In diesen Ziegeln sind Solarzellen versteckt

Eine italienische Firma stellt Material her, dem man seine Solarfunktion nicht ansieht. Ideal für historische Städte.

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Viele historische europäische Stadtteile und Gebäude stehen unter Denkmalschutz und erhalten deshalb keine Bewilligung für Solardächer. Die Bestimmungen sind meist so streng, dass die Nutzung der Sonnenenergie unmöglich ist– ausser, die Solarzellen wären unsichtbar.

Deshalb wollten schon viele Unternehmen die Solarzellen in Materialien einkleiden, die zum Abdecken von Dächern verwendet werden. Elon Musks Firma Tesla entwarf zum Beispiel einen Glasziegel. Solche Produkte sind von der Strasse aus beinahe unsichtbar. Aber aus einer gewissen Höhe erkennt man die dunklen Solarzellen, und das ist für Orte wie Paris oder Florenz undenkbar, denn es würde das berühmte Dächerpanorama dieser Städte verändern.

Nun hat ein kleiner Familienbetrieb namens Dyaqua im italienischen Vicenza einen einzigartigen Dachziegel aus Solarzellen entwickelt, den «Invisible Solar». Dyaqua versteckt die Solarzellen in einer polymeren Masse, die gewöhnliche Baumaterialien wie Stein oder Holz nachbildet. Die Zellen sind von nirgendwo erkennbar.

«Es ist eine Frage der Dichte»

«Seit wir vor ein paar Monaten mit der Herstellung begannen, können wir uns vor Bestellungen kaum retten – nicht nur aus Italien, auch aus Frankreich, Spanien und den USA», sagt Giovanni Quagliato aus Vicenza. Er stellt Kunstwerke aus Kunstharz her und entdeckte dabei, wie man polymeren Massen einen natürlichen Look geben und sie trotzdem lichtdurchlässig lassen kann.

Mit der Masse kann jede Art von Baumaterial nachgebildet werden, ob Terrakotta, Stein, Zement oder Holz. Sie ist frei von Schadstoffen, wiederverwertbar, resistent gegen Witterungseinwirkungen und chemische Lösungsmittel und hält hohe statische Belastungen aus. «Es ist allein eine Frage der Dichte», sagt Quagliato. «Die Masse muss dicht genug sein, um das menschliche Auge zu täuschen, aber nicht zu dicht, um das Sonnenlicht zu blockieren.» Vor Jahren lancierte er mit demselben Prozess eine LED-Lampenlinie. Später schuf er unter dem Dyaqua-Label Fotovoltaiksysteme, die er zusammen mit der italienischen Agentur für Neue Technologien, Energie und Nachhaltige Wirtschaftliche Entwicklung lancierte.

Aufwändige Herstellung

«Das Prinzip ist dasselbe: In einer Lampe kommt das Licht von innen und muss nach aussen, während in einem Solarziegel die Sonnenstrahlen von aussen nach innen dringen müssen, um die Solarzellen zu erreichen.» Die Theorie klingt einfach, aber die Umsetzung war kein Kinderspiel. Es brauchte jahrelange Arbeit, um die ideale Dichte zu finden. Der Prototyp wurde dann von einem unabhängigen wissenschaftlichen Institut auf seine Effizienz geprüft. Die Analysen bestätigten eine Spitzenleistung von 70 Watt pro Quadratmeter, das sind etwa 50 Prozent der Leistung einer herkömmlichen Solarzelle.

Invisible Solar kostet umgerechnet gut 7 Franken pro Watt, verglichen mit 2 bis 3 Franken pro Watt für Standardzellen. «Man muss bedenken, dass dies von Hand gefertigte Produkte sind, speziell für historische Stadtteile», sagt Giovanni Quagliato. «Selbst bei Ziegeln ohne Solarzellen schwanken die Preise zwischen 1 Euro für normale Dächer und 7 Euro für historische Dächer.»

Vorläufig lebt Dyaqua noch von der LED-Lampenproduktion. Die Solarzellenprodukte sind finanziell bisher nicht tragbar, weil der handwerkliche Aufwand enorm ist. Es gibt noch keine Maschinen, welche die subtile, komplexe Handarbeit übernehmen könnten: Es gilt, Harzschicht um Harzschicht in verschiedener Dichte sowohl unter- als auch oberhalb der Solarzellen anzubringen und so zu krümmen, dass sie einen perfekten Dachziegel ergeben. Es ist einfacher, Stein oder Zement nachzubilden, aber auch hier sind Nuancen und Feingefühl gefragt, die in der industriellen Herstellung normaler Sonnenkollektoren nicht nötig sind.

Die Highlights des Impact Journalism Day. Quelle: TA

«Um die Produktion zu beschleunigen und mit der Nachfrage Schritt zu halten, müssten wir zuerst die Maschine erfinden, welche die Handarbeit entweder integrieren oder ganz ersetzen könnte», sagt Quagliato. Nur so wäre eine Massenproduktion möglich, welche die Preise senken und die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Produkten wie Teslas Solar Roof gewährleisten könnte.

Die Mittel, um in eine solche Maschine zu investieren, hat Dyaqua nicht. Quagliatos Kinder, Matteo und Elisa, haben eine Crowdfunding-Kampagne auf IndieGoGo gestartet und hoffen, so die rund 20'000 Franken für eine Maschine beschaffen zu können. «Invisible Solar ist meine Vision einer besseren Welt», sagt Matteo. «Einer Welt, in der die Technik so natürlich daherkommt wie die Landschaft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 15:22 Uhr

Initiant:
Giovanni Quagliato

Projekt:
Dyaqua, Italien

Website:
www.dyaqua.it

Autor:
Elena Comelli, «Corriere Innovazione»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

Vicenza

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