zahlung ihre eigene Begründung. Im Untersuchungsbericht von EY steht dazu: «Das finanzielle Paket war definiert mit dem Ziel, dass sie ohne finanzielle Sorgen nach einer neuen Beschäftigung suchen kann.» «Chef» bekam eine Verwarnung, im Januar 2017 wurde er trotzdem befördert.

Kein einfacher Krankheitsfall

Zum Zeitpunkt der Affäre existierten bei EY Zürich keine gesonderten Richtlinien zum Thema sexuelle Belästigung. Mittlerweile hat die Firma das nachgeholt, heute heisst es da: «Wer der sexuellen Belästigung oder des Mobbings überführt wird, kann entlassen werden. Wer falsche Anschuldigungen erhebt, wird dieselben Konsequenzen erdulden.» Im Fall X. wurden weder «Chef» noch X. entlassen. Ein starker Hinweis, auf welcher Seite das Fehlverhalten zu suchen ist, liegt in der Abgangsvereinbarung. Hätte es sich beim «Fall X.» um einen einfachen Krankheitsfall gehandelt, wäre dies auch so abgewickelt worden. Doch die zehn Monatslöhne plus Ferienkompensation wurden von EY direkt ausbezahlt, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Summe von der Krankentaggeld-Versicherung übernommen wurde.

Insider behaupten bis heute, der «Fall X.» sei nicht der einzige Fall von sexueller Belästigung im Jahr 2016 gewesen. Die EY-Führung bestreitet dies. Im Glaskubus rumort es weiter.

Erstellt: 11.12.2018, 19:00 Uhr

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