Zuckerberg ist überfordert

Facebook ist zum weltweit dominanten Informationsmedium geworden, hat die soziale Verantwortung dafür aber nicht entwickelt.

Mark Zuckerberg schien sich der politischen Macht von Facebook nicht bewusst zu sein. Foto: Manu Fernadez (Keystone)

Mark Zuckerberg schien sich der politischen Macht von Facebook nicht bewusst zu sein. Foto: Manu Fernadez (Keystone)

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Mark Zuckerberg war gewarnt. Russland benütze Facebook als Geheimwaffe, sagte ihm Präsident Barack Obama zwei Monate vor der Amtseinsetzung von Donald Trump. Das Ziel Moskaus sei, die US-Wahlen zu steuern und das Ansehen der Demokratie zu schwächen.

Doch Zuckerberg wischte diese Bedenken weg. Desinformationen hätten wenig Wirkung; und sie seien ohnehin kaum zu unterbinden.

Obama hatte Recht, und der Facebook-Chef zahlt nun für seine Sorglosigkeit. Der US-Kongress, der Ex-FBI-Chef sowie die Justiz ermitteln gegen Facebook und wollen wissen, warum es den russischen Angreifern derart leichtfiel, das politische Klima in den USA mit Fake-News zu vergiften und womöglich die Wahl zugunsten von Trump zu entscheiden.

3000 russische «Inserate»

Die Skepsis gegenüber Mark Zuckerberg ist überfällig. Facebook ist schon längst nicht mehr das romantische Plätzchen im Internet, wo die Menschheit sich findet und das gegenseitige Verständnis sich wie von selbst ergibt. Aus dem Ideal des Studenten Zuckerberg ist ein undurchsichtiger Informationskonzern mit einer enorm grossen politischen Macht geworden. Das damit verbundene Missbrauchspotenzial scheint Zuckerberg zu überfordern; auf jeden Fall nimmt er seine Verantwortung als global tätiger Kommunikationsunternehmer nur widerwillig und wenig überzeugend wahr.

Dabei ist das, was wir über die russische Infiltration von Facebook wissen, höchst alarmierend. Ein breiter Desinformationsangriff der geheimen Internet Research Agency in St. Petersburg brachte vor den Wahlen im November 2016 massenhaft Falschinformationen und Kreml-Propaganda in die USA.

Zuckerberg musste in diesen Tagen die Tragweite der Attacken bestätigen. Er räumte ein, dass die russischen Angreifer 3000 politische «Inserate» geschaltet und damit 10 Millionen Facebook-Kunden erreicht haben dürften. 44 Prozent der Fehlinformationen wurden vor der Wahl konsumiert, der Rest anschliessend.

Was die Attacke besonders gefährlich machte, war ihr professioneller Auftritt. Die Russen posierten als besorgte US-Bürger und äusserten sich aus einer klaren Pro-Trump-Position zu kontroversen Themen wie dem Recht aufs Waffentragen, der Gleichstellung von Homosexuellen oder den Rassenspannungen. Mit der Schmierenkampagne machten sie Stimmung gegen Hillary Clinton, und sie schwächten sie wohl auch. Dafür benutzten sie «boosted posts»; das sind bezahlte Inserate und eine reine Goldgrube für Zuckerberg, dessen Vermögen auf 70 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Ignorante Algorithmen

Wenn der Facebook-Chef derart zögerlich reagiert hat, so ist das zunächst mit seinem unglaublichen Erfolg zu erklären. Weltweit haben sich unterdessen 2 Milliarden Menschen auf seiner Plattform versammelt und Facebook zum grössten Massenmedium der bisherigen Geschichte gemacht.

Doch darin liegt aber auch die Schwäche des Unternehmens. Facebook ist für so viele Menschen ein so unentbehrliches Kommunikationsmittel geworden, dass es gegenüber den Marktkräften fast immun geworden ist. Das Netzwerk ist so konstruiert, dass sensationelle und auf­gebauschte Einträge mehr Gewicht erhalten. Artikel und Videos können gesponsert werden, ohne die Absender zu identifizieren. Wenn sie absichtlich verleumderisch und irreführend sind, so ist das kaum zu erkennen. Die Algorithmen belohnen die Kontroverse, unabhängig davon, wer sie antreibt oder ob sie «fake» ist.

Dass Zuckerberg so lange brauchte, bis er dem US-Kongress 3000 russische Infiltrationsinserate übergab, verdeutlicht sein Dilemma. Aus Anlass des jüdischen Feiertages Yom Kippur zeigte er erstmals Reue. «Ich bitte um Vergebung dafür, dass mein Werk benutzt wurde, um die Menschen auseinanderzudividieren, statt sie zusammenzubringen», schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Kurz darauf schaltete er ganzseitige Inserate und versprach Abhilfe. Er wolle 1000 Kontrolleure einstellen, welche die bezahlten Inserate auf irreführende und gewalttätige Inhalte durchforsteten. Facebook solle generell transparenter werden, versicherte Zuckerberg; aber auch die Kunden müssten kritischer werden.

Eine falsche Annahme

Das sind Anfänge, aber sie reichen nicht. Denn die meisten Inserate werden auch künftig erscheinen, ohne dass die Urheber vorgängig mit Facebook in Kontakt traten. Er wolle eben verhindern, dass Facebook Inhalte prüfe, bevor sie publiziert würden, verteidigt sich Zuckerberg. «Die Gesellschaft wünscht, dass wir es so machen.»

Das ist falsch. Jedes Medienunternehmen prüft bezahlte Inhalte und lehnt ab, was rassistisch, sexistisch und verleumderisch ist. Die Urheber sind bekannt, auch wenn Strohmänner vorgeschoben werden. Erst wenn Zuckerberg auch diese undankbare Aufgabe übernimmt, kann er als sozial verantwortlicher Unternehmer gesehen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 19:14 Uhr

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