«Zwei Bier und 3000 Franken bitte!»

Neben Schoggi und Calanda gibts künftig auch Kleinkredite für wenige Monate am Kiosk. 5 Fragen dazu. Wer sie bekommt, wer nicht. Und warum Beobachter regelrecht schockiert sind.

Zwei Bier und ein Expresskredit: Ein Kunde an einem Valora-Kiosk.

Zwei Bier und ein Expresskredit: Ein Kunde an einem Valora-Kiosk. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nun kommt sie also definitiv, die Kreditoffensive am Kiosk. Vor einigen Monaten erst hat Kioskbetreiberin Valora die Tochterfirma Bob Finance AG gegründet, die onlinebasierte Finanzprodukte anbietet (der TA berichtete). Als Erstes lancierte Bob Finance Kredite zwischen 1000 und 80'000 Franken, die auf das Privatkonto überwiesen werden. Nun folgen Expresskredite zwischen 1000 und 3000 Franken mit Laufzeiten von 1 bis 3 Monaten – abzuholen direkt bei den Kiosk-Filialen. Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Angebot.

Wer kann den neuen Expresskredit aufnehmen?

Mindestens 25 Jahre alt, Schweizer Wohnsitz, private E-Mail-Adresse, Handynummer und geregelte Einkünfte: Das sind laut der Website von Bob Finance die Bedingungen, die Kreditnehmer erfüllen müssen. Ausländer und Grenzgänger brauchen zusätzlich einen Schweizer Führerausweis.

Beantragt wird der Kredit «einfach online, via Smartphone, Tablet oder Desktop, ist voll ok!», steht da. In nur drei Schritten sei der Antrag fertig, die Entscheidung erfolge sofort, «online und blitzschnell». Der Kredit wird dann bei den K-Kiosk- und Press-&-Books-Filialen von Valora auf eine Ok-Prepaid-Kreditkarte geladen. Zurückgezahlt wird er ebenfalls bei den Filialen. Besonders interessant: Am Kiosk findet ebenfalls eine Ausweiskontrolle statt, um die Identität des Kreditnehmers zu bestätigen. Bei der Lancierung von Bob Finance war betont worden, die Kioskangestellten seien in die Kreditvergabe nicht involviert.

Was sind die Bedingungen für den Kredit?

Anders als andere Konsumkreditanbieter gibt Valora für die Expresskredite keine Zinsrate an, sondern berichtet lediglich von «attraktiven Konditionen»: zwischen 10 Franken pro Monat für den Kredit von 1000 Franken und 30 Franken für jenen über 3000 Franken. Bei genauem Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass diese Konditionen im Vergleich zum aktuellen Zinsniveau alles andere als attraktiv sind.

Ein Beispiel. Bei einem Kreditbetrag von 1000 Franken mit einer Laufzeit von drei Monaten macht Bob Finance dem Kunden folgenden Vorschlag: Die erste Monatsrate beträgt 210 Franken, die zweite ebenfalls, die dritte dann 610 Franken. Daraus entstehen am Schluss die angegebenen Gesamtkosten von 1030 Franken. Aufs Jahr betrachtet, ergibt sich laut der Konsumkreditformel ein effektiver Zinssatz von 14,97 Prozent, wie Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung ausgerechnet hat.

Valora schrammt damit knapp an der Zinsobergrenze für Konsumkredite von 15 Prozent vorbei (die der Bundesrat notabene auf 10 Prozent senken will). Wer verspätet bezahlt, muss zudem einen Verzugszins von 8,9 Prozent berappen. Der aktuelle Leitzins der Schweizerischen Nationalbank für den 3-Monats-Libor liegt bei –0,75 Prozent.

Wie werden Kreditnehmer überprüft?

Aufgrund der Angaben, welche sie online machen, also persönlicher Angaben, Ausweiskopie, Einnahmen und Ausgaben. «Auf dieser Basis wird im Hintergrund mit bewährten Systemen eine externe sowie interne Bonitätsprüfung durchgeführt und dem Kreditantrag zugestimmt oder entsprechend abgelehnt», sagt Mladen Tomic von Valora.

Was sagen Kritiker?

Als Valora im August das Fintech-Unternehmen Bob Finance AG gründete, war das Rätselraten um ihre Pläne gross. Einige Wochen später lancierte die Firma das erste Produkt: Kredite zwischen 1000 und 80'000 Franken mit Laufzeiten zwischen 6 und 120 Monaten und einem effektiven Jahreszins von 8,9 Prozent. Die Expresskredite sind nun das zweite Produkt.

Schon als Valora bekannt gab, ins Kreditgeschäft einzusteigen, hatte es laute Kritik gegeben. «Wir befürchten, dass Valora bei diesen Angeboten alles andere als zurückhaltend vorgehen wird», sagte damals Konsumentenschützerin Sara Stalder. Ebendiese Befürchtungen hätten sich nun bewahrheitet, sagt Stalder heute. «Kredite kann man sich bald am Kiosk abholen wie Kaffee und Zeitungen.»

Valora nütze mit dem neuen Produkt eine Lücke im Konsumkreditgesetz aus, das auf den 1. Januar 2016 angepasst wird. Es verbietet unter anderem aggressive Werbung für Konsumkredite und schreibt strengere Regeln für die Bonitätsprüfung vor – allerdings sind Expresskredite, die nach drei Monaten wieder zurückgezahlt werden, nicht vom Gesetz betroffen. «Es war absehbar, dass die Kreditanbieter in diese Lücke springen werden», sagt Stalder. «Und genau in dieser Lücke werden die Personen angesprochen, die am anfälligsten für Schuldenprobleme sind: jene mit kurzfristigen Zahlungsproblemen, die nicht abschätzen können, welche finanziellen Folgen ein solcher Expresskredit wirklich hat.»

Mario Roncoroni von der Schuldenberatung Bern ist regelrecht «schockiert» über das neue Angebot: «Das übersteigt alle meine Befürchtungen. Die Konsumenten haben keine Chance, die Folgen dieser Kredite einzuschätzen, da nicht einmal der Zinssatz transparent angegeben wird.» Es sei absehbar, dass solche Expresskredite zu einem Teufelskreis führten: «Wenn die 3000 Franken nicht mehr ausreichen, steigt der Kunde halt einfach auf den grösseren, länger laufenden Kredit um, den er von Bob Finance praktischerweise auch gleich bekommt. Das ist eine clevere Art der Kundenbindung.»

Was sagt Valora?

«Wir nehmen die Schuldenthematik sehr ernst», sagt Mladen Tomic von Valora. Die Bonität der Kunden werde bei jeder Kreditvergabe geprüft, ausserdem habe Bob Finance mit der Altersbeschränkung von 25 Jahren eine freiwillige Hürde eingebaut. Tomic will beim neusten Angebot nicht von einem Zinssatz sprechen, sondern von Gebühren, da Ok-Cash nicht dem KKG unterstehe. Diese bewegen sich laut Tomic im marktkonformen Rahmen: «Vergleichbare Offerten finden sich zuhauf.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2015, 14:54 Uhr

Artikel zum Thema

Rätselraten um Valora und die Kioskkredite

Valora steigt ins Finanzgeschäft ein. Gibt es am Kiosk bald Kredite wie Kaugummis und Zigaretten? Und welche Rolle spielt die Glarner Kantonalbank? Mehr...

Bald Kleinkredite am Kiosk

Die Kioskbetreiberin könnte auch ins Geschäft für Konsumkredite einsteigen. Valora verhandelt deshalb mit einer Kantonalbank. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Outdoor Langlauftipps für Anfänger
Michèle & Friends 10 Jahre, 3 Einsichten

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...