CS-Kunden fühlen sich betrogen

Zuerst empfahl die Credit Suisse kapitalgeschützte Lehman-Produkte. Nach dem Kollaps der US-Bank lehnt die CS jede Haftung ab. Doch die Kunden wehren sich.

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Von ihrer Bank im Stich gelassen, melden sich zahlreiche Kunden der Credit Suisse bei der Redaktion des «Tages-Anzeigers». Sie alle sind mit der Tatsache konfrontiert, im Zusammenhang mit der Lehman-Pleite einen Teil ihres Vermögens zu verlieren. Die meisten sind fassungslos, viele auch verbittert über ihre Hausbank.

Unter ihnen sind Kleinsparer und Leute aus dem Mittelstand. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Drängen ihrer CS-Berater Geld in kapitalgeschützte Produkte von Lehman Brothers steckten. Nach der Pleite von Lehman müssen sie mit einem Totalverlust ihrer Investition rechnen. In den meisten Fällen sind es fünf- bis sechsstellige Beträge, oft grosse Anteile des jeweiligen Gesamtvermögens.

Auffallend ist, dass sich nur Kunden der Credit Suisse melden, obwohl auch andere Banken Lehman-Produkte verkauft haben. Einiges deutet darauf hin, dass die CS diese Produkte aggressiver vermarktet hat als die Konkurrenz.

Die Angaben der düpierten Anleger gleichen sich wie ein Ei dem andern. Alle sind Laien in Finanzfragen. Deshalb kam keiner von sich aus auf die Idee, die komplex strukturierten Produkte zu kaufen. Alle wurden vom jeweiligen CS-Berater angegangen und – so die Kunden der Grossbank – zum Kauf gedrängt. Weil sie vom Geldanlegen wenig verstehen, vertrauten sie den Beratern, vor allem deren Beteuerungen, die Investition sei zu hundert Prozent kapitalgeschützt.

Kapitalgarantie in allen Farben

Auf den ausgehändigten Prospekten mit dem Logo der Credit Suisse hätten die Berater mit Leuchtstiften die Kapitalgarantie hervorgehoben. Mündlich und schriftlich sei x-fach auf den Kapitalschutz verwiesen worden, berichten die Geschädigten übereinstimmend. Und zwar auf den vollen Kapitalschutz. Kein Risiko, voller Schutz – das sei die Botschaft gewesen, erzählen die Betroffenen.

Dass nicht die CS als Vermarkterin, sondern Lehman als Emittentin des Produkts hafte, sei nie Thema gewesen. Auch in einem den Kunden abgegebenen Prospekt eines im Herbst 2007 verkauften Lehman-Produkts streicht die CS viermal den hundertprozentigen Kapitalschutz heraus. Dass der nur durch die Bank Lehman Brothers garantiert wird, entdeckt nur der juristisch Kundige im Kleingedruckten. Ein in einer Pharmafirma tätiger Mann sagt: «Das ist, wie wenn man der Medikamentenpackung nicht den Beipackzettel, sondern eine Fachinformation beilegen würde.» Der Mann sieht 100’000 Franken und damit ein Viertel seines Vermögens davonschwimmen. Der Partner einer betroffenen Frau, «die sich mühsam als Serviertochter eine für unsere Verdienstverhältnisse ansehnliche Summe vom Mund abgespart hat», schreibt: «Es wurde uns nicht klargemacht, dass die CS nur Vermittlerin ist.»

Sämtliche heute Vormittag bei der CS deponierten Fragen blieben unbeantwortet. Erst am Abend verbreitete die Bank eine Aussage von Hanspeter Kurzmeyer, Leiter des Privatkundengeschäfts in der Schweiz: «Wir werden jeder Kundenreaktion genau nachgehen und die Hintergründe analysieren.» Die Bank sei sich der schwierigen Situation der Kunden bewusst. Spezialisten suchten die offenen Fragen um Lehman rasch zu klären.

Übrigens: Eine Frau aus Rüti war auch in ein Lehman-Produkt investiert – nicht über die CS, sondern über die Bank Linth. Ihr Berater informierte sie am 17. Juni über die schlechte Verfassung von Lehman und riet zum Verkauf. Ein CS-Kunde erkundigte sich im Mai bei seiner Bank nach dem Zustand von Lehman. Sein Berater empfahl ihm, nicht zu verkaufen.

Erstellt: 23.09.2008, 10:36 Uhr

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